Im Bierzelt mit den Genossen

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Foto: Werkx/Yasmina Haddad Szenenbild aus "Demokratische Nacht – Du Prolet!".

Harald Posch bringt Horváths "Italienische Nacht" in einer überladenen Version auf die Werk-X-Bühne.

Traurig, aber wahr: "Die Italienische Nacht" von Ödön von Horváth ist gespenstisch aktuell – obwohl das "Volksstück" des österreichisch-ungarischen Schriftstellers bereits 86 Jahre am Buckel hat. Es geht um den aufkeimenden Nationalsozialismus und den Untergang der Sozialdemokratie, die damals zwar mit absoluter Mehrheit regierte, aber aus Überheblichkeit und Saturiertheit die Gefahr und den Nährboden für rechte Populisten unterschätze.

Diese folgenschwere Fehleinschätzung weist dann durchaus Parallelen zu heute auf. Denn der Niedergang der oft ideenlosen Genossen hält seit Jahren an. Aufgrund der aktuellen Brisanz bringen Theatermacher dieses Stück vermehrt auf die Bühne – in Wien war es zu Jahresbeginn in der Scala zu sehen.

Im Werk X nahm sich Harald Posch unter dem Titel "Demokratische Nacht – Du Prolet!" der "Italienischen Nacht" an. Seine Interpretation, die am Donnerstagabend Premiere hatte, ist ein hektischer, oft unübersichtlicher, aber sehr politischer Fingerzeig gegenüber den neuen Rechten, den Populisten und den perspektivlos umherirrenden Linken. Es ist auch ein Stück über die SPÖ.

Pinkelrinne

Harald Posch bringt Horváths Sprache ins Hier und Jetzt, vermischt sie mit popkulturellen Elementen und reichert sie mit Trash an. Der Ort des Geschehens ist ein Zeltfest (Bühnenbild: Gerhard Fresacher): Vorne hat die Pinkelrinne ihren großen Auftritt, wird das Dixi-Klo zur Zufluchtsstätte, im Hintergrund geht es im Festzelt feucht-fröhlich und gerne auch pornografisch zur Sache. Auf der Bühne herrscht vom Anfang bis zum Schluss reger Verkehr. Posch orientiert sich in seiner Inszenierung an Horvaths Text und seine Figuren.

werkx Foto: Werkx/Yasmina Haddad

Es gibt also den gelassenen Stadtrat (toll: Wojo van Brouwer), der am Ende in der Unterhose und mit einem "Schweinhund"-Taferl auf der Bühne sitzt. Den radikalen Karl (Simon Alois Huber), der etwas mit der unpolitischen Leni (Zeynep Buyraç) anfangen will, sich aber die Frage stellt: Kann man eine Beziehung mit einer Frau eingehen, die nicht einmal einen Minister kennt? Den kritischen Zeitgenossen Martin (Dennis Cubic), der über hohe SV-Beitragssätze für Selbstständige, kaum leistbare Wohnungen und den Rückgang des Haushaltseinkommens klagt und seine Freundin Anna (Laura Mitzkus) auf den politischen Strich schickt: Sie soll den Faschisten verführen. Komplettiert wird das gute Ensemble von Stefanie Süßbauer (Mindestsicherungsbezieherin) und Raphael Unger (Identitärer).

Bei all dem Chaos und Nebel (Trockeneis) auf der Bühne, fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Die Inszenierung will einfach zu viel. Aber wie sagt der Stadtrat immer wieder vor sich hin: "Es ist natürlich alles relativ."

Noch bis 9. 6 im Werk X.

(kurier) Erstellt am
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