Lernen einander hochschwanger im Spital kennen: Penélope Cruz (re.) und Milena Smit als „Parallele Mütter“ 

© Constantin

Kinostarts
03/09/2022

Filmkritik zu "Parallele Mütter" von Pedro Almodóvar: Erinnerungsarbeit mit Babybauch

Pedro Almodóvar begeistert mit einem glühenden Melodram, in dem sich Penélope Cruz der spanischen Vergangenheit zuwendet

von Alexandra Seibel

Der neue Film von Pedro Almodóvar gehört mit zum Besten, was das Kino derzeit zu bieten hat. Bereits zur Eröffnung des Filmfestivals von Venedig hat er sein Publikum umgehauen. Tiefsinnig und sexy, formschön und berührend, garantiert „Parallele Mütter“ packende Unterhaltung auf höchstem Niveau und begeistert zudem das Auge mit seiner extravaganten Eleganz.

Penélope Cruz als Fotografin Janis ist wieder so mitreißend wie zuletzt in Almodóvars „Volver – Zurückkehren“. In jeder Szene vibriert sie mit Emotion, egal ob es die Hingebung an ihre Arbeit, die Liebe zu ihrem Kind oder die Beschäftigung mit der Vergangenheit ist.

Apropos Vergangenheit: Almodóvar verstand sich selbst immer als „radikal zeitgenössischer Künstler“, der der faschistischen Vergangenheit Spaniens mit seinen Filmen weitgehend den Rücken kehrte. Er tat dies – wie er in einem Interview mit dem Guardian erklärte –, um sich an Franco zu rächen, indem er ihn ignorierte, aber: „Das bedeutet nicht, dass ich vergessen habe.“

Nicht vergessen hat auch die Fotografin Janis, deren Urgroßvater gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern von den Faschisten ermordet und in den Feldern verscharrt worden war. Janis hegt den Plan, einen forensischen Archäologen namens Arturo mit seinem Team zu engagieren, um die Toten zu exhumieren und dann richtig begraben zu können.

Aus der Begegnung mit dem verheirateten Arturo entwickelt sich eine stürmische Liebesbeziehung.

An dieser Stelle kann sich Almodóvar allerdings einen kleinen Seitenhieb auf die Welt der Heteros nicht verkneifen: Gerade noch hat man Janis beim leidenschaftlichen Affärensex gesehen, bereits in der nächsten Szene kämpft sie schmerzverzerrt mit den Wehen.

Im Spital lernt sie eine Teenagerin namens Ana (hervorragend: Milena Smit) kennen, die praktisch zeitgleich mit ihr ein Kind bekommt. Die beiden Frauen freunden sich an – mit weitreichenden Folgen.

Janis Joplin

Ana gehört zu jener jungen Generation, die nicht einmal mehr weiß, wer Janis Joplin war. Höchste Zeit also, Erinnerungsarbeit zu leisten.

Kongenial verzahnt Almodóvar dramatische, intime Beziehungskonstellationen mit einem Rückgriff auf die Polit-Geschichte Spaniens und den (verdrängten) Umgang mit Faschismus.

Seine unaufdringliche, aber umso aufwühlendere Geschichtslektion hält ihn nicht davon ab, ein glühendes Melodram in leuchtenden Farben zu entfachen. Passend dazu beschwört ein nervöser Geigen-Soundtrack in schönster Hitchcock-Manier unheimliche Thriller-Anklänge.

Wie nebenher und eigentlich abseits seines Haupterzählpfads entwirft der Regisseur auch das Porträt einer Frau, die sich selbst als die „schlechteste Mutter der Welt“ bezeichnet. Almodóvar ist weit davon entfernt, Urteile über seine Figuren zu fällen, sondern bringt – wie immer in seinen Filmen – eine Vielzahl von Lebensentwürfen abseits stereotyper Geschlechterrollen ins Spiel.

Dazu gesellt sich sogar ein gewisses Maß an Altersmilde: Bisher fanden heterosexuelle Männer wenig Spielraum im queeren Kino des schrillen Spaniers; diesmal jedoch endet er versöhnlich mit einem Plädoyer für eine Patchworkfamilie jenseits der Traditionen.

INFO: ESP/F 2021. 123 Min. Von Pedro Almodóvar. Mit Penélope Cruz, Milena Smit.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare