© Festspielhaus St. Pölten/Maarten Vanden Abeele

Kultur
10/10/2021

Die Kritiken vom Wochenende: So schön, dass wieder gespielt wird

Luk Perceval im Landestheater Niederösterreich, Pina Bausch im Festspielhaus St. Pölten und Benjamin Britten im Wiener Musikverein und auch im Museumsquartier.

Ein flämischer Familientisch: "Yellow – The Sorrows of Belgium“ am Landestheater

Kolonialismus,  Faschismus und  Terrorismus – es sind sehr starke Themen, denen sich der  belgische Regisseur Luk Perceval in seiner Trilogie „The Sorrows of Belgium“ („Die Sorgen Belgiens“) annimmt.   Unter den Titeln „Schwarz“, „Gelb“, Rot“, also den Farben der  belgischen Flagge,  verhandelt Perceval  die Geschichte seiner Heimat.

Teil zwei „Yellow: Rex“  ist nun (Reprisen: 10. und 11. November) als  Koproduktion mit dem NTGent  und dem Theater Manège Maubeuge auch am Landestheater Niederösterreich zu sehen. Kein Wunder, geht es hier doch auch  um den österreichischen SS-Offizier Otto Skorzeny und den belgischen Nazi Léon Degrelle, der als Führer der Gruppe „Rex“  Hitlers Propaganda in Belgien unter die Menschen brachte.

Perceval nimmt sich also eine ganz normale flämische Familie vor, die bis auf eine Ausnahme mit den Faschisten kollaboriert.  Peter van Kraaij  hat dazu  – auch  unter Verwendung historischer Quellen – einen beklemmenden, vielsprachigen Text verfasst,  den Perceval in zwei pausenlosen Stunden beeindruckend auf die Bühne (Annette Kurz) bringt.

Ein „flämischer Mittagstisch“, ein paar weiße Fahnen und Live-Musik (Sam Gysel) – mehr benötigen Perceval und sein internationales Ensemble (es gibt Übertitel) nicht, um eine bitterböse  Familienaufstellung zu machen.  Von der  Begeisterung  für  Hitler bis zu Stalingrad  und der bedingungslosen Kapitulation des NS-Regimes samt ihrer  Folgen für die Familie spannt Perceval  seinen  historischen Bogen. Intensiv  und  in düsteren Bildern wird Geschichte erfahrbar. Skorzeny   und Degrelle finden  Unterschlupf  im faschistischen Spanien von General Franco. Die Familie aber steht vor einem Trümmerhaufen.  

Philip Leonhard Kelz, Tobias Artner, Bert Luppes, Oskar Van Rompay, Peter Seynaeve, Maria Shulga, Chris Thys, Valéry Warnotte und  Lien Wildemersch spielen allesamt exzellent. Toll. Peter Jarolin

Ein Tanzklassiker neu gedacht: Pina Bauschs "Das Frühlingsopfer" im Festspielhaus St. Pölten

Sie ist bis heute eine Ikone, ja eine Kultfigur des zeitgenössischen Tanzes und  hat Generationen von Choreografen und Tänzern geprägt. Sie, das ist die 2009 im Alter von 69 Jahren verstorbene Pina Bausch, die mit ihrem Tanztheater Wuppertal für Meilensteine gesorgt hat, deren Arbeiten  immer noch zeitlos gültig sind.

Dies gilt auch für Bauschs „Frühlingsopfer“ zur Musik von Igor Strawinsky, das 1975 uraufgeführt und  dank der Bausch-Foundation neu befragt wurde.  Auch im ausverkauften (!) Festspielhaus  St. Pölten,  und zwar durch Tänzerinnen und Tänzer der École des Sables aus dem Senegal. Das Ergebnis darf als Ereignis gewertet werden.

Ja, sie sind alle noch da, die von Bausch intendierten  Schrittfolgen, Ensembles, die Hebefiguren und Sprünge.  Aber sie erhalten durch das afrikanische Ensemble – sensationell etwa Khadija Cisse als Opfer – eine ganz andere Archaik. Denn auf dem Torf-Boden (getanzt wird barfuß) regiert der pure Rhythmus, wird eine Spannkraft  freigesetzt, der man sich nicht entziehen kann und will.

Man merkt, dass die Tänzerinnen und Tänzer aus Burkina Faso, der Elfenbeinküste und dem Senegal durch ein intensives Casting gegangen sind und Strawinskys Musik (danke für die Verwendung einer Einspielung von Pierre Boulez) förmlich in sich aufgesogen haben. Grandios!

