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Das finstere Tal
02/10/2014

"Adrenalinspiegel auf Anschlag"

Andreas Prochaska über seinen neuen Alpen-Western "Das finstere Tal" mit Tobias Moretti.

von Alexandra Seibel

Der österreichische Regisseur Andreas Prochaska dreht am liebsten Filme, die er sich selbst gerne im Kino ansieht. Wie zum Beispiel seinen neuen, erstrangigen Alpen-Western „Das finstere Tal“ (Kinostart: 14.2.), der Montagabend außer Konkurrenz auf der Berlinale Premiere hatte. Darin tyrannisiert Tobias Moretti als Anführer einer brutalen Brüderbande die Einwohner eines abgelegenen Tiroler Tals. Bis eines Tages ein unbekannter Fremder (Sam Riley) auftaucht und die grausame Ordnung stört.

KURIER: Was interessierte Sie an einem Western, der in den Tiroler Alpen spielt?

Andreas Prochaska:Nachdem ich eine Komödie gedreht hatte („Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“, Anm.) habe ich mich gefragt: Welches Genre interessiert mich jetzt? Ich bin ja mit dem Western aufgewachsen – mit „Bonanza“ im Fernsehen und „Der Schatz im Silbersee“ im Kino in Bad Ischl. Das war sehr prägend. Gleichzeitig wollte ich weder einen historischen Schinken, noch einen selbstreflexiven, ironischen Film wie Tarantino machen. „Das finstere Tal“ ist ein Thriller, in dem es um eine Figur geht, die sich selbst sucht. Und das alles spielt zufällig 1875 in den Alpen.

Wie schwierig ist es, so ein typisches US-Format ins Österreichische zu übersetzen?

Dieser Moment zieht sich durch meine Arbeit – wie auch durch meine Horror-Filme „In 3 Tagen bist du tot“: Etwas aus dem US-Raum zu regionalisieren. Hier war die Kombination aus Ludwig Ganghofer und Sergio Leone spannend für mich.

Stark besetzt: "Das finstere Tal"

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Film "Das Finstere Tal", honorarfrei, Credit: All…

Tobias Moretti in "Das finstere Tal"…

Tobias Moretti in "Das finstere Tal"…

Tobias Moretti in "Das finstere Tal"…

Tobias Moretti in "Das finstere Tal"…

Ihr Western spielt im Schnee. Was hat Sie dazu inspiriert?

Der Klassiker dazu ist natürlich „Leichen pflastern seinen Weg“ mit Jean-Louis Trintignant. Insgesamt kommt das Subgenre des Schneewesterns aber nicht allzu oft vor, und das macht es noch interessanter.

Tobias Moretti als Anführer einer brutalen Bruderbande ist großartig besetzt.

Dazu muss ich ganz offen sagen, dass ich zuerst einen inneren Widerstand gegen Moretti hatte, weil ich befürchtete, dass es dann ein Moretti-Film wird. Aber meine Bedenken haben sich völlig zerstreut. Natürlich hat er den Film an sich gerissen, aber auf eine geniale Art. Außerdem passte er wunderbar in die bäuerliche Umgebung: Er bewirtschaftet ja selbst einen Bauernhof, hat die nötige Körperlichkeit, das perfekte Gesicht und ist ein Alphatier, das als Anführer die Entscheidungen trifft.

Nach welchen Kriterien haben Sie den Briten Sam Riley („Control“) als Fremden ausgesucht?

Vor meinem geistigen Auge schwebte jemand wie der junge Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ oder Ryan Gosling in „Drive“ – also der schweigsame Held mit Innenleben. Riley war die perfekte Besetzung. Er ist mit der Schauspielerin Alexandra Maria Lara verheiratet und versteht Deutsch. Es war für ihn kein Problem, deutsche Dialoge zu sprechen.

Haben Sie ein dramatisches Verhältnis zur Natur?

Für mich ist die Natur wie ein eigener Darsteller. Bei uns wird die Landschaft ja von „SOKO Kitzbühel“ und Hansi Hinterseer genutzt – und da dachte ich: warum nicht auch im Horrorfilm oder im Western? Berge im Schnee sind wunderschön, aber auch sehr bedrohlich.

Waren die Dreharbeiten im Schnee nicht enorm schwierig?

Wahnsinnig schwierig. Gerade auch die Szene, in dem die Baumstämme in einer Holzriese den Berg hinunter rasen ... das war sicherheitstechnisch sehr aufwendig und lebensgefährlich. Was den Schnee betrifft, war auch immer die Frage: Kommt genug oder zu viel? Mein Adrenalinspiegel war immer auf Anschlag. Einmal drehten wir eine Szene bei Minus 20 Grad im Freien: Da begannen sogar die Pferde zu husten.

Den Blutdurst in der Schneelandschaft stillen

Wenn erst einmal der Winter kommt, ist es zu spät. Dann kann niemand mehr das lichtarme Tiroler Hochtal verlassen. Doch der englischsprachige Fremde, der aus dem Nichts auftaucht, will bleiben. Er zieht bei einer Witwe und ihrer Tochter in die arme Stube und beobachtet von dort aus das Leben von geknechteten Menschen.

Brenner-Bauer heißt der Tyrann, dessen Söhne die Dorfbewohner schikanieren. Wie im klassischen Western tragen die rohen Gesellen schwarze Hüte, trinken Schnaps statt Whiskey und verbreiten Terror. Vor allem unter den Frauen.

Mit sicherer Hand übersiedelt Andreas Prochaska die Spielregeln des Westerns in die mächtige Tiroler Alpenlandschaft. Verschneite Berglandschaften verwandeln sich in tödliche Prärien, in den Beichtstühlen kleiner Dorfkirchen sterben perverse Priester.

Der famose Tobias Moretti als Anführer seiner derben Brüder beherrscht wie ein lüsterner Wolf das angestammte Terrain. Mit glitzerndem Blick fasst er nicht nur die junge Luzi (exzellent: Paula Beer) ins Auge, die bald heiraten wird, sondern auch den Amerikaner. Selten hat das Tirolerische so bedrohlich geklungen wie in Morettis wortkargen Todesdrohungen. Auch die vordergründige Sanftmut des Fremden verwandelt sich in von Rache getriebenen Blutdurst. Baumstämme werden zu tödlichen Pfeilen, Bärenfallen reißen Gesichter herunter, Pfeile bohren sich ins Auge.

Effektvoll wirft Prochaska die Kinomaschine an und feuert Hochspannung aus allen Rohren. Manchmal fast in Überdosis. Ein trommelnder Sound steigert die Dramatik der düsteren Bilder, in Zeitlupe sinken erschossene Männer in den Schnee.

„Das finstere Tal“ ist ein erstklassiger Film – und man fragt sich, warum er auf der Berlinale nicht im Hauptwettbewerb läuft, sondern außer Konkurrenz.

INFO: "Das finstere Tal." Ö/D 2014. 115 Min. Von Andreas Prochaska. Mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer.

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