Kultur
07.11.2018

Filmkritik zu "Aufbruch zum Mond": Rumpelkammer im Weltall

Ryan Gosling als introvertierter Astronaut Neil Armstrong in charismatischer Mission zum Mond.

Es dauert beinahe zwei Stunden, bis der weltberühmte Satz zur Mondlandung fällt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“

Ryan Gosling als Astronaut Neil Armstrong spricht ein großes Wort gelassen aus. Trotzdem hielten manche Beobachter aus den amerikanischen Homelands die filmische US-Mission auf den Mond für nicht patriotisch genug. Warum?

Weil nicht explizit zu sehen ist, wie Armstrong die amerikanische Flagge in die Mondoberfläche bohrt. Ein republikanischer Senator wie Marco Rubio verurteilte „First Man“ –so der Originaltitel – als schlichtweg unpatriotisch. Im Trump-Amerika ein schwerer Vorwurf.

Tatsächlich erzählt Oscarpreisträger Damien Chazelle („La La Land“) die Fahrt zum Mond als verbissenen Kampf der NASA-Ingenieure gegen den immer größeren Widerstand seitens der Politik und der öffentlichen Meinung. Darüber hinaus lassen zahlreiche Rückschläge und Unfälle den Wettlauf mit den Russen ins All streckenweise fast aussichtslos erscheinen.

Ryan Gosling wiederum spielt seinen Neil Armstrong als wortkargen, verschlossenen Mann, dem es stark an kommunikativen Fähigkeiten mangelt – vor allem seiner Familie und seinen Kindern gegenüber. Zudem hat er den frühen Tod seiner kleinen Tochter nie ganz verkraftet und trägt diesen Verlust wie eine geheime Wunde im Herzen – manchmal mit dem Effekt, dass sie seine Arbeit beeinträchtigt.

Bubenabenteuer

Der erst 33-jährige Chazelle ist ein Meister darin, Filmbilder aus einer anderen historischen Ära perfekt nachzuahmen und dazu überaus attraktiv aufzuladen. Mit einer nervösen Kamera beschwört er einen Sixties-Look, dessen schöne Vintage-Farben die Intimität eines Home-Movies erreichen. Auch ist Chazelle ein Kind seiner (Hollywood-)liberalen Gegenwart: Die Fahrt zum Mond wir nicht ungebrochen als geniales Bubenabenteuer weißer Männer erzählt, sondern genau deswegen in die Pflicht genommen.

Zumindest ansatzweise.

Die wunderbare Claire Foy aus „The Crown“ kommt als alleingelassene Ehefrau und Mutter ebenso in den Fokus, wie die Kinder als Opfer eines ratlosen Erziehungsberechtigten.

Auch die Anliegen der Bürgerrechtsbewegungen der späten 60er-Jahre nimmt Chazelle in den Blick: Der berühmte Revolutions-Rap „Whitey on the Moon“ von Gil Scott-Heron erzählt vom Elend einer verarmten, schwarzen US-Bevölkerung, die vom weißen Mann auf dem Mond exakt nichts zu erwarten hat. Zudem ringt Chazelle eindrucksvoll um ein möglichst immersives Zuschauererlebnis: Die Astronauten kreiseln wild in ihrer Raumschiffkapsel, manche von ihnen müssen sich übergeben. Das Licht fällt aus, Metall kreischt, Funken sprühen. Wie in einer Rumpelkammer jagen sie durchs Weltall – und wir, stark geschüttelt, mit ihnen.

Kein Zweifel: „Aufbruch zum Mond“ braucht das Kino.

INFO: USA 2018. 141 Min. Von Damien Chazelle. Mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke.