© Photographic Archive. Museo Nacional del Prado, Madrid

Kultur
10/01/2021

Tizian im Kunsthistorischen Museum: Dies Bildnis ist bezaubernd schön

Die Schau über „Tizians Frauenbild“ stellt die Frage nach dem Wesen zeitloser Schönheit – und versucht parallel, Geschlechterrollen im Venedig des 16. Jahrhunderts zu vermitteln.

von Michael Huber

Dieser Blick! Wohin richtet er sich eigentlich – auf einen Geliebten außerhalb des Bildes, oder aufs eigene Spiegelbild? Diese Haare! Dieser zarte Hautton, den die gerade über die Schulter gezogene Bluse offenbart – und dann noch dieser perfekt gemalte Gewandstoff, der, wenn man dem Bild im Original gegenübersteht, das Gefühl erweckt, dass man meint, das Bild nicht nur sehen, sondern auch fühlen und riechen zu können.

Es gibt viel zu schwärmen über die Bilder, die das Kunsthistorische Museum in seiner Sonderausstellung „Tizians Frauenbild – Schönheit, Liebe, Poesie“ präsentiert. Das Museum verfügt ohnehin über einen großen Bestand an Werken des venezianischen Meisters (um 1488–1576) – nun wurden weitere Preziosen herangeschafft, darunter die umwerfende „Junge Frau bei der Toilette“ aus dem Louvre in Paris.

Greatest Hits, remixed

Dass solche Bilder über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg als „schön“ empfunden werden, begründet die Strahlkraft Tizians bis heute – wenngleich die vielen, teils von einer Werkstatt ausgeführten Varianten seiner „Greatest Hits“ es schwieriger machen, prägnante Ikonen herauszufiltern, als etwa bei Leonardo da Vinci.

Dass der Venezianer überhaupt so eine Nachfrage nach seinen Frauenbildnissen erzeugen und die Kunstproduktion über Jahrhunderte prägen konnte, lässt sich freilich nicht damit erklären, dass er zufällig auf universelle Formeln gestoßen wäre: Tizians Werk ist aufs Engste mit der Gesellschaft Venedigs und ihren Konventionen verbunden.

Die von Sylvia Ferino-Pagden, bis 2015 Leiterin der KHM-Gemäldegalerie, konzipierte Ausstellung baut hier auf geballtem Forschungswissen auf, das viele nicht-künstlerische Quellen mit einschließt.

So war die Produktion von Frauenbildnissen etwa oft in einen Wettstreit zwischen Malern und Literaten eingebunden, in dem Poeten Lobgesänge auf Bildnisse verfassten. Die Kraft der Dichtung, Gefühle auszulösen, sollte noch jene der Malerei übertreffen.

Der Künstler

Tiziano Vecellio, um 1488 in Pieve di Cadore geboren und 1576 in Venedig an der Pest gestorben, gilt als der wichtigste Maler der venezianischen Hochrenaissance. Päpste, Kaiser und Adelige ließen sich von ihm porträtieren

Die Ausstellung

„Tizians Frauenbild: Schönheit, Liebe, Poesie“ ist bis 16. Jänner 2022 im KHM zu sehen und geht dann in den Palazzo Reale, Mailand. Für die Ausstellung ist im KHM ein Timeslot-Ticket für eine definierte Einlasszeit zu erwerben (online oder an der Museumskasse)

Der Katalog

Die Publikation enthält zahlreiche Beiträge renommierter Autorinnen und Autoren (Skira Verlag, 39,95 €)

Auch die Hintergründe der „Belle Veneziane“, die im Auftaktsaal der Schau strahlen dürfen, sind komplex: Ferino-Pagden argumentiert, dass diese Bildnisse von Frauen – oft mit blonden Haaren, was dem Ideal der Zeit entsprach – überwiegend Bräute darstellen, und eher selten, wie oft angenommen, Kurtisanen oder Edelprostituierte. Dass Tizian, gewissermaßen als Lockangebot für Auftraggeber, auch „Fantasieschönheiten“ erfand und diese je nach Wunsch anders ausstattete, zeigt ein Bildertrio, in dem die berühmte „Junge Frau im Pelz“ aus dem KHM (1534–’36) Damenbildnissen gegenübergestellt ist, in denen ganz offensichtlich dasselbe Modell in unterschiedlichem Gewand zu sehen ist.

Repressiv und freizügig

Die Exkurse ins literarische Venedig und zu jenen Frauen, die trotz repressiver Verhältnisse selbst literarisch tätig wurden, sind in den Vitrinen und Kabinetten der Schau nicht selbsterklärend – bei aller Schönheit und Erotik ist es eine wissenschaftlich getriebene Ausstellung, die Vermittlung braucht.

Wer wusste etwa, dass die Patrizierfamilien Venedigs, um ihre Macht und ihr Vermögen nicht zu zersplittern, meist nur Erstgeborene vermählten? 1581 lebten mehr als die Hälfte der „reichen Töchter“ in einem Kloster, viele davon unfreiwillig. Unter den Männern, die daneben in erotischen Vorstellungen schwelgten und Kontakt zu Kurtisanen pflegten, waren viele Junggesellen, die keine Ehefrau abbekommen hatten.

Die im letzten Saal gezeigten „Poesien“ von Tizian und einigen Nachfolgern – mythologische Szenen, deren gemeinsamer Nenner eine nackte Frau ist – bedienten da zweifellos voyeuristische Bedürfnisse, wenn auch in hochkulturellem Rahmen. Im KHM kann, ja muss man zwischen kulturhistorischer Reflexion und direkter Wirkung hin- und herschalten. Denn es natürlich auch schlicht ganz famose Malerei.

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