© Keith Hunter

Kultur
10/06/2021

"Close Up": Neun Künstlerinnen und die Macht der Blicke

Die Fondation Beyeler bei Basel erzählt mit ihrer aktuellen Ausstellung Malerei- und Sozialgeschichte

von Michael Huber

Der Blick, den wir auf Bilder werfen, aktiviert oder unterdrückt immer Teilbereiche jenes Spektrums, das ein Werk als „Inhalt“ zu bieten hat.

Ist etwa das locker hingeworfene Bildnis einer Frau vor dem Spiegel, 1876 von Berthe Morisot gemalt, einfach eine Darstellung einer häuslichen Szene – oder doch eine Konfrontation des Betrachters mit dem eigenen Voyeurismus?

Ist das Bild einer Dame in einer Theaterloge, das die amerikanische Malerin Mary Cassatt zwei Jahre später schuf, nicht ein Kommentar zu den Blicken, denen sich eine Frau in Gesellschaft ausgesetzt sieht? Cassatt malte im Hintergrund sogar noch einen Theatergast, der seinen Operngucker nicht auf die Bühne, sondern auf die Dame gerichtet hat.

Es mag sein, dass eine erhöhte Offenheit für feministische Perspektiven erst ins breitere Bewusstsein sickern musste, damit das Werk bedeutender Künstlerinnen nicht nur sichtbarer, sondern auch lesbarer werden konnte.

Gesehen werden

Dennoch ist die famose Ausstellung „Close Up“, die bis 2. Jänner in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel/CH zu sehen ist, keine explizit feministische Schau. Sie fügt lediglich das Werk von neun Künstlerinnen, denen jeweils ein Raum des Museums zugestanden wird, in aussagekräftiger Weise aneinander. Porträts und Selbstporträts bilden die Klammer, der zeitliche Bogen reicht von Berthe Morisot (1841 – 1895) – der einzigen Frau, die in der ersten „offiziellen“ Gruppenschau der Impressionisten 1874 dabei war – bis zur britischen Malerin Elizabeth Peyton (*1965), deren Bildnis von Greta Thunberg (2019) zeitlich den Schlusspunkt bildet.

Dazwischen entfaltet sich ein Panorama der Kunst- wie auch der Sozialgeschichte. Immer wieder wirken die Bilder als Prismen, die den Blick auf die Umstände ihrer Entstehung lenken: In Werken von Morisot und Cassatt wird die häusliche Enge, in denen die Porträtierten fadisiert Bücher lesen oder am Webstuhl sitzen, förmlich spürbar. Paula Modersohn-Beckers Bildnisse scheinen das Gesicht als Maske zu deuten, in ein Selbstporträt Frida Kahlos schleicht sich der Wunsch nach Ausbruch und Weiterentwicklung in Form einer Raupe, einer Puppe und eines Schmetterlings in den Hintergrund ein.

Neues Selbstbewusstsein

Ein ästhetischer Ruck durchfährt dann die Bilder von Lotte Laserstein, die wie keine Zweite die „neue Frau“ im Berlin der 1920er im Bild zu bannen vermochte: Ihre Protagonistinnen spielen nicht nur Tennis (in einem Werk von 1929), sie spielen auch den Blick des Betrachters selbstbewusst über die Bande zurück (etwa in zwei famosen Atelierbildern, in dem sich die Künstlerin in gewieften Konstellationen gemeinsam mit ihrem Modell darstellte).

Doch auch Kinderporträts – vordergründig ein traditionell „feminines“ Sujet – entfalten in der Schau ihre Doppeldeutigkeit. Bei Alice Neel steht etwa ein Werk aus dem Jahr 1930, in dem die junge Protagonistin wie eine Horrorpuppe erstarrt wirkt, einer deutlich gelösten „Olivia“ aus dem Jahr 1973 gegenüber: Die Veränderung des Kinderbildes geht hier mit einer virtuosen Lockerung des Malstils einher. Auch Neels berühmtes Porträt von Andy Warhol (1970), das bis vor Kurzem in der Retrospektive der Künstlerin im New Yorker Metropolitan Museum hing, ist in der Schau zu sehen.

Die Aufsplitterung des Blicks wird im letzten Drittel der Schau noch extremer durchexerziert: Den fotografischen Rollenspielen von Cindy Sherman gilt ein Raum, ein weiterer ist den Gemälden von Marlene Dumas gewidmet, die Medienbilder – etwa von Amy Winehouse oder Charlotte Rampling – als Vorlage nahm, sie malerisch verzerrte und zugleich schärfte.

Bei alldem beeindruckt die Qualität der Werke, die das Schweizer Museum zusammentragen konnte. Und durch ihren langen historischen Bogen bietet die Schau eine nützliche Orientierung für den Prozess, Kunstgeschichte mit einer adäquateren Berücksichtigung von Künstlerinnen neu zu fassen.

Die Fondation Beyeler, in einem Park in dem Dörfchen Riehen außerhalb von Basel/CH gelegen, ist schon wegen des von Star-Architekt Renzo Piano geplanten Museumsbaus,  der Sammlung im Innen- und Außenraum sowie der aktuellen Schau „Close Up“ einen Besuch wert. Mit kommendem Sonntag  (10. 10.) zieht das Museum, das vom Basler Galeristen Ernst Beyeler ( 2010) gegründet wurde und 1997 eröffnete, aber noch eine weitere Trumpfkarte: Ab dann – bis 23. 1. – ist  nämlich „eine der bedeutendsten Ausstellungen außerhalb Spaniens“  zu Francisco de Goya (1746 – 1828) zu sehen. 

Viele Exponate kommen aus dem  Prado in Madrid, der über die größte Sammlung des Malers verfügt, der in der Kunstgeschichte eine absolute Sonderstellung innehat – darunter die „Bekleidete Maja“ (1800 –  ’07).  Weiters sind selten gezeigte Werke wie die „Majas auf dem Balkon“ ausgestellt.  

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