© Christian Geisnaes/ Filmladen Filmverleih

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Berlinale
02/09/2014

Charlotte Gainsbourg: "Bereit, alles zu zeigen"

Die französische Schauspielerin als sexsüchtige Frau ist in Lars von Triers neuem Film "Nymphomaniac".

von Alexandra Seibel

Nach drei Minuten waren die Karten ausverkauft: Alle wollen Lars von Triers neuen Film „Nymphomaniac Volume 1“ sehen, der Sonntag auf der Berlinale gezeigt wird. In seiner ungekürzten Langfassung von 145 Minuten. (Kinostart der gekürzten, 118 Minuten langen Version: 21.2.). Charlotte Gainsbourg spielt darin eine sexsüchtige Frau, die ihre explizit pornografischen Liebesabenteuer einem älteren Herrn namens Seligman (Stellan Skarsgård) beichtet.

Nach „Antichrist“ und „Melancholia“ ist dies die dritte Zusammenarbeit mit dem dänischen Regie-Provokateur. Der KURIER traf die 42-jährige Schauspielerin vorab in Kopenhagen zu einem Gespräch über das Rätsel Lars von Trier und seine Ähnlichkeit zu ihrem Vater, Serge Gainsbourg.

KURIER: Würden Sie mit Lars von Trier blind jeden Film machen oder hatten Sie beim Lesen von „Nymphomaniac“ Ihre Zweifel?

Charlotte Gainsbourg: Ich würde einfach jeden Film mit ihm machen. Aber es wäre gelogen zu sagen, dass ich keine Angst gehabt hätte. Im Gegenteil. Ich habe mich total vor dem gefürchtet, was da auf mich zukommen würde. Schon das Drehbuch erschien mir sehr überraschend: Diese verrückte Geschichte, die in Kapiteln erzählt wird und durch die Unterhaltungen mit Seligman fast so etwas wie einen wissenschaftlichen Unterton bekommt. Das Material ist gleichzeitig spannend und Furcht erregend. Die Hälfte habe ich zuerst überhaupt nicht verstanden.

Es ist Ihre dritte Zusammenarbeit mit Von Trier. Haben Sie schon Routine?

Für mich ist jeder Film mit ihm eine völlig andere Erfahrung. Ich war auch jedes mal aufs Neue überrascht, wenn er mich wieder gefragt hat, ob ich in seinem nächsten Film spielen möchte. Irgendwie habe ich das nie erwartet. Man kann also schon sagen, dass wir eine Form von Beziehung haben, aber er ist für mich immer noch ein großes Rätsel. Doch das gefällt mir. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin Teil seiner „Familie“, manchmal nicht. Er ist einfach unberechenbar. Aber ich bin sehr glücklich über diese drei Filme – und er hat mich jedes Mal völlig woanders hingeführt.

Es gibt sehr einschlägige Sado-Maso-Szenen, in denen Sie sich von einem Mann, gespielt von Jamie Bell („Billy Elliot – I Will Dance“), quälen lassen. Diese Szenen haben bei aller Grausamkeit seltsamen Humor ...

Oh ja, das kann man so sagen. Und diese Szenen waren auch wirklich irritierend und peinlich für mich – und auch ein bisschen demütigend. Aber ich wollte mich da hinein lassen, niemand hat mich dazu gezwungen. Ich fand es auch einen unglaublich cleveren Schachzug, Jamie Bell zu engagieren. Beim Lesen des Drehbuchs hatte ich einen brutalen, älteren Mann vor Augen. Und dann kommt dieser junge, zarte, entzückende Mann daher und spielt diese Rolle. Dadurch bekommt die Szene eine andere Qualität – das fand ich schon brillant.

Szenenfotos und Plakate

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Aber die Sex-Szenen wurden mit Pornodarstellern gedreht?

Ja, vor allem in der Langfassung gibt es sehr viele Einstellungen, in denen die Körper der Schauspieler mit denen der Porno-Darsteller „gemischt“ wurden. Die Porno-Schauspieler hatten echten Sex, aber mit unseren Gesichtern. Es sieht sehr real aus, doch es wurde alles am Computer nachbearbeitet.

Trotzdem müssen Sie selbst viel nackt spielen.

Und das ist mir auch wirklich schwergefallen. Ich habe erst kürzlich ein Kind bekommen, und da war es mir besonders peinlich, mich nackt zu zeigen. Aber so viele Nacktszenen habe ich gar nicht. Und wenn, dann spiele ich ohnehin eher die „schmutzigen“ Sexszenen, und dafür muss man ja gar nicht unbekleidet sein. (lacht)

Halten Sie „Nymphomaniac“ für einen feministischen Film?

