Kultur
05.12.2018

Filmkritik zu "Widows – Tödliche Witwen": Das traut uns keiner zu

Viola Davis und ihre Komplizinnen nehmen Rache in Steve McQueens famosem Thriller.

Der Ehemann ist tot. Wie sah die letzte Begegnung mit ihm aus? Ein leidenschaftlicher Kuss? Eine Streiterei über Geld? Ein blaues Auge, das sich nur mühsam mit Schminke überdecken ließ?

Wie auch immer. Tatsache ist: Drei Frauen stehen plötzlich alleine da. Ihre kriminellen Männer wurden bei einer Explosion in Stücke gerissen. Viel blieb nicht von ihnen übrig, sieht man von einer Zwei-Millionen-Dollar-Schuld ab, die nun die Witwen begleichen müssen.

Vor fünf Jahren beeindruckte Regisseur Steve McQueen zuletzt mit seinem einschneidenden Sklavendrama „12 Years A Slave“ sein Weltpublikum und erhielt dafür drei Oscars, darunter einen in der Kategorie bester Film. Mit „Widows“ stößt der Brite nun erstmals ins Genre-Fach des sogenannten Heist-Movies vor und bricht bei der Gelegenheit effektvoll ein paar Regeln. Anstatt zügig die Planung und Ausführung eines möglichst spektakulären Raubüberfalls à la „Ocean’s Eleven“ anzusteuern, fächert McQueen ein faszinierend weites Sozialspektrum in der South Side von Chicago auf, in dem sich weiße und schwarze Lokalpolitiker üble Machtkämpfe liefern.

Gleichzeitig stellt er drei Frauen in den Mittelpunkt, die einen Racheraubüberfall planen und dabei weder einen Führerschein besitzen, noch eine Pistole halten können. Doch wie die Anführerin Veronica zu Recht erkennt, ist gerade diese scheinbare Unfähigkeit ihre Chance, denn: „Das traut uns keiner zu.“

Tatsächlich sehen ihre Komplizinnen nicht gerade aus wie angehende Gangsterbräute: Die zarte Elizabeth Debicki als blonde Alice steht mit einem Bein in der Prostitution, lernt dafür aber schnell , wie man Fluchtautos besorgt. Michelle Rodriguez als überforderte Mutter rundet das kriminelle Trio ab.

Kontrastmittel

Steve McQueen begann seine Karriere als Videokünstler und – später – als Documenta-Teilnehmer und ist ein Meister der Inszenierung von (schwarzen) Körpern. Besonders die Schönheit von Viola Davis als Rädelsführerin Veronica bringt McQueen zum Leuchten – bevorzugt vor weißem Hintergrund, der manchmal beinahe an den Ausstellungsraum eines White Cube erinnert. Er hebt ihre dunkle Haut formvollendet von dem Körper ihres weißen Ehemanns (Liam Neeson) ab oder drückt ihr einen kleinen Hund mit weißem Fell als Kontrastmittel in den Arm.

Überhaupt ist McQueen sowohl ein Freund schneller Schnittwechsel als auch harter Gegensätze – sowohl was Erzähltempo als auch Hautfarbe und Klassenstatus anbelangt: Stumme Kussszenen wechseln abrupt mit wütenden Pistolenschüssen, schäbige Räume der schwarzen Community mit den honorigen Festsälen weißer Politiker. Unter ihnen bilden Colin Farrell und Robert Duvall ein korruptes, weißes Vater-Sohn-Gespann inmitten eines bildschönen Noir.

INFO: GB/ USA 2018. 129 Min. Von Steve McQueen. Mit Viola Davis, Michelle Rodriguez.