Gerade noch sang sie „Je suis malade“ von Lara Fabian – nun steht sie ohne Perücke da: Marie-Luise-Stockinger als Sif. Und wenn sie den Rugby-Schulterschutz umlegt, wird sie zu Thor. 

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Kritik
10/20/2019

"Die Edda" im Burgtheater: Der Hammer und das goldene Haar

Thorleifur Örn Arnsrsson spannt in der Burg meisterhaft den großen Bogen – vom Ginnungagap bis zu Ragnarök

von Thomas Trenkler

Es ist nicht so, dass Martin Kušej, der neue Burgtheaterdirektor, nur eigene Inszenierungen aus Deutschland mitgebracht hat. Er hat auch „Die Edda“ eingekauft, erzählt von den Isländern Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason. Die Dramatisierung war Mitte März 2018 im Schauspiel Hannover herausgekommen, für die Burg und deren Ensemble wurde eine „Wiener Fassung“ erarbeitet. Sie dürfte zwar nicht gravierend anders sein, aber sie ist großartig – unter anderem als hoch poetischer Bilderbogen.

Aus der Edda kennt man hierzulande ja eigentlich nur das Nibelungenlied, das Richard Wagner verarbeitet hat. Ein Grund dafür mag das „Nazi-Erbe“ sein, das, so Arnarsson im Programmheft, auf den nordischen Mythen liege. Für seine Kompilation – der Walkürenritt wird bloß en passant erwähnt – bedürfe es daher, sehr geehrte Damen und Herren, „einiger Hintergrundinformationen“.

Didaktischer Erklärbär

In Wien fungiert Dietmar König, von Kostümbildnerin Karen Briem prächtig ausstaffiert, als bestens gelaunter „Erklärbär“, der sich mit den isländischen Namen naturgemäß schwer tut – und wiederholt augenzwinkernd von Elma Stefanía Ágústsdóttir ausgebessert wird. Kurz zusammengefasst: Die Edda ist eine Sammlung von Liedern, Gedichten und Geschichten, die aus verschiedenen Gebieten – von der iberischen Halbinsel bis zum Ural – stammen. Im 12. Jahrhundert wurden sie von Snorri Sturluson verschriftlicht – aus Sorge, dass nach der Christianisierung, die um 1000 eingesetzt hatte, die heidnischen Stoffe in Vergessenheit geraten könnten.

Es gebe zwar keine lineare Erzählstruktur, aber zumindest einen roten Faden: Nach der Erschaffung der Erde hätten sich die Götter zurückgezogen und wären ihrem Untergang entgegengestapft. Didaktischer – und dabei so leichtfüßig – geht’s gar nicht.

Zumal Dietmar König nur ausschmückt, was man bereits vernommen hat. Denn der nie langatmige Abend mit drei Stunden Nettospielzeit beginnt mit der Völuspa, der Weissagung der Seherin: In den Urzeiten hätte es nichts gegeben, weder Himmel noch Erde, nur Chaos, Ginnungagap genannt, und gähnende Leere. Dieses Gedicht wird, während sich der Eiserne Vorhang hebt, von Ágústsdóttir und mit Zeitverzögerung von Dorothee Hartinger auf Deutsch vorgetragen. Man starrt in dichten Nebel, der in den Saal fließt, in der Ferne beginnt ein Feuer zu flackern – und langsam, mit Fortgang der Genesis, beginnt man Silhouetten auszumachen.

Wenig später verkünden die Nornen, drei Schicksalsgöttinnen (unter ihnen Mavie Hörbiger), noch einmal die Geschichte. Sie hocken auf einer gefällten Esche, dem Weltenbaum Yggdrasil. Sie wird von den Bühnenarbeitern hochgezogen, und dann baumelt der schneebedeckte Stamm – ohne seine Wurzeln, die sich nach drei Seiten über die ganze Welt erstrecken sollten. Er symbolisiert bereits das prophezeite Ende, Ragnarök genannt. Und über ihm schwebt ein faszinierender „Teppich“ aus 156 Neonröhren, der immer wieder neue Räume absteckt (Bühne von Wolfgang Menardi).

Plastinierte Götter

Nun kommen die Götter ins Spiel, gehäutet (wie die plastinierten Menschen in „Körperwelten“). Markus Hering stellt sich als Odin vor – in einer erhabenen Sprache, jener von Peter Handke nicht unähnlich: „Nenn mich Vater aller Götter, nenn mich Vater der Erschlagenen, nenn mich Gott der Erhängten ...“ Um zu Weisheit zu gelangen, sticht sich Odin mit der Speerspitze das linke Auge aus. Wenn der Glaskörper platzt, tut es in den Ohren aller weh.

Manche Geschichte wird bloß angerissen, jene des tragisch zerrissenen Chaoten Loki hingegen äußerst amüsant auserzählt: Florian Teichtmeister zieht als patscherter Stand-up-Comedian im Silberanzug der Frau des Thor die Perücke vom Kopf. Nun muss er bei den aufgeweckten „Andershohen“ (mit Lachgas-Stimmen) goldenes Haar in Auftrag geben – und kommt ob seiner unbedachten Ausdrucksweise in Teufels Küche. „Zwerg“ geht eben heute gar nicht mehr.

Und wenn sich Marie-Luise-Stockinger den Rugby-Schulterschutz umlegt, wird aus der kahlköpfigen Sif deren Mann Thor, der seinen Hammer sucht. Der Riese Thrymur (mit absurd tiefer Stimme) will die Wunderwaffe aber nur im Austausch gegen Freyja zurückgeben ...

Andrea Wenzl betört als laszive wie beinharte Göttin der Liebe; zudem hat ihre Freyja etwas von der Kassandra, wenn sie abgeklärt zum Publikum spricht: „Alle Magie ist aus eurer Welt verschwunden.“

Arnarsson vermag gleich mehrere Male mit Analogien zum Nachdenken anzuregen – ganz besonders natürlich mit dem Bau der Mauer rund um Asgard, mit der sich die sterblichen Götter schützen wollen. Freyr, Bruder der Freyja (Jan Bülow), gelangt zu spät zur Erkenntnis: „Und jetzt sind wir eingesperrt.“

Die Pause bedeutet einen Bruch, danach geht es ans Sterben: Die Drehbühne rotiert, bis der letzte Vorhang fällt. Gabriel Cazes, der alle Szenen am Klavier untermalt, stimmt „Le Moribond“ von Jacques Brel in der Happy-Version „Seasons in the Sun“ an – und Hering liest die Geschichte vor, die Torfason für „Die Edda“ über den Tod seines Vaters geschrieben hat. Nun fällt alles in eins: Vergangenheit und Gegenwart, Weissagung und Erfüllung, Realität und Magie.