Palme mit Pannen: Jury-Präsident Spike Lee gratuliert der Französin Julia Ducournau, die mit ihrem Horrorfilm „Titane“ als zweite Frau die Goldene Palme gewann

© APA/AFP/CHRISTOPHE SIMON

Film
07/17/2021

Goldene Palme an Horrorfilm von Julia Ducournau: Spoiler, Sex und Autos

Goldene Palme geht das zweite Mal an eine Frau: Die Französin Julia Ducournau gewinnt mit tollem Horror-Film „Titane“, „Un Certain Regard“-Preis an Sebastian Meise

von Alexandra Seibel

Mit einer völlig chaotischen Abschlussgala und einem unglaublichen Spoiler ging das Filmfestival in Cannes zu Ende. Gleich zu Beginn der Preisverleihung verplapperte sich der Präsident der Preisjury Spike Lee und verkündete: „Die Goldene Palme geht an den Film ,Titane‘“.

Die Verlautbarung des Hauptpreises hätte er sich eigentlich für das Ende der Show aufsparen sollen, aber da war es schon zu spät.

Es war schließlich Sharon Stone, die am Ende des Abends (noch einmal) die Französin Julia Ducournau und ihren Film „Titane“ als Gewinnerin des diesjährigen Filmfestivals vermeldete.

Die 37-jährige Ducournau war bereits mit ihrem kannibalistischen Debüt-Horrorfilm „Raw“ (2016) aufgefallen. Nun ist sie nach Jane Campion, die 1993 mit „Das Piano“ die Goldene Palme gewann, die (erst) zweite Frau, die den Hauptpreis von Cannes erhält.

Diese Entscheidung der Jury, der auch die österreichische Filmregisseurin Jessica Hausner angehörte, ist jedenfalls sensationell, denn „Titane“ zählt sicherlich zu den abgefahrensten Filmen, die je im Wettbewerb gelaufen sind.

Erzählt wird die wahnwitzige Geschichte einer Serienkillerin namens Alexia, die ihre lange Haarnadel in die Ohren ihrer Opfer stößt und Sex mit Autos hat. Irgendwo angesiedelt zwischen David Cronenbergs „Crash“ und Shin'ya Tsukamotos „Tetsuo: The Iron Man“, zwischen Bodyhorror und Slasherfilm, entwickelt sich eine überraschend zärtliche Lovestory zwischen der vagabundierenden Alexia, kongenial gespielt von Newcomerin Agathe Rousselle, und einem trauernden Vater (famos: Vincent Lindon).

Auch die anderen Preisentscheidungen der Jury sprachen sich klar für innovatives, unkonventionelles und vielschichtiges Erzählkino aus. Der französische Anarcho-Filmemacher Leos Carax erhielt den Preis als bester Regisseur für sein leidenschaftliches Musical „Annette“, in dem sich Adam Driver als Schock-Kabarettist und Marion Cotillard als Opernsängerin zur Musik der Artpop-Band Sparks durch ihre Liebesgeschichte singen.

Offensichtlich konnte sich die Jury bei den weiteren wichtigen Preisen nicht entscheiden, weil das Angebot an interessanten Filmen zu groß war: Der Große Preis der Jury ging ex aequo an den Iraner Asghar Farhadi für sein vielseitiges Drama „A Hero“ und den Finnen Juho Kuosmanen für seinen schönen Liebesfilm „Compartment No. 6“. Auch der Preis der Jury wurde geteilt zwischen dem Israeli Nadav Lapid und dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul.

Die hinreißende norwegische Schauspielerin Renate Reinsve wurde für ihr Spiel als unentschlossene Frau zwischen zwei Männern in Joachim Triers „The Worst Person in the World“ ausgezeichnet, während der Amerikaner Caleb Landry Jones den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt.

Gute Entscheidungen

Auch ein Österreicher konnte heuer in Cannes reüssieren: Der in Kitzbühel geborene Regisseur Sebastian Meise erhielt den „Un Certain Regard“-Jurypreis für sein intensives, viel gelobtes Gefängnisdrama „Große Freiheit“ mit Georg Friedrich.

Insgesamt wird das Filmfestival 2021 in Cannes aus vielen Gründen in starker Erinnerung bleiben. Zum einen natürlich, weil es zu Zeiten von Corona stattfand und aufgrund der allzu lässig gehandhabten Vorsichtsmaßnahmen in den überfüllten Kinosälen für viel Unmut sorgte. Es war Festivalchef Thierry Frémaux anzumerken, dass er sein Festival durchpeitschen wollte, koste es, was es wolle. So hatte man das leise Gefühl, ungewollt an einer riesigen Corona-Party teilzunehmen.

Und nicht alle Filme, von denen wohl manche nur aufgrund ihres Namens – etwa Nanni Moretti – in den Wettbewerb gelangten, haben diesen Platz verdient.

Doch die Jury unter Spike Lee belohnte tatsächlich die besten, aufregendsten und spannendsten Arbeiten – und ließ es durch diese guten Entscheidungen stimmig und befriedigend ausklingen.

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