Kultur
23.04.2014

Die letzte Reise des Michael Glawogger

Der renommierte österreichische Filmemacher starb bei Dreharbeiten in Afrika 54-jährig an Malaria.

Im Dezember vergangenen Jahres brach Michael Glawogger zu einer Weltreise auf, während der sein neuer Film "Untitled" entstehen sollte. Er "hat sich auf eine Reise gemacht, um herauszufinden, was ihm die Welt erzählen konnte", heißt es von Seiten seiner Produktionsfirma Lotus Film. Denn von dieser Reise kehrt der 54-jährige Grazer nicht zurück.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, starb Michael Glawogger im afrikanischen Liberia an Malaria. Er zählte zu den profiliertesten Filmemachern Österreichs. Seine vielfach ausgezeichneten Arbeiten – zu denen auch Trashkomödien wie "Nacktschnecken" und "Contact High" oder Dramen wie "Das Vaterspiel" zählen – erschütterten und provozierten oft gleichermaßen.

Michael Glawogger: Seine Filme in Bildern

Michael Glawogger: Bilder aus seiner Karriere

1/19

Die Frau mit einem Schuh

Kunst-Stücke "Kino im Kopf"

Kunst-Stücke Film "Megacities"

Nacktschnecken

DIEHL HIERZEGGER

DIEHL MANKER OSTROWSKI

Workingman's Death

Workingman´s Death

FILMDREH ãCONTACT HIGHÒ : GLAWOGGER/OSTROWSKI

Contact High

Das vaterspiel

Whore's Glory/Glawogger…

Whores' Glory

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INTERVIEW MICHAEL GLAWOGGER

Preisgekrönte Dokus

Zu seinen bekanntesten Werken zählen vor allem seine breit diskutierten Dokumentarfilme "Megacities", "Workingman’s Death" und "Whores’ Glory". Sein unverstellter Blick auf die Welt und die Kraft seiner Bilder waren unverkennbar: Geschult in seiner Zusammenarbeit mit Ulrich Seidl, blickte Glawogger immer wieder dorthin, wo viele lieber wegschauen. Besonders in seinen globalisierungskritischen Dokus lieferte er unfassbare Bilder: Wenn sich in seinem mit Preisen überhäuften "Workingman’s Death" ukrainische Bergleute durch Stollen zwängen, dass einem bereits beim Zuschauen die Luft weg bleibt; wenn nigerianische Tagelöhner auf Schlachthöfen arbeiten, wo es aussieht wie in einem Vorhof zur Hölle. Glawogger zeigte damit "das Archaische der Schwerstarbeit". Immer wieder fand er "im Schrecken die Schönheit". In seinem letzten großen Doku-Film "Whores’ Glory" – seinem "Hurenfilm", wie er ihn selbst gut gelaunt bezeichnete – dokumentierte er die Arbeit von Prostituierten in Thailand, Bangladesch und Mexiko. Sein Besuch bei jungen Frauen in Bangladesch, die in düsteren Kammern hausen, sieht aus wie ein Bericht aus dem Hades.

Am 3. Dezember 2013 brach Michael Glawogger in einem roten VW-Bus – mit Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert – zu seinem Filmprojekt "Untitled – Der Film ohne Namen" auf. Dieses Doku-Projekt hätte einen weiteren Blick auf die Welt in Zeiten der Globalisierung werfen sollen: Es gab kein fixes Konzept, sondern eine "Carte blanche" der Lotus Film, über die er in einem Blog für dieSüddeutscheberichtete. Glawogger und sein kleines Team reisten über den Balkan nach Italien, Marokko, Mauretanien, den Senegal, Guinea und Gambia. Unterwegs wollte er spontan alles Interessante filmen, ohne sich vorher auf ein Thema festzulegen. Über Sierra Leone gelangte er schließlich nach Liberia.

Letzte Botschaft

Auf der Diagonale wurde zuletzt sein erster TV-Film, der Landkrimi "Die Frau mit einem Schuh" präsentiert – und Glawogger meldete sich via Videobotschaft aus Afrika bei den Kino-Besuchern.

Am Dienstag starb er in Liberia. Es heißt, er wäre zunächst auf Typhus behandelt worden, ehe eine besonders aggressive Malaria-Form diagnostiziert wurde. Er soll weit weg von der nächsten größeren Stadt gewesen sein und konnte nicht mehr aus Afrika ausgeflogen werden.

