Peter Handke: "Ich bin kein Prophet."

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Essay
12/03/2019

Ein Klärungsversuch: Peter Handkes jugoslawische Krankheit

Warum sich der Autor in den "Bruderkriegen" auf die Seite der Serben schlug. Und worum es ihm ging.

von Thomas Trenkler

Was ist Peter Handke nicht alles: ein Bewohner des Elfenbeinturms und ein Träumer. Keiner, der mit den Wölfen heult. Einer, der unter dem Wind gehen will. Ein stiller Beobachter, ein Leise-Sprecher, ein Sonderling. Kein Wutbürger, aber ein Wütender. Ein Unbeherrschter, Zorniger. Einer, der nicht mehr in die Zeit passt. Vielleicht einer, der nie in die Zeit gepasst hat. Ein Fragen- und damit Fallensteller. Und immer: ein Erzähler. Ein Erzähler wie Homer, der vom großen Krieg gegen Troja berichtete, ohne dabei gewesen zu sein. Einer, der sich bloß einen Reim auf das machte, was wiederum ihm erzählt worden war.

Eines aber ist Handke sicher nicht: ein politscher Kommentator, ein Kriegsreporter oder gar ein Chronist der Ereignisse. Er sieht und schmeckt und fühlt – auch in ehemaligen Kriegsgebieten. Und darüber schreibt er dann, mitunter betroffen, mitunter verzerrt, mitunter naiv. Und nur darüber. Die Literatur des Peter Handke ist rein subjektiv. Und so schreibt er oft in Ich-Form. Aber auch dieser Icherzähler ist nicht er, sondern eine Ich-Figur, die zwar sehr viel mit Handke gemeinsam hat, aber nie Handke ist.

„Sezessionskriege“

Handkes Ich war von einer seiner Ideen getrieben: Zunächst nur für sich klären zu wollen, wie es zu diesen „Sezessionskriegen“ am Balkan kommen konnte. Wie sie entfacht wurden. Wer an ihnen interessiert war. Und, entscheidend: „Wer war der erste Aggressor?“ Beziehungsweise: „Wie hat es angefangen?“

Natürlich hätte er besser die Finger davon gelassen – wie man auch besser die Finger vom Konflikt zwischen den Israelis und  den Palästinensern lässt. Denn man kann sich, egal was man schreibt, nur die Finger verbrennen. Denn immer ergibt eines das andere. Immer ist das Eine eine Reaktion auf das Andere. Und selbst wenn man Ursache für Ursache zurückverfolgt: Man wird nicht klären können, wer der erste Aggressor war.

Handke weiß das an sich sehr wohl. Denn er zitiert den typischen Kinderstreit: „Du hast angefangen!“ – „Nein, du hast angefangen!“ Und trotzdem wollte er es ganz genau wissen. Er verstieg sich geradezu. Daher war er ein „Trottel“, wie es Salman Rushdie ausdrückte. Und das wurde vom Autor auch nicht bestritten: „Da hat er ja recht.“

Genau als einen solchen Trottel hat man Handke zu sehen. Nicht ein Geschichtsprofessor reiste durchs ehemalige Kriegsgebiet, kein Beobachter der UNO, sondern ein Idiot beziehungsweise, was es besser trifft, ein „Amateur“. Einer, der etwas aus Liebe oder Interesse tut.

Und so konnte man ihm einen Strick drehen. Weil er simplifizierend von Slowenen, Serben und Moslems schrieb, weil ihm als Bild Indianer in den Sinn kamen, weil er sich auf die Seite der Serben geschlagen hatte, die für das „Massaker von Srebrenica“ – 1995 wurden etwa 8000 Bosniaken ermordet – verantwortlich sind.

Was Handke zudem wirklich massiv unterschätzte: Er war auch schon vor 30 Jahren eine öffentliche Figur. Und kein Privatmann, als der er sich gerne darstellt. Daher wurden nach der Entscheidung der Akademie in Stockholm, ihm den Literaturnobelpreis 2019 zu verleihen, alle seine Handlungen in die Waagschale geworfen.

