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© Jakub Kavin

Kultur
10/27/2021

Eine "Odyssa" als Gegenpol zu männlichen Großerzählungen

Kritik: Im kleinen Theater Arche wird mit Herzblut ein beeindruckendes Großprojekt geboten: "Odyssee 2021"

von Peter Temel

Homers „Odyssee“, Joyces „Ulysses“, Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ und Dantes „Inferno“ und „Göttliche Komödie“ zu einem Theaterabend zu verbrämen: Es ist eine Herkulesaufgabe, die sich Theatermacher Jakub Kavin im von großen Fördersummen nicht gerade liebkosten Theater Arche in Wien Mariahilf gestellt hat.

Die dreistündige Theater-Odyssee beginnt im öffentlichen Raum mit einem antiken Chor. Dann begeben sich die 15 Akteurinnen und Akteure ins Theater. Dort teilt sich das Publikum in drei Gruppen und bekommt in unterschiedlicher Reihenfolge Szenen aus den erwähnten großen Epen zu sehen, dann treffen sich alle wieder im Theatersaal, wo auch die finale Textperformance abläuft.

Als verbindendes Element zwischen den Stationen läuft ein energiegeladener Odysseus (Claudio Györgyfalvay) durch die Szenerie, dessen heiliger Ernst sorgt mitunter für Schmunzeln.

Von Ithaka bis Dublin und Fukushima

Da Kavin aber einen Gegenpol zur männlich dominierten Literaturgeschichte setzen wollte, lässt er mehrere weibliche „Odyssas“ auftreten. Auch die Penelope wird ihrer reinen Warteposition enthoben. Eine vielversprechende Erscheinung schon in jungen Jahren: Amélie Persché als Penny, die des Wartens überdrüssig ist.

Gegenwartsautorinnen (u. a. Marlene Streeruwitz, Kathrin Röggla, Lydia Mischkulnig, Theodora Bauer) schrieben eigens für diese Produktion Texte zu einer Odyssee des Jahres 2021, darunter auch ein Text zur Atomkatastrophe in Fukushima, mit Hingabe gespielt von Manami Okazaki.

Molly Blooms Monolog aus dem "Ulysses" wird von Elisabeth Halikiopoulos eindrucksvoll mit Leben erfüllt. Aber auch James Joyces vergessene Tochter Lucia Joyce, die ein Fall für die Psychiatrie wurde, kommt hier in einem Text von Margret Kreidl zu Wort (gespielt von Pia Nives Welser).

Ein besseres Land?

Wir alle irren auf der Welt umher. Literatur kann dieses Herumirren beschreiben, aber auch Orientierung geben. Als zeitgenössischer, kämpferischer Odysseus deklamiert Eike N.A. Onyambu jenen Text, mit dem US-Lyrikerin Amanda Gorman bei der Inauguration Joe Bidens Berühmtheit erlangte. In "The Hill We Climb" heißt es: "So let us leave behind a country better than the one we were left with."

Die Materialfülle ist immens, die Musik (Ruei-Ran Wu) betörend. Den roten Faden muss man zwar selbst spinnen, doch aus den auf hohem Niveau dargebotenen Textflächen ergeben sich zahlreiche inspirierende Querverweise.

Ob 2022 in der Arche Theater stattfinden wird, steht in den Sternen. Es wäre schade drum.

 

INFO: „Odyssee 2021“ ist die zentrale Produktion des Odyssee-Festivals im Wiener Theater Arche mit weiteren szenischen Lesungen wie dem "Dostojevski Experiment" (bis 11. November 2021) - Weitere Termine: 4., 5., 6., 8., 9., 10. und 11. November 

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