© Florian Wieser

Kultur
08/16/2019

Festspiele mit Raketenkatze: So ist das Frequency Festival 2019

Komplexes und Kommerz, Techno-Yoga und Blasmusik-Rap, Pastrami und Schnitzel: In St. Pölten ist heuer Vieles so, wie es sein soll. Kulturpessimismus ist auch 50 Jahre nach Woodstock unangebracht.

von Georg Leyrer

"Es ist Freitag, ihr Schlampen!“, ließ ein Frequency-Besucher per T-Shirt-Aufschrift wissen.

Es war Donnerstag.

Und das ist ja auch irgendwie das Schöne an der derzeitigen Ausformung des Musikfestival-Zirkus: Es macht alles nichts.

Wenig später setzte sich ein männlicher Spätteenager zum Kulturjournalisten und bat um Feuer, aber, vorsicht Witz!, um sich sein täuschend echtes Penisimitat anzuzünden, das ihm aus der Hose hing.

Wann kommt noch mal gleich das allgemeine Rauchverbot?

Es ist 2019, und so sieht das Frequency Festival auch aus, und, das ist bitte ein Lob, so klingt es auch.

 

Das Gelände in St. Pölten wächst von Jahr zu Jahr mehr zu, eine erfreuliche Gegenbewegung zur gefürchteten Zersiedelung im ländlichen Raum: Die Raketen-Katze , Maskottchen des Festivals, schaut von allerlei Aufbauten herab, dazu hat sich heuer eine beeindruckende retrofuturistische Tanzburg gesellt. Dort konnte man am Nachmittag Techno-Yoga machen, ja, das gibt es.

Bei der zweiten Bühne beobachtet ein breitbeiniger Großroboter das Geschehen, und er hat beim Penis-Anzündeschmäh auch nicht gelacht.

Die Musik

Dazwischen rund 50.000 Fans, und wer die gerne als spaßssüchtige Dekadente einbuchen würde, der wird von ihnen eines Besseren belehrt. Das Line-up bietet heuer durchaus Konsumationsherausforderungen, die über Musik als reine Trinkvorlage weit hinausgehen, und gerade hier zeigen die Fans dem Kulturpessimismus den Finger.

Auftritt Billie Eilish.

Sie ist, der KURIER berichtete, der gar nicht heimliche Gesamtheadliner des Festivals. Und sie macht alles andere als einfache Musik. Es ist ja schließlich auch das Teenagerleben alles andere als einfach – wie soll man sich all dessen, was da los ist, mit simpler Musik erwehren?

In St. Pölten gab die 17-Jährige das vor einer so interessierten wie begeisterten wie großen Menschenmenge zum Besten, die ihre Songs mit der hellen Chorstimme eines stark weiblich aufgestellten Publikums mitsang.

Selber Planet, andere Welt

Am nächsten Tag dann traten am selben Ort, vor gleich großem Publikum, und doch irgendwie am anderen Ende der Welt die untergrundbeschwerten Rapper von 187 Straßenbande auf.  Während Eilish mit Ironie und Freude kleine Löcher in die Emotionshaut bohrt, aus denen der Gefühlsüberschuss abfließen kann, staut es sich bei der Straßenbande. Und daher wird dort alles dick, die Autos, die Phrasen, die ... nein, wir legen nicht schon wieder Feuer in die Mitte des Mannes.

Die maskuline Combo hat eine klare Stoßrichtung: Man kommt von unten und drängt zornig nach oben. Die bandbezogenen Medienberichte drehen sich um Drogen und Anzeigen, und wer ganz hart am Respektfetisch gebaut ist, weicht auch im Backstagebereich den anderen nicht aus.

Damit das Publikum weiß, dass man jetzt im Getto und nicht mehr im braven VAZ ist, hat sich die Straßenbande extra ein Stück Graffiti-überzogener Wand auf die Bühne gestellt. Und ja, der aus dem guten alten Testosteron geborene Sound wütender junger Männer funktioniert im Hip-Hop wie beim Hardrock. Es war voll und tanzbar, und diesmal sangen die Männer im Chor.

