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Kritik
11/01/2019

"Don Karlos" am Burgtheater: Infant im Intercontinental

Martin Kušej hat seinen „Don Karlos“ für Wien adaptiert. Etwas zäh.

von Thomas Trenkler

Vor einem halben Jahr gab Martin Kušej auf der Bühne des Burgtheaters seinen ersten Spielplan bekannt. Hoch über der Szenerie schwebte ein mächtiger Luster in Rechteckform. Und nun, am Donnerstag, kam das dominante Requisit tatsächlich zum Einsatz: in der Inszenierung von Friedrich Schillers "Don Karlos", die der Direktor vom Residenztheater in München mitgebracht hat.

Der glitzernde Luster erinnert nicht ohne Grund an jenen in der Bar des Hotels Intercontinental in Wien. Behauptet doch Philipp II., der König von Spanien, gleich zu Beginn des dramatischen Gedichts, dass die Sonne in seinem Staat nicht untergehe.

Dieser Philipp duldet weder Rebellion noch eine andere Lesart der Bibel. Und er nimmt sich, was er will – darunter die blutjunge Elisabeth, die viel besser zu seinem Sohn gepasst hätte. Obwohl Schillers ausuferndes Stück über Liebe, Verrat, Komplott und große Ideen nach diesem sympathischen Hitzkopf benannt ist: Im Zentrum steht eigentlich der erbarmungslose Philipp. Und das tut er auch in der Burg.

Als Intro skizziert Kušej mit wenigen Strichen eine Gewaltherrschaft der Jetztzeit: Auf der Bühne surren zu bedrohlicher Filmmusik von Bert Wrede zwei Drohnen. Und nacheinander stoßen Soldaten Menschen in ein Wasserloch. Wenig später folgt eine drastische Steigerung. Philipp und sein Gefolge schauen ungerührt zu.

Unendliches Schwarz

Der Eingangssatz, dass die schönen Tage in Aranjuez nun zu Ende seien: Er hätte nicht gepasst. Pater Domingos Ausführungen werden zu einer prosaischen Aufforderung verdichtet: Karlos solle mit seinem Vater sprechen. Was aber nicht so leicht ist. Denn Philipp hält nicht viel von seinem Sohn, er entsendet lieber Alba nach Flandern. Zudem gesteht der Infant seinem Freund, dem Marquis Posa, dass er seine (Stief-)Mutter liebt. Wirklich kompliziert wird es, als Karlos einen Brief der Prinzessin von Eboli missinterpretiert.

Nach jeder Szene folgt ein massives Blackout. Und mitunter gleitet eine Gummizelle an die Rampe (Bühne: Annette Murschetz). Deren Wände aus blauen, spitz zulaufenden Pyramiden schlucken jeden Ton. Hier trifft Nils Strunk als Karlos, meist nur Karl gerufen, auf die unselige Eboli (Katharina Lorenz), hier entäußert er sich.

Ansonsten aber finden die Dialoge in einem unendlichen Pechschwarz statt; manchmal treten die Schauspieler nicht einmal in die starren Lichtkegel von oben; bloß die sprechenden Hände ragen in diese. Kušej hat für seine konsequente Umsetzung Anleihen beim Film noir genommen, er setzt sein Ensemble wie Schachfiguren ein, reduziert auf wenige Eigenschaften. Die Elisabeth der Marie-Luise Stockinger zum Beispiel erscheint als kühle Blondine mit Sonnenbrille im schicken Kostüm. Der Alba des Marcel Heupermans ist ein primitiver Erfüllungsgehilfe, er steht breitbeinig herum, die Hände vor dem Bauch verschränkt. Und der intrigante Lerma des Bardo Böhlefeld schleppt sich lahm am Stock dahin.

Leuchtender Luster

Philipp herrscht schmallippig mit starker Hand: Thomas Loibl stopft Karlos brutal das Maul. Doch zusehends bröckelt die Fassade, bis eine halbnackte, einsame Jammergestalt verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Zum Höhepunkt gerät natürlich die Unterredung zwischen Philipp und Posa. Franz Pätzold, ein Jens Harzer der nächsten Generation, tänzelt leichtfüßig, wenn er – puh! – Gedankenfreiheit fordert. Da leuchtet der Luster, da wird Weite erkennbar, Zuneigung spürbar. Loibl knufft Pätzold zärtlich, Pätzold knufft Loibl, aber etwas zu stark. Philipp sieht darüber hinweg – und eine Wendung zum Guten scheint irgendwie möglich.

Mit Fortgang der Handlung passiert jedoch fast unmerklich ein Rückschritt ins 16. Jahrhundert, bis alle Schauspieler in den damals typischen, auch wieder schwarzen Gewändern (Kostüme: Heide Kastler) agieren.

Kušej nimmt sich Zeit, insgesamt viereinhalb Stunden. Nach der Pause verliert er sich allerdings im Kleinklein: Briefe noch und noch tauchen auf. Trotz vieler starker Momente und glasklarer Sprache: Die Erinnerung an die grandiose Inszenierung von Andrea Breth mit Sven-Eric Bechtolf (als slicker Philipp) aus 2004 vermag Kušej nicht zu überschreiben.