Kultur
07.11.2018

Filmkritik zu "Touch Me Not": Brüste namens Gusti und Lilo

Adina Pintilies herausfordernde Studie über Intimität gewann den Goldenen Bären und provoziert das Publikum

Als der rumänische ErstlingsfilmTouch Me Not“ vergangenen Februar den Goldenen Bären der Berlinale gewann, blieb vielen Festival-Beobachtern der Mund offen. Ausgerechnet der deutsche Regisseur Tom Tykwer, bekannt für bekömmliches Erzählkino, hatte einen kontroversiell diskutierten „Sex-Aufreger“ gekürt: Scharenweise waren die Zuschauer während den Vorführungen aus den Kinos gelaufen, zu explizit hatten sie offenbar die Darstellung von nackten Körpern empfunden.

Und nicht irgendwelcher Körper. Für ihre Intimitätsstudie arbeitete die Regisseurin und Künstlerin Adina Pintilie mit Schauspielern und Laien zusammen, darunter Menschen mit körperlicher Behinderung. Mit ihnen lotet sie in streng arrangierten Tableaus – in einer Art Versuchsanordnung – Intimität, Nähe und Distanz aus.

Im Zentrum steht eine Frau namens Laura – spröde gespielt von Laura Benson –, die unter extremer Angst vor körperlicher Berührung leidet. Um die aufgezwungene Barriere zu anderen Menschen nieder zu reißen, engagiert sie Sexarbeiter. Sie beobachtet einen Callboy beim Masturbieren oder lädt sich eine Transfrau namens Hanna ins Haus. Angreifen will sie sich von keinem der beiden lassen. Doch gerade Hanna geht mit ihrem teilweise operierten Körper besonders entspannt um, rekelt sich neben der erstarrten Laura am Bett und nennt ihre eigenen Brüste gut gelaunt Gusti und Lilo.

Selbstbefragung

All diese Begegnungen finden in klinisch weißen Räumen, also in betont inszenierten Laborsituationen statt. Die Kamera ist immer gut sichtbar, ebenso die Regisseurin selbst.

Im Zuge ihrer Selbstversuche kommt Laura auch mit einer Gruppentherapiesitzung in Kontakt. Dort lernen Menschen mit und ohne Behinderung, sich gegenseitig zu berühren. Einer von ihnen heißt Christian Bayerlein, ist an spinaler Atrophie erkrankt und das, was man landläufig unter „entstellt“ versteht. Sein Körper ist verkrümmt, seine Zähne stehen stark hervor, Speichel tropft aus einen Mundwinkel. Sein Therapie-Partner hat sichtlich Mühe, Christians Gesicht zu berühren und gesteht offen seine Hemmungen.

Spätestens hier beginnt die Selbstbefragung. Denn es ist unser Zuschauerblick, der konstant mitverhandelt wird: Wie schwer fällt es, auf nicht konforme Körper zu blicken? Wie sehr sind wir auf „Normalität“ geeicht? Und was genau heißt eigentlich Behinderung?

Gerade Christian Bayerlein weist diesen Begriff weit von sich und zeigt ein Einverständnis mit und eine Lust an seinem Körper, die stereotype Vorstellungen von Schön und Hässlich gehörig ins Wanken bringen. Schon allein deswegen ist Adina Pintilies Versuch über die Intimität in jeder Hinsicht bemerkenswert, weil er mundgerechtes Arthouse-Kino bei Weitem überschreitet: Er provoziert unsere Reaktionen, ohne provokant zu sein. Gleichzeitig wirken die monoton vorgetragenen Kommentare der Regisseurin aus dem Off oft penetrant, und auch der endlose Therapie-Sprech („Wie fühlst du dich gerade?“) rüttelt an den Nerven. Denn eben diese Frage – „Wie fühlst du dich gerade?“ – lässt sich beim Zusehen am schwersten beantworten.

INFO: ROU/D/F/TSCHE/BUL 2018. 123 Min. Von Adina Pintilie. Mit Laura Benson, Christian Bayerlein.