Phoenix aus dem Regen

Wie würdig man heutigen Hip-Hop auch machen kann, zeigte zuvor Mavi Phoenix: Sie lockte das Publikum, das der stoßartige Regen zuvor vertrieben hatte, zurück, und unterhielt dieses dann vorzüglich. Sie hatte keine Gettomauer, sondern eine Regenbogenfahne mitgebracht.

Hartes Kontrastmittel war dann G-Eazy: Er schraubt Hip-Hop und ein Michael-Jackson-Gedächtnisoutfit zusammen und bringt so einen doch unerwarteten Stil in den Abend. Hat schon wer "Sommerzeit, und das Leben ist G-Eazy" geschrieben?

Zeit für ein wenig Rückschau: Die Twenty One Pilots (ein Interview lesen Sie im Sonntags-KURIER), als Headliner am Donnerstag gebucht, machen alles andere als leicht zu kategorisierende, wenn auch leichter konsumierbare Musik. Die beiden Musiker bewegen sich zwischen Hip-Hop, Ska, Indie und Pop, ein Auto brennt, es gibt viele Mitsingmomente, die Intensität stimmt.

Und tags davor zeigten Moop Mama in der Indoor-Halle, dass man Hip-Hop auch mit der Blaskapelle machen kann: Zehn coole Deutsche an Tuba, Trompete, Trommel und Saxophon beschwören Offenheit, Spaß und die Liebe zu allem Lebendigen. Man wird auch über den Wahltermin hinaus durchaus weniger sympathische Botschaften zu hören bekommen.

Weniger gesamtumarmend, dafür mit einer höheren Dosis Straßenglaubwürdigkeit auf der Zweitbühne danach: Juice Wrld (ohne „o“), ein dort, wo es wichtig ist, gut vernetzter Rapper aus Chicago.

Schlecht gelaufen

In all dem gab es viele musikalische Ecken und Kanten, an denen man sich festhalten kann, auch wenn sich die Welt nach dem Liter-Spritzer schon ordentlich dreht.

Weniger griffig gestaltete sich das Programm dazwischen: Die Britin Anne-Marie setzt auf ungenierten Kommerz, und man wähnte sich im Glitzersound zuweilen beim Song-Contest.

Die super-sympathischen Hitarbeiter von Sunrise Avenue zeigten danach, dass Hitparadentauglichkeit auch Spaß machen kann.

In all dem und dem weiteren Programm – mit u.a. Capital Bra, Mavi Phoenix, G-Eazy, Charli XCX – ist das heurige Frequency jedenfalls dort angekommen, wo auch andere hinwollen sollten: Nah am Puls dessen, wie Musik funktioniert.

Da macht es auch gar nicht viel, wenn nicht alles gleichermaßen superrelevant ist: Statt Hartgitarren-Monokultur sind Hip-Hop und elektronische Musik die Ausgangspunkte, von denen aus man dann auch klassischere Festivalkost (The Offspring, Prophets Of Rage) servieren kann.

Ach ja, servieren: Man muss sich diesbezüglich keine Sorgen um die Kinder machen.

Es gibt Pastrami und lateinamerikanische Küche und ausgefeilte Wraps und Käsespätzle, und wer sich bemüht, kann davon auch sehr taugliche Essensfotos für Instagram machen.

Und hier wird, einmal darf noch das 50-Jahr-Jubiläum von Woodstock ins Spiel gebracht werden, es dann doch irgendwie utopisch: Ach, funktioniere doch die große Welt so unkompliziert und unaufgeregt wie hier die kleine.

Mit schöner Selbstverständlichkeit wird an den meisten der aufgestellten Food Trucks auch Vegetarisches angeboten.

Und für die, die es gerne haben wollen, gibt es gleich daneben ein Schnitzel.