Vor dem „Frühlingsopfer“ gab es  noch ein Wiedersehen mit zwei Tanzlegenden. Unter dem Titel „common ground[s]“ zeigten Germaine Acogny, die Gründerin der École des Sables und Malou Airaudo, eine Ikone der ersten Stunde im Tanztheater Wuppertal, ihr neues,  sehr ästhetisches Duett.

Die beiden über 70-jährigen Tänzerinnen  setzten – ganz in Schwarz gewandet– auf kleinere, fast minimalistische  Schritte und Gesten. Sie leisteten eine Art Trauerarbeit, deren Inhalt sich aber nicht ganz erschließen konnte. Das war schön anzusehen und eine gelungene, halbstündige Hommage an vergangene Zeiten. Peter Jarolin

 

Gigantisch und klangmächtig: Oratorium von Benjamin Britten im Musikverein 

Benjamin Britten schuf mit dem „War Requiem“ ein gigantisches Manifest für den Frieden. Sein Opus 66 für Soli, Knabenchor, gemischten Chor, Orchester, Kammerorchester und Orgel schrieb er zur Einweihung der neugebauten Kathedrale in Coventry 1962. Die Ruine des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bauwerks blieb als Mahnmal wie Brittens Oratorium.

Dessen über die Zeiten währende Gültigkeit demonstrierte die Aufführung der Wiener Symphoniker im Musikverein. Ivor Bolton, der für die in der Babypause befindlichen Joana Mallwitz am Pult einsprang, organisierte die verschiedenen Stränge exzellent. Britten verband die sakralen Passagen der „Missa pro Defunctis“ genial mit seinen Vertonungen des im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Wilfried Owen. Diese Lyrik zeigt drastisch die Schrecken des Kriegs.

Gesungen wird sie von einem Tenor und einem Bariton. Daniel Behle und Samuel Hasselhorn sind eine famose Besetzung. Ausdrucksstark, wortdeutlich behaupten sich diese beiden Sänger. Unfassbar, bewegend traten sie am Ende als im Tod vereinte auf. Die Sopranistin Ilia Papandreou komplettierte in den sakralen Passagen mit höchster Intensität. Der Wiener Singverein, der erst bei den Salzburger Festspielen mit diesem Britten brillierte, intonierte ausgezeichnet. Die Wiener Sängerknaben ergänzten bravourös.

Im Film würde man bei Ivor Boltons Aufführung von Cinemascope sprechen. Er brachte das Gigantische dieses Werks klangmächtig zur Geltung, sorgte für Ausgewogenheit und hielt den Spannungsbogen. Die Wiener Symphoniker folgten ihm konzentriert (sehr gut die Blechbläser). Grandios die Violinsoli von Anton Sorokow. Ovationen.  Susanne Zobl

Wenn die Seuche ausbricht: Oper von Benjamin Britten im Museumsquartier

Beklemmend, wenn sich die Gegenwart auf der Bühne widerspiegelt.

Szenarien von Touristen, die eine Stadt verlassen, von Desinfektion, von Seuchentoten, die immer mehr werden. Hier ist nicht die Rede von einer Corona-Oper, sondern von Benjamin Brittens „Death in Venice“ in einer Aufführung der Neuen Oper Wien im Museumsquartier (noch am 12. Oktober).

Brittens Vertonung von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“, der darin den Ausbruch der Cholera in der Lagunenstadt beschreibt, gerät in Christoph Zauners kluger Regie auf Christof Cremers dunkler mit ein paar Bootsstegen ausgestatteten Bühne zum packenden Zeitdokument.  Am Ende tötet der junge Aschenbach Tadzio. Das steht so nicht bei Mann, wird aber durch Alexander Kaimbachers Darstellung schlüssig. Er lässt jede Phase, wie der soignierte Schriftsteller Gustav von Aschenbach der Schönheit des Jünglings Tadzio (famos der Tänzer Rafael Lesage) verfällt, genau erkennen. Chapeau, wie er diese fordernde Tenor-Partie, die Britten für seinen Lebenspartner Peter Pears schrieb, zwischen Expressivität und Fragilität austariert. Dämonisch, stark sind die Auftritte von Andreas Jankowitsch in verschiedenen Rollen. Exzellent die Commedia-dell’Arte-Szenen.  

Auch die kleineren Partien sind exzellent besetzt. Hervorragend der Wiener Kammerchor. Walter Kobéra lässt mit dem sehr guten Tonkünstler-Orchester Niederösterreich einen Hauch von Mahler und eine Brise Wagner durchwehen, arbeitet die Motive deutlich heraus, sorgt für Spannung. Jubel! Bedauerlich, dass die Neue Oper Wien nicht rechtzeitig auf die Vollbelegung reagierte. Diese glänzende Aufführung hätte sich volle Säle verdient. Susanne Zobl

 

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