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Interview
08/23/2014

Der Chef wird wieder primär Geiger

Clemens Hellsberg über den Führungswechsel bei den Wiener Philharmonikern und seine Zukunft.

von Gert Korentschnig

Clemens Hellsberg erscheint zum Interview mit schwarzer Krawatte – kein Indiz für Trauer, obwohl er nur noch eine Woche Vorstand der Wiener Philharmoniker ist. Die Krawatte ist mit Noten bedruckt – auf die will er sich künftig wieder stärker konzentrieren.

KURIER: Sie sind mit 17 Jahren Amtszeit der längstdienende Vorstand in der Geschichte des Orchesters. Was werden Sie am 1. September machen, wenn Sie Ihre Funktion an Andreas Großbauer übergeben haben?

Hellsberg: Ich werde in der Wiener Staatsoper Wagners "Fliegenden Holländer" proben, mit dem die Saison am 3. September eröffnet wird. Darauf freue ich mich schon.

Der Ex-Chef gliedert sich als Tutti-Geiger ins Orchester ein?

Natürlich. Ich konzentriere mich wieder auf das, was ich gelernt habe. Ich hatte ja vor einem dreiviertel Jahr nach einem Sturz, bei dem ich mir einen Trümmerbruch im linken Ellbogen zugezogen habe, die Angst, ich könne nie wieder spielen. Mittlerweile kann ich wieder in vollem Umfang üben und spielen. Außerdem freue ich mich darauf, in Zukunft meine Lieblingsrolle besser erfüllen zu können: als Großvater.

Eine Führungsfunktion anderswo reizt Sie nicht?

Es gibt fast jede Woche ein Angebot. Aber ich bin in der luxuriösen Situation, mich auf die Geige konzentrieren und ansonsten alles andere in Ruhe prüfen zu können.

Wie ist es zu diesem Übergang gekommen? So etwas funktioniert ja nicht immer reibungslos?

Bei uns war das ein harmonischer Prozess. Ich habe neun der 17 Jahre mit Dieter Flury als Geschäftsführer verbracht. Es war eine ideale Zusammenarbeit, zwischen uns herrschte ungetrübtes Vertrauen. Dann war leider klar, dass er aufhört. Ich hätte zwar noch einige große Ideen gehabt. Aber für deren Realisierung hätte man die Amtszeit von drei auf sechs Jahre verlängern und Dieter Flury bewegen müssen, noch Geschäftsführer zu bleiben. Mir war bewusst, dass das unerfüllbar ist, aber dadurch gab es keine Kampfabstimmung. Und wir sind mit unseren Nachfolgern Andreas Großbauer und Harald Krumpöck (Vorstand bzw. Geschäftsführer, Anm.) sehr glücklich.

Was sind aus Ihrer Sicht Ihre größten Erfolge als Vorstand?

Mein Credo ist: Nicht eine Funktion macht etwas aus einem Menschen, sondern ein Mensch muss etwas aus einer Funktion machen. Wer unter einer Führungsposition die Ausübung von Macht versteht, ist jämmerlich. Ich habe etwa das Historische Archiv des Orchesters aufgebaut – da war ich noch nicht Vorstand. Auch zur Einführung der Philharmoniker-Münze konnte ich beitragen oder die Orchesterbiografie anlässlich unserer 150-Jahr-Feier schreiben – ohne dass ich damals Vorstand war. In meiner Zeit als Vorstand haben wir das Sommernachtskonzert Schönbrunn eingeführt – da half die Funktion natürlich. Oder zuletzt beim Konzert in Sarajevo, das ich seit Langem erträumt habe. Aber vor allem war mir die Basisdemokratie unserer Institution wichtig, und ich werde für das enorme Vertrauen der Mitglieder immer dankbar sein.

Was würden Sie retrospektiv anders machen?

Ich würde die interne Kommunikation intensivieren. Leider entfernt man sich ja mit einer solchen Funktion automatisch etwas von der Basis, weil man nicht ständig jeden Schritt erklären kann.

Die Philharmoniker haben 130 bis 140 Mitglieder, also etwa 280 Meinungen. Wie hält man so einen Verein zusammen?

Mit einer Mischung aus Psychologie und Arithmetik. Man muss mittels Einfühlungsvermögen und Hochrechnung versuchen, einen Meinungsdurchschnitt zu eruieren. Das ist ein sehr diffiziler Prozess.

Welche besonderen künstlerischen Begegnungen fallen Ihnen ein, wenn Sie zurückdenken?

Ich hatte und habe zu vielen großen Künstlerpersönlichkeiten ein Naheverhältnis, da kann ich niemand herausgreifen. Aber ich freue mich sehr über die konsequente künstlerische Weiterentwicklung des Neujahrskonzertes: Wir haben mit den Dirigenten versucht, einer bestimmten Dramaturgie zu folgen, um die Bedeutung der Musik der Strauß-Dynastie in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bringen.

Viele Spitzenmanager klagen, 50 Prozent ihrer Gage sei Schmerzensgeld. Ist das bei Ihnen auch der Fall?

Bei den Wiener Philharmonikern ist man auch als Vorstand nicht Manager, sondern bleibt immer Musiker. Aber natürlich gab es bittere Momente und Enttäuschungen.

Zum Beispiel?

In der Kunst hat man sich zeitlosen Werten unterzuordnen. Wenn man dann auf Menschen trifft, für die nur Macht oder Eigeninteressen zählen, erkennt man, wie hohl eine solche Haltung ist.

Wen meinen Sie damit?

Ich meine damit Direktoren oder Intendanten, die glauben, Menschen würden ihretwegen in die Oper, zu Festspielen oder ins Konzert gehen. Wenn jemand den Respekt und die Demut vor der Musik verliert, ist für mich ein "Point of no return" erreicht.

Ein Thema, das regelmäßig auftaucht, betrifft die Rolle der Wiener Philharmoniker in der NS-Zeit. Ihre Erklärung dafür?

Es ist eine Tatsache, dass fast die Hälfte der damaligen Wiener Philharmoniker Mitglieder der NSDAP waren. Und wenngleich manche Angriffe fachlicher Grundlagen entbehrten, ändert dies nichts an meiner Überzeugung: Wenn man sich künstlerisch im Spitzenbereich bewegt, muss man auch moralisch an sich höchste Anforderungen stellen. Das haben wir getan und werden es sicher weiter tun. Ich habe vor 26 Jahren erstmals über die Thematik gearbeitet und mein Buch über die Geschichte der Philharmoniker vor 22 Jahren veröffentlicht. Natürlich hat sich die wissenschaftliche Forschung seither weiterentwickelt, natürlich ist manches dadurch überholt. Aber ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet und eine Anerkennung erhalten, die alles übertrifft, was ich je erwartