© Reinhold Zisser/Notgalerie

Kultur
03/28/2021

Die Notgalerie und die Bretter, die die Stadt bedeuten

Aus einer Kirche wurde ein Kunstprojekt, das Stadtgeschichte einsammelt - obwohl das Gebäude derzeit abgebaut in Lagern schlummert

von Michael Huber

„Ist es schwieriger, tausend Menschen ein kleines bisschen zu begeistern, oder eine Person zu finden, die sich einer Sache vollkommen hingibt?“ fragt Reinhold Zisser.

Der Künstler hat sich vor sechs Jahren einer Sache verschrieben: Aus einem alten Holzgebäude, einer ehemaligen Notkirche, machte er die „Notgalerie“. Rund 200 Kunstschaffende, sagt er, hatten seitdem in dem Gebäude, das zunächst am Ulanenweg in der Donaustadt und dann in der Seestadt Aspern bespielt wurde, ihren Auftritt – mit Ausstellungen, Performances, Lesungen. Ein Film, den Christoph Schwarz über das Projekt drehte, erhielt gar den Österreichischen Kurzfilmpreis.

Doch nicht nur die Kunstszene, auch die Stadt selbst schrieb sich in die Notgalerie ein: Wie bei Treibgut, das lange den Gezeiten ausgesetzt war, lassen sich veränderte Bedürfnisse in der Raumnutzung, Begehrlichkeiten der Immobilienbranche und die Rolle der Kultur bei der Stadterweiterung an der Notgalerie ablesen. Und das, obwohl das Haus nicht mehr steht: Im Herbst 2020 wurde es abgebaut und stückweise an Menschen verteilt, die Zisser „ein bisschen begeistern“ konnte. Offenlegung: Ein Bretterstapel lagert im Selfstorage-Abteil Ihres Autors.

„Ursprünglich wurde das Projekt aus einem Überdruss am Kunstsystem geboren“, sagt Zisser. „Doch dann wurde die Notgalerie nach und nach zur Institution. Mir war klar: Beim Eintritt in diese Sphäre muss das Ding verglühen und zu etwas ganz Anderem werden.“

Im Geiste von Beuys

Im Hintergrund, erklärt Zisser, stand für ihn Joseph Beuys’ Idee der „sozialen Plastik“, die Kunst als eine von der Gemeinschaft geformte Sache begreift und weniger als festes, dauerhaftes Konstrukt. Dass das Projekt gerade in einer Zeit der Lockdowns und Event-Verbote in eine körperlose Existenz wechselte, war ein symbolträchtiger Zufall.

Zisser selbst hatte das überwucherte Gebäude 2015 am Stadtrand entdeckt. Die Kirche hatte da schon einen Ortswechsel durchgemacht – ursprünglich war sie 1946 in der Döblinger Krottenbachstraße aufgebaut gewesen, 1969 endete der Betrieb dort, der Bau übersiedelte in die Donaustadt und diente dort ab 1972 als Gotteshaus. 2001 wurde die Kirche aufgelassen, profanisiert – und vergessen.

Die ersten Kunstprojekte Zissers wurden vom Grundpächter, Großbäcker Robert Ströck, zunächst still geduldet. In der Szene sprach sich die Aktivität jedoch herum. Kurz bevor das Grundstück 2017 für eine Bebauung geräumt wurde, reichte Zisser bei der städtischen Einrichtung für „Kunst im Öffentlichen Raum“ (KÖR) einen Förderantrag ein. Im Herbst 2017 wurde schließlich die „neue“ Notgalerie in der Seestadt Aspern eröffnet.

Die gewachsene Struktur des Kunstprojekts traf sich dabei mit dem Wunsch der Stadt, die Peripherie künstlerisch zu beleben. Bei der Seestadt-Entwicklungsgesellschaft fand Zisser ihm gewogene Personen, die freilich auch eigene Ziele im Blick hatten.

„Es war ein Riesenunterschied, vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer zu werden“, sagt der Künstler. Mit der Sichtbarkeit häuften sich Vandalenakte ebenso wie der Administrationsaufwand, musste die „Bretterbude“ doch auch sicherheitstechnischen Erfordernissen genügen. In der Sommersaison 2018 sah sich der Pionierposten dann einem Platz zum „Public Viewing“ der Fußball-WM gegenüber. „Wir wurden von den meisten Fans nicht bemerkt, obwohl die Leute bloß den Kopf hätten umdrehen mussten“, sagt er. Doch über Erfolg oder Misserfolg entscheiden für ihn „nicht 900 Leute, denen’s wurscht ist, sondern die, bei denen die Idee ankommt.“

Rund 600 Unterstützer, erzählt Zisser, geben derzeit der zerlegten Notgalerie Quartier – laut Leihvertrag, den man bei der Übernahme unterzeichnet, für fünf Jahre. Dann soll das Gebäude wieder aufgebaut werden – wo genau, steht noch nicht fest. Zuletzt signalisierten auch Kirchenvertreter Interesse an dem historischen Bretterbau.

Wer will, kann auch durchaus Analogien zwischen der religiösen Einrichtung und der prekären Kunstszene herstellen: Auch wenn sie ideell nicht viel gemein haben mögen, gilt doch in beiden Fällen idealerweise der Gedanke, dass die Gemeinde mehr zählt als die materielle Hülle. Und beide haben mit ihrer Beharrlichkeit schon so manche Krise durchgestanden.

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