Das ist schwer zu beantworten. Es ist das Porträt einer Frau, die sich für einen schlechten Menschen hält. Aber am Ende der Geschichte versteht sie sich selbst besser. Für mich ist es überhaupt schwierig, diese Frau nur als Frau zu sehen, denn für mich hat sie auch ganz viel von Lars von Trier in sich. Die Leute behaupten zwar oft, er mag Frauen nicht, aber ich glaube, er liebt sie.

Sie sagten einmal, die Schauspielerei würde Ihnen helfen, Ihre Schüchternheit zu überwinden. Hat es funktioniert?

Ich bin immer noch lieber ruhig und zurück gezogen als laut und extrovertiert. Aber durch die Arbeit als Schauspielerin kann ich Ausbrüche durchleben – und das ist toll. Wirklich verändert als Person hat es mich jedoch nicht.

Ihr Vater, Serge Gainsbourg, war ebenfalls ein sehr provokanter Künstler. Sehen Sie Ähnlichkeiten mit Lars von Trier?

Was die Provokation betrifft, ja. Beide sind – oder waren – eigentlich schüchtern und fühlen sich ein bisschen unwohl in ihrer Haut. Und daher scheinen sie mir in diesen Provokationsausbrüchen recht verwandt. Aber ich glaube, mein Vater war ein bisschen prüder, zumindest was Frauen betrifft. Ich weiß, das klingt jetzt seltsam, nach allem, was er in seinem Leben getan hat. Aber ich bin mir nicht sicher, wie er auf den Film, also auf „Nymphomaniac“, reagiert hätte.

Clooneys "The Monuments Men"

Sie wollten dafür sorgen, dass die Mona Lisa auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg lächelt: „The Monuments Men“, eine Gruppe amerikanischer Kunsthistoriker, Architekten, Museumsdirektoren und Kuratoren, die die von Nazis geraubten Kunstschätze retten wollten – bevor sie von den Faschisten zerstört werden konnten. Unzählige wertvolle Gemälde und Skulpturen – von da Vincis „Das letzte Abendmahl“ bis hin zum Altar von Gent – konnten die Amerikaner bis zum Kriegsende noch in Sicherheit bringen.

Eine heroische Geschichte, die der patente George Clooney Pathos-geladen verfilmte und auf der Berlinale außer Konkurrenz zeigte. Die Pressekonferenz von „The Monuments Men“ (Kinostart: 20.2.) war knallvoll und insofern dramatisch, als mittendrin unterbrochen werden musste, weil einer der Kinobesucher einen Notarzt benötigte. Auch der Ansturm auf die anschließende Pressekonferenz war enorm: Alle wollten George Clooney sehen – und natürlich Matt Damon, John Goodman und den immer komischen Bill Murray (mit einer schrägen Schlafhaube auf dem Kopf).

Er wollte keinen patriotischen Film drehen, sondern einen, der interessant und lustig sei, so Clooney aufgeräumt: „Die ,Monuments Men‘ waren eine einzigartige Gruppe, die erstmals in der Geschichte als Sieger eines Krieges die Beute nicht behielten, sondern den ursprünglichen Besitzern zurückgaben.“

Nun machen gute Absichten allerdings noch lange keinen guten Film: Holzschnittartig und zerfahren erzählt „The Monuments Men“ seine heldenhafte Story von der Errettung europäischer Kunst. Mit pädagogischer Geduld erläutert Clooney als Chef der Mission den Mitstreitern seine Vorgangsweise. Er breitet endlos Landkarten aus, damit auch alle wissen, wo Paris liegt. Und immer wieder beteuert er, dass es sich lohne, für die Kunst zu sterben – als müsste er auch noch den letzten amerikanischen Kinobesucher davon überzeugen.

Kalter Krieg

Kaum haben schließlich die Nazis gegen Ende des Films kapituliert, übernehmen die Russen nahtlos die Rolle der Bösewichte. Im Gegensatz zu den Amerikanern wollen sie nämlich die wiedergefundenen Kunstwerke nicht zurückerstatten, sondern mit nach Hause nehmen. Als Kriegsentschädigung, sozusagen. Ungehemmte Kalte-Kriegs-Rhetorik also, die letztlich doch den Geschmack eines amerikanischen Patriotenstücks zurücklässt.

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