Die Filmbranche (siehe: Reaktionen) reagierte auf seinen Tod mit tiefer Bestürzung.

Von den Anfängen bis zum letzten Projekt

Glawoggers letztes Filmprojekt "Untitled - Film ohne Namen" sollte auf einer Weltreise basieren, die Glawogger im vergangenen Dezember angetreten hatte. In einer Produktionsnotiz heißt es: "Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition."

Neugier und Intuition haben Michael Glawogger in seiner filmischen Arbeit stets ausgezeichnet. Für die Süddeutsche Zeitung führte Glawogger auf seiner Reise zu "Untitled" ein Tagebuch in Blogform. Seinen letzten Eintrag veröffentlichte er am 11. April aus Galahun, Sierra Leone. In der Online-Ausgabe des Standard, für den er ebenfalls bloggte, wurde noch am Dienstag ein Eintrag aus Liberia veröffentlicht.

Filme über Globalisierung

Michael Glawogger wurde 1959 in Graz geboren. Der Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann besuchte von 1981 bis 1982 das San Francisco Arts Institute und studierte anschließend von 1983 bis 1989 an der Filmakademie Wien.

Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er mehrere Male mit seinem Regie-Kollegen Ulrich Seidl zusammen. Ähnlich wie Seidl, bediente sich Glawogger häufig der Form des semi-dokumentarischen Spielfilms. Seine international erfolgreichen Arbeiten "Megacities", "Workingman’s Death" und "Whore's Glory" bildeten eine Trilogie zum Zustand der Welt um die Jahrtausendwende. Glawogger bereiste dafür beinahe alle Kontinente und thematisierte unter anderem soziale Aspekte der Globalisierung. "Untitled", seine filmische Reise ins Ungewisse, sollte daran anschließen.

Auch im Spielfilmbereich war Glawogger erfolgreich. Das Drama "Slumming" hatte im Februar 2006 im Rahmen der Berlinale Uraufführung. 2009 folgten die Haslinger-Verfilmung "Das Vaterspiel" und die Drogenkomödie "Contact High", deren Hauptfiguren bereits in "Nacktschnecken" (2004) zu sehen waren.

Jurypreis in Venedig

Michael Glawoggers umfassendes Werk wurde bereits zu Lebzeiten ausgiebig gewürdigt. So erhielt er für "Ameisenstraße" (1995) und "Megacities" (1998) den Wiener Filmpreis. "Workingman's Death" wurde mit dem Europäischen und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet und "Das Vaterspiel" erhielt 2009 den Großen Preis der Diagonale.

Zuletzt wurde "Whores' Glory", eine Dokumentation über die Arbeitsbedingungen von Prostituierten in verschiedenen Ländern der Welt, 2011 bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury in der Reihe Orizzonti ausgezeichnet. "Ich würde diesen Preis gerne heute nach Thailand, Bangladesch und Mexiko tragen, um den Frauen zu zeigen, wie außergewöhnlich das ist, was sie mir mit auf den Weg gegeben haben. Und dass sie wahrgenommen und verstanden werden." Was ihm der Preis bedeute? "Dass ich weiter Filme machen kann", so Glawogger damals. An diesem Ziel hat der Filmemacher unermüdlich gearbeitet. Nun wurde er von der Tropenkrankheit Malaria mit 54 Jahren aus dem Leben gerissen.

Die Filme von Michael Glawogger

2013 "Untitled - Der Film ohne Namen" - Unvollendeter Dokumentarfilm
2013 "Die Frau mit einem Schuh" (ORF-Landkrimi)
2011 "Whores' Glory" - Dokumentarfilm
2009 "Das Vaterspiel" - Spielfilm
2009 "Contact High" - Spielfilm
2007 "Über Wasser" - Dokumentarfilm (Drehbuch von Michael Glawogger)
2006 "In Heaven" - Kurzfilm
2005 "Workingman's Death" - Dokumentarfilm
2005 "Slumming" - Spielfilm
2005 "Mai Thai" - Kurzfilm
2004 "Nacktschnecken" - Spielfilm
2002 "Zur Lage" - Dokumentarfilm (Ein filmischer Beitrag von Glawogger)
1999 "Frankreich, wir kommen!" - Dokumentarfilm
1998 "Megacities - 12 Geschichten vom Überleben" - Dokumentarfilm
1996 "Kino im Kopf" - Dokumentarfilm
1995 "Tierische Liebe" - Dokumentarfilm von Ulrich Seidl (Kamera von Glawogger)
1995 "Die Ameisenstraße" - Spielfilm
1992 "Mit Verlust ist zu rechnen" - Dokumentarfilm vo Ulrich Seidl (Kamera und Buch von Glawogger)
1990 "Good News - Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern"- Dokumentarfilm (Buch von Glawogger)
Wienern
1989 "Krieg in Wien" - Dokumentarfilm (co-Regie mit Ulrich Seidl)
1989 "Die Stadt der Anderen" - Kurzfilm
1987 "Haiku" - Kurzfilm
1984 "Tod eines Lesenden" - Kurzfilm
1982 "Street Noise" - Experimentalfilm
1981 "Pacific Motion" - Experimentalfilm