„Verhöhnung“

Die Verurteilungen bzw. Vorverurteilungen sind aber nicht neu. Im Juni 2006 zum Beispiel stieß die geplante Vergabe des Heinrich-Heine-Preises an Handke manchen sauer auf. Fritz Kuhn, damals Bundestagsfraktionschef der deutschen Grünen, sprach von einem „Skandal“. Handke habe, sagte Kuhn, in zahlreichen Texten die Serben und den ehemaligen serbischen Diktator Slobodan Milošević verteidigt, zuletzt im März jenes Jahres in seiner Rede an dessen Grab. Die Preisverleihung sei daher eine Verhöhnung der Opfer des Regimes und eine Verhöhnung Heinrich Heines.

Tatsächlich hatte Handke am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten, dem vor dem Kriegsverbrechertribunal der UNO der Prozess gemacht worden war, teilgenommen – demonstrativ. In seiner Ansprache gedachte Handke aber keines Politikers, sondern zahlreicher serbischer Schriftsteller und Künstler.

Er sei, sagte er in einem ORF-Interview, als „Trauergast für das gestorbene Jugoslawien“ hingegangen. Und gegenüber der Frankfurter Rundschau sagte er, auf seine Parteinahme im Jugoslawien-Krieg angesprochen, ihn packe bei diesem Thema noch immer der Zorn. „Ich bin in dieser Sache bis heute brennend beteiligt. Das ist halt so. Es ist vielleicht eine Krankheit. Aber es gibt schlimmere Krankheiten als meine Jugoslawien-Krankheit.“

Diese Krankheit brach bereits Ende der 1980er-Jahre aus. Mit seiner Tetralogie „Langsame Heimat“ hatte er begonnen, sich auf seine Wurzeln zu besinnen. Und die reichten eben über seine Mutter nach Slowenien.

Wer weiß schon, welcher Teufel ihn damals ritt. Aber er sah im Konstrukt von Jugoslawien etwas Erhaltenswertes.

Der kommunistische Diktator Josip Broz Tito hielt die slawischen Völker zusammen – manche durchaus gegen deren Willen. Bereits in den späten 80er-Jahren, noch vor dem Fall der Berliner Mauer, gab es in Ljubljana Unabhängigkeitsbestrebungen. Man wollte sich dem Westen und der EU zuwenden.

„Märchenwirkliches“

Am 26. Juni 1991, am Tag nach der Unabhängigkeitserklärung, brach der „Zehn-Tage-Krieg“ aus. Wenig später veröffentlichte Handke ein schmales Buch unter dem Titel „Abschied des Träumers vom Neunten Land“. Nirgends auf der Welt hätte er sich „als Fremder so zu Hause gefühlt“ gehabt wie in Slowenien, seiner „Geh-Heimat“: Das Land hätte für ihn (mit seiner andauernden Sehnsucht nach Dauer) etwas „Unbenennbares, dafür aber Märchenwirkliches“, eben etwas „Neuntes“, bedeutet. Und nun habe sich dieses Volk der Slowenen „den Zerfall ihres Staates von außen einreden lassen“. Handke warf den Slowenen „Staatengründung aus bloßem Egoismus“ vor.

Dann brachen auf dem Balkan die Kriege, „Bruderkriege“ und „Sezessionskriege“, aus. Und Ende Oktober 1995 reiste Handke, nach wie vor träumend vom „großen Jugoslawien“, mit Ortskundigen nach Serbien. Es war, in gewisser Weise, eine Recherche. Das Ergebnis erschien Anfang 1996 in der Süddeutschen Zeitung unter dem von der Redaktion gewählten Titel „Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“. Es handelte sich dabei aber um keine Reportage, sondern um eine Erzählung. Sie hebt daher auch mit dem Satz an: „Was ich von unserer Reise durch Serbien zu erzählen habe ...“ Und ein halbes Jahr später veröffentlichte Handke einen sommerlichen Nachtrag „zu meiner Erzählung von einer winterlichen Reise“.

