Kultur
10.07.2018

Film- und TV-Star: Sigmund Freud hat wieder Saison

© Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Nicht nur in der ORF-/Netflixserie „Freud“ steht der Wiener Psychoanalytiker im Zentrum. Von Gabriele Flossmann.

Wie andere Jahrhundertfiguren wurde und wird auch Sigmund Freud vereinnahmt, persifliert und karikiert. Das Foto, das ihn mit Bart, Brille und Zigarre zeigt, ist inzwischen eine Ikone, vergleichbar nur mit dem die Zunge herausstreckenden Albert Einstein. Salvador Dalís Malerei oder Woody Allens Neurotiker-Filme wären ohne die Psychoanalyse nicht denkbar. Loriots „Ödipussi“ bringt selbst Leute zum Lachen, die nie eine Zeile Freud gelesen haben. „Man spricht Freud“ könnte man auch sagen, angesichts der Tatsache, dass die von ihm geprägten Begriffe wie Über-Ich, Verdrängung, Lustprinzip oder Ödipus-Komplex längst Teil der Alltagssprache geworden sind.

„Der Trafikant“

Nun hat Sigmund Freud wieder Saison. Als Film- und Fernsehstar. Die Verfilmung des Robert Seethaler-Bestsellers „Der Trafikant“ (siehe Bilder vom Dreh) von Nikolaus Leytner ist gerade abgedreht und soll im Herbst ins Kino kommen. Im Buch wie im Film tritt der Psychiater als Zigarrenkäufer auf – prominent besetzt mit Bruno Ganz. Als Stammkunde eines Wiener Tabak- und Zeitungsgeschäfts wird er zum väterlichen Freund des dort beschäftigten Provinzbuben, gespielt von Simon Morzé. Der 17-jährige Lehrling wird zum Zeitzeugen des Hitler-Faschismus in Wien und bekommt am Beispiel seiner Bezugspersonen Einblick in die skrupellose Überlebensregel der damaligen Zeit: Freud emigriert, der Trafikant (Johannes Krisch) überlebt die Nazis nicht.

Dass sich der junge Mann von Freud auch in Liebesdingen und Erotiksachen beraten lassen will, erweist sich aber als Fehlschlag. Denn dem Entdecker des Unbewussten, der die Macht der Sexualität enthüllte, ist das weibliche Geschlecht ein kaum minder großes Rätsel. Damit erklärt sich auch, warum die Versuche Hollywoods, ein Bio-Pic über Sigmund Freud zu drehen, bisher kaum von Erfolg gekrönt waren. Freuds Leben weist nämlich keine Spuren von erotischen Abenteuern oder Skandalen auf, die man aufgrund seiner Sexualtheorien vielleicht erwarten könnte. Noch in den 1950er-Jahren sah der Philosoph Ludwig Marcuse in Freud einen „schwerblütigen, monoman-monogamen, pedantischen, verschlossenen, eigensinnig-gradlinigen, fast preußisch anmutenden Österreicher“, von dem auch während seiner Wien-Jahre „nichts zu berichten ist von Wiener Mädeln, Caféhausqualm, Walzern und glänzenden Abenden in der Oper“.

© Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Couch-Besitzer

Wohl aus diesem Grund war und ist Freud in Filmen meist nur eine Randfigur, auf dessen Couch sich zahlreiche Prominente tummeln. Wie etwa in David Rühms „Therapie für einen Vampir“ (2014) mit Tobias Moretti, Percy Adlons „Mahler auf der Couch“ (2010) mit Johannes Silberschneider oder David Cronenbergs „A Dangerous Method – Eine dunkle Begierde“ (2011) mit Michael Fassbender und Keira Knightley. Und der italienische Filmemacher Nanni Moretti porträtierte in seinem Film „Goldene Träume“ (1981), mit dem er in Venedig den Goldenen Löwen gewann, Freud als cholerischen kleinen Greis, der seine altjüngferliche Tochter Anna tyrannisiert, selbst aber ganz unter der Fuchtel seiner noch immer den Haushalt beherrschenden Mutter steht und diese (sexuelle?) Abhängigkeit offensichtlich genießt.

Ödipus-Komplex

Berühmt wie berüchtigt ist der legendäre „Freud“-Film (1962) von John Huston, in dem der Psychiater, gespielt von Montgomery Clift, dem Ödipus-Komplex auf die Spur kommt. Ursprünglich hatte Huston Jean-Paul Sartre dazu überreden können, ein Drehbuch zu schreiben. Der französische Existenzialismus-Philosoph hatte zunächst acht Monate gebraucht, um die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse zu studieren. Dann lieferte er ein Drehbuch, das laut Huston zwar genial, doch viel zu lang, war – 450 statt der erwünschten 160 Seiten. Nach Hustons Bitte um Kürzungen lieferte Sartre ein neues Skript: Es war 870 Seiten lang. John Huston beschäftigte daraufhin einen anderen Drehbuchschreiber – Sartres Version erschien als Buch.

Trotz der Hindernisse und Fallen, die Sigmund Freud als Filmheld offenbar bereithält, gibt es derzeit gleich mehrere Bestrebungen, ihn in Kino- und TV-Projekten vorkommen zu lassen. Vor allem, wenn er seine psychoanalytischen Erkenntnisse in den Dienst der Kriminologie stellt oder gar selbst auf Mörderjagd geht. Diese – gar nicht so neue – Rolle liegt nahe, hatte doch der Psychoanalytiker selbst einmal diagnostiziert, dass er und Sherlock Holmes bei der Klärung ihrer „Fälle“ sehr ähnlich arbeiteten.

Wiener Widerstand

Zu den geplanten Projekten, in denen Freud als Ermittler tätig sein soll, gehört eine Krimi-Serie, die unter anderem von Netflix und dem ORF kofinanziert werden soll. Sie soll im Wien des Jahres 1886 spielen – in einer Zeit, als Freuds revolutionäre Theorien bei Kollegen und in der Gesellschaft auf starken Widerstand stießen. Just in dieser Zeit begibt er sich gemeinsam mit einem Kriegsveteranen und Polizisten und einem Medium auf eine nervenaufreibende Jagd nach einem mysteriösen Serienkiller. Regisseur ist der Wiener Marvin Kren, der nach der höchst erfolgreichen Mafia-Serie „4 Blocks“ und „Mordkommission 1“ Erfahrungen im Krimi-Metier hat.

Auch ein Student und Epigone von Freud könnte als Ermittler zu Krimi-TV-Ehren kommen: Max Liebermann, bekannt aus der erfolgreichen sechsbändigen Liebermann-Krimi-Reihe des Londoner Psychiaters Frank Tallis. Auch dieses Projekt könnte als deutsch-österreichische Koproduktion mit der BBC verwirklicht werden. Liebermann hat übrigens ebenfalls ein reales Vorbild: Der zur Hitler-Zeit in die USA emigrierte Psychiater und Kriminologe Theodor Reik, einer von Freuds Lieblingsstudenten, gilt mit seinen zahlreichen Publikationen, darunter „Der unbekannte Mörder: von der Tat zum Täter“, als einer der ersten Profiler der Geschichte.