Andrea Riseborough als herzensgute Krankenschwester in „The Kindness of Strangers“

© Berlinale/Per Arnesen

Kultur
02/08/2019

Filmfestival: Die Berlinale ist eine Bärin

Dieter Kosslick eröffnet seine letzte Berlinale-Ausgabe mit zuckrigem Melodram und zeigt viele Filme von Frauen.

von Alexandra Seibel

Vielleicht ist der Berlinale-Bär ja gar kein Berlinale-Bär. Sondern eine Berlinale-Bärin. Blickt man auf das offizielle Plakat der internationalen Filmfestspiele in Berlin, sieht man Folgendes: Eine blonde Frau mit langen Haaren steckt im Kostüm eines Braunbärs und nimmt sich gerade dessen Kopf ab.

Der weibliche Bär ist durchaus passend, denn die 69. Berlinale befindet sich im Gender-Rausch. Die MeToo-Debatte hat Früchte gezeigt: Schon im letzten Jahr fanden zahlreiche Panels zum Thema Gender-Parität statt und verwiesen auf den Umstand, dass Frauen innerhalb der Filmbranche kläglich unterrepräsentiert sind.

Dafür laufen heuer tatsächlich gleich sieben (von siebzehn) Filme von Frauen im Hauptwettbewerb – darunter übrigens auch der österreichische Beitrag „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer. Eine derart hohe Anzahl an Regisseurinnen kann man wohl sonst keinem der sogenannten A-Festivals nachsagen – weder in Cannes, noch in Venedig.

Auch die Retrospektive zeigt unter dem Titel „Selbstbestimmt“ ausschließlich Regisseurinnen aus Ost- und Westdeutschland und deren Filme, die zwischen 1968 und 1999 entstanden.

Die diesjährige Hommage ist der charismatischen Schauspielerin Charlotte Rampling gewidmet.

Und die ebenfalls charismatische Juliette Binoche verteilt als Präsidentin der Jury am Ende die Bären.

Abschied

„Die Berlinale ist eine Frau“, titelte auch prompt die deutsche taz fröhlich – und zeigte passend dazu das Bild des scheidenden Berlinale-Direktors Dieter Kosslick.

Denn die 69. Berlinale steht auch ganz im Zeichen des Abschieds von seinem langjährigen Direktor.

Kosslick, der heitere Schwabe mit dem markant roten Schal, wird heuer – nach 18 Jahren Amtszeit – zum letzten Mal über den roten Teppich schreiten.

Kosslick gilt als großer Publikumsmagnet: Einer, der nicht nur Selfies mit sich und den Stars, sondern auch Selfies mit sich und seinem Publikum macht. Und der Tickets an Fans verschenkt. Zu recht schreibt sich Kosslick auf die Fahne, die Berlinale zum größten Publikumsfestival der Welt gemacht zu haben. 2018 wurden immerhin 334.000 Tickets verkauft. Und sogar ein Berlinale-Kindergarten steht zur Verfügung, wo Kino süchtige Eltern ihre Kleinen für wenig Geld einchecken können.

Auch, was die international heiß geführte Debatte zum Thema Streamingdienst-Produktionen in den Wettbewerben von A-Festivals betrifft, bleibt Kosslick entspannt. Mit „Elisa y Marcela“ läuft ein Film von Netflix im Wettbewerb. Ohne Streiterei und Kontroversen.

Trotzdem geht die Ära Kosslick nicht reibungslos zu Ende. Zuletzt gab es harsche Kritik an seiner Festivalführung, Ende 2017 hatten gar eine Reihe unzufriedener Regisseure in einem offenen Brief ihrem Unmut über den laufenden Festivalbetrieb Luft gemacht: Aufgebläht und handschriftenlos sei das Programm der Berlinale geworden, so der Tenor.

Zu seiner Abschieds-Berlinale konnte Dieter Kosslick jedenfalls nicht allzu viel Glamour nach Berlin holen. Hollywood glänzt weitgehend durch Abwesenheit; nur eine US-Produktion („Vice“) wird außer Konkurrenz gezeigt.

Zum Trost gab es dafür etwas (anglo-amerikanischen) Arthouse-Glanz zum Auftakt: Die Dänin Lone Scherfig zeigte zur Eröffnung ihr verzuckertes Ensemble-Mainstream-Melodram „The Kindness of Strangers“ und brachte damit Schauspielgrößen wie Zoe Kazan, Andrea Riseborough und Bill Nighy in die Hauptstadt.

Nun sind Eröffnungsfilme eine Klasse für sich, und besonders das Filmfestival in Venedig schaffte es in den letzten Jahren, würdige Opener zu finden. Scherfigs „The Kindness of Strangers“ allerdings trieft vor geheimnisloser Gefühligkeit und grenzenloser Harmoniesucht. Was es trotzdem halbwegs ansehbar macht, ist sein exzellentes Ensemble.

Allein in New York

Eine Handvoll angeschlagener Menschen kämpft sich durch ein winterliches New York: Sie leiden unter Einsamkeit und Wohnungsnot. Im Zentrum steht die tolle Zoe Kazan als Mutter auf der Flucht: Sie hat ihre beiden Söhne geschnappt, um dem gewalttätigen Ehemann zu entfliehen, und tingelt mit ihnen durch Manhattan. Wie es das Drehbuch will, landen sie in einem russischen Hotel, das von einem Pseudo-Russen (mit trockenem Humor: Bill Nighy) geführt wird. Andrea Riseborough wiederum spielt eine einsame Krankenschwester, die sich menschliche Nähe als Leiterin einer Selbsthilfegruppe verschafft.

Gemeinsames Leid verbindet diese Figuren, deren Schicksalswege sich unentwegt kreuzen und deren innere Gutheit (vor allem der Krankenschwester) unerbittlich auf ein Happy End zusteuert. Aber wenigstens manchmal wird’s witzig, vor allem dann, wenn Bill Knighy als Schein-Russe auftritt und ein Problemowitsch löst.

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