Handke stellte (auch später, etwa in „Unter Tränen fragend“) keine „serbischen Untaten“ infrage, mehrfach erwähnte er „den Genozid von Srebrenica“. Aber er übte in einem fort Medienkritik, er geißelte den „Haßleitartikler“ des „Serbenfreßblattes“ FAZ, „die Rotten der Fernfuchtler, welche ihren Schreiberberuf mit dem eines Richters oder gar mit der Rolle eines Demagogen verwechseln und (...) von ihrem Auslandshochsitz aus auf ihre Weise genauso arge Kriegshunde sind wie jene im Kampfgebiet“. Für ihn waren allzu schnell „die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der reinen Opfer und der nackten Bösewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden“.

Viele Magazine hätten die „Serben“ dick und fett als „die Bösewichte“ dargestellt – und die „Moslems“ als „die im großen und ganzen Guten“. Ihm gehe es nicht um ein „Ich klage an“: „Es drängt mich nur nach Gerechtigkeit.“ Er hoffte, dass „die Geschichte der Zerschlagungskriege“ vielleicht einmal anders geschrieben würden „als in den heutigen Voraus-Schuldzuweisungen“ – und „sei es auch bloß in den Nuancen“.

„Butterrahmkäse“

Und er sinnierte auch darüber, ob es nicht unverantwortlich sei, angesichts des großen Leids „von Sarajewo, von Tuzla, von Srebrenica, von Bihać“ mit seinen Notizen über „Nebensächlichkeiten wie Schneeflocken, Mützen, Butterrahmkäse“ daherzukommen. Aber ihm ging es, wie seit der „Langsamen Heimkehr“ immer wieder, um Frieden: „Die bösen Fakten festhalten“, das sei schon recht. „Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes.“ Handke kommt dem Leser „mit dem Poetischen“ – und dem gemeinsamen Erinnern „als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit“. Nun ja, es kam zu keiner Befriedung. Wie auch nach all den Gräuel?

Im Frühjahr 1999 unternahm Handke „zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg“, er verurteilte wieder die seiner Meinung nach tendenziöse Berichterstattung, er verurteilte „den NATO-Krieg“. Und wieder ein paar Jahre später, 2005, erschien der Text „Die Tablas von Daimiel“, ein „Umwegzeugenbericht“ zum Prozess gegen Milošević, der 2002 begonnen hatte. Handke berichtete in äußerst präziser Sprache, dass er von der Verteidigung als Zeuge genannt worden sei, und führte aus, warum er keiner sein könne.

Zudem rekapitulierte er die letzten zehn Jahre: Dass er mittlerweile daran gewöhnt sei, „Freund eines Massenmörders“ geheißen zu werden. Ein Einlenken kam dem Sturschädel nicht in den Sinn: Derart ins Eck gedrängt, äußerte er Zweifel – auch am Prozess selbst. Er hielt er Milošević „zwar ganz und gar nicht für ,unschuldig‘“, aber „für ,nicht schuldig im Sinne der Anklage‘“.

„Höllenmaschine“

Und noch einmal versuchte er eine Erklärung für die Tragödie. Auf dem Balkan sei Anfang der 90er-Jahre „eine Höllenmaschine in Gang“ gekommen, die von nichts und niemandem zu stoppen war; „diese im Innern in Gang gesetzte und von außen gesteuerte Höllenmaschine“ hätte „innen wie außen nur Schuldige hervorbringen“ können. Er, als Schriftsteller, gab allen die Schuld. Mehr tat Handke nicht. Er griff zu keiner Waffe, er tötete keine Menschen. Und er schuf in der Tradition von Homer, von Cervantes, von Tolstoi große Literatur.