Seine filmische Sprache war originär

Der überraschende Tod Michael Glawoggers hat große Bestürzung unter Kollegen ausgelost: "Der österreichische Film verliert einen seiner prononciertesten Filmemacher, einen, der sich nie einordnen ließ und der ein filmisches Werk hinterlässt, das in den Kanon des Weltkinos eingegangen ist", würdigte etwa Roland Teichmann, Direktor des Österreichischen Filminstituts, den Filmemacher.

"Wir haben gestern eine langjährigen Wegbegleiter und Freund verloren. Michael Glawogger hat unserer Arbeit wie kein zweiter geprägt und war maßgeblich an der inhaltlichen Orientierung unseres Schaffens beteiligt", hieß es vonseiten der Produktionsfirma Lotus Film, die gemeinsam mit Glawogger gerade an dem Projekt "Untitled - Der Film ohne Namen" arbeitete. "Glawogger hat sich auf eine Reise gemacht, um herauszufinden, was ihm die Welt erzählen kann. Bedingungslos und konsequent war sein Blick auf diese Welt. Wir hatten das Glück, viele dieser Momente in Form seiner Werke einem Publikum näher bringen zu können", so Tommy Pridnig von Lotus Film. "Seine filmische Sprache war originär, mit dieser Sprache hat er der Welt von Dingen erzählt, die kein anderer so präzise ausdrücken hätte können", zeigt sich auch Gabriele Kranzelbinder, Präsidentin des Verbands Österreichischer Filmproduzentinnen und Filmproduzenten (AAFP) betroffen.

Auch heimische Politiker würdigten das Schaffen des Regisseurs: "Michael Glawogger war ein hoch angesehener, international erfolgreicher österreichischer Regisseur, dessen überraschender Tod ein Loch in Österreichs Filmlandschaft reißt", so Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) in einer Aussendung. Glawogger habe es verstanden, "genreunabhängig, ob Komödie oder Dokumentation, Menschen mit seinen Filmen gleichermaßen zu berühren, zu unterhalten, aber auch aufzurütteln und auf Missstände aufmerksam zu machen." Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) würdigte in einer Aussendung die gesellschaftskritische Haltung Glawoggers: "Mit seiner Darstellung von Lebenswelten aller sozialen Schichten auf allen Kontinenten nahm er eine einzigartige Position in der Filmlandschaft ein." Auch ÖVP-Kultursprecherin Maria Fekter würdigte Glawoggers Schaffen: "Mit seinen beeindruckenden, kritischen und zugleich menschlichen Dokumentationen hat Glawogger sicherlich Maßstäbe gesetzt." Als "ungeschminkte Zeitzeugnisse eines laufenden Übergangs der vielen Kulturen auf unterschiedlichen Erdteilen zu einem kulturellen Konglomerat, das von wirtschaftlichen Interessen gesteuert wird" umriss der Grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl Glawoggers Arbeit.

"Mit Michael Glawogger verliert der österreichische Film einen seiner herausragendsten, profiliertesten und neugierigsten Filmemacher", zeigte sich auch ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz betroffen. "Der ORF durfte Glawogger auf seinen filmischen Reisen in Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens begleiten." Fernsehdirektorin Kathrin Zechner nannte Glawogger in der Aussendung einen "sozialkritischen Filmemacher von Weltformat, dem wir viele unvergessliche Filmmomente und Denkanstöße zu verdanken haben."

"Glawogger war einer der profiliertesten Spielfilm-und Dokumentarfilmregisseure, die Österreich je hervorbrachte", schrieb Danny Krausz in einem Statement des Fachverbands der Film- und Musikindustrie, das mit folgenden Worten schließt: "Glawo, Dein so unerwarteter und tragisch früher Tod reißt ein ewiges Loch in unsere Filmlandschaft!"

Programmänderungen im ORF

Der ORF ändert sein Programm und zeigt am Mittwoch, 23. April, den Dokumentarfilm "Megacities" (21.55 Uhr, ORFeins). Am Sonntag (27. April, 23.05 Uhr, ORF 2) folgt "Workingman's Death" und am Montag (28.4., 0.00 Uhr, ORF 2) die Verfilmung von Josef Haslingers Roman "Das Vaterspiel". Anschließend zeigt ORF 2 die Doku "Whores' Glory".

Der Kinofilm "Contact High" steht bereits am Freitag (25.4., 20.15 Uhr) auf dem Programm von ORF III. Das Kulturmagazin "Kultur Heute" gestaltet die Sendung am Mittwoch (23.4.) um 20 Uhr in memoriam Michael Glawogger.

Auch der Radiosender Ö1 ändert sein Programm und sendet am Samstag in "Diagonal" (26.4., 17.05 Uhr) "Zur Person: Michael Glawogger".

Hätte er gerettet werden können?

Mit seinem Projekt in Liberia ist Filmemacher Michael Glawogger in "die Höhle des Löwen" gefahren, sagt der Tropenmediziner Univ.-Prof. Herwig Kollaritsch zum Tod von Glawogger an Malaria. Insgesamt sei die Zahl der Malaria-Toten dank großzügiger Stiftungen, die Forschungsarbeit an neuen Medikamenten vorantreiben, weltweit zurückgegangen.

Doch die in Liberia vorherrschende Malaria Tropica sei nach wie vor extrem gefährlich, betont Kollaritsch. "Vor allem wir Europäer haben schlechte Karten, wenn eine Infektion nicht rechtzeitig behandelt wird." Viele würden die Prophylaxe-Medikamente nur in der Tasche mitführen, "doch dort bringen sie nichts".

Kollaritsch zufolge hätte Glawogger sehr einfach gerettet werden können. "Heute muss niemand an Malaria sterben – der Zeitfaktor ist entscheidend." Die Behandlung müsse innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden nach Ausbruch erfolgen. Viele würden das Fieber unterschätzen und es verschleppen. "Doch die Malaria Tropica befällt die roten Blutkörperchen und vernichtet sie. Ohne den Sauerstofftransport funktionieren unsere Organe nicht."

Weltweit treten jährlich rund 300 bis 500 Millionen Fälle klinischer Malaria auf, die Mehrheit davon im tropischen Afrika. Die meisten Opfer fordert die Krankheit in Afrika und hier insbesondere unter Kindern.

Zunehmende Resistenzen

Großes Problem in der Bekämpfung der Malaria sind zunehmende Resistenzen der Erreger. Die überwiegende Mehrzahl der heutigen Malaria-Therapien basiert auf dem Wirkstoff Artemisinin, einem Pflanzenstoff, der in den Blüten und Blättern des Einjährigen Beifußes vorkommt. Immer mehr Malaria-Parasiten sind aber immun gegen Artemisinin. Forscher der VetMed, der MedUni Wien sowie der Universität in Burkina Faso sind nun neuen Malaria-Medikamenten auf der Spur. Sie untersuchen rund 50 Pflanzen und Kräuter, die in der traditionellen afrikanischen Medizin bei Malaria eingesetzt werden, auf ihre Wirksamkeit und ihr mögliches Potenzial als Malaria-Medikament. Harald Nödl, Malaria-Experte der MedUni Wien: "Es ist bei einigen dieser Kräuter bekannt, dass sie die Symptome der Malaria bekämpfen nicht aber, ob sie den Malaria-Parasiten wirkungsvoll bekämpfen können."

Die Pflanzen und Kräuter werden an im Labor gezüchteten Malaria-Parasiten getestet. Es sei zu erwarten, dass nur eine Handvoll der untersuchten Pflanzen für eine sinnvolle, kommerzielle Verwendung in der Malaria-Therapie geeignet ist.

Dies werde jedoch notwendig sein, spätestens in fünf Jahren werde es Medikamente brauchen, die auf einem anderen Wirkstoff als Artemisinin basieren, betonen die Forscher: "Die Resistenz der Parasiten gegen Artemisinin breitet sich in Südostasien zusehends aus und einiges spricht dafür, dass sie auch Südamerika schon erreicht hat, auch in Afrika könnte es in wenigen Jahren soweit sein." Dann kann der übliche Wirkstoff gegen die Malaria-Parasiten nichts mehr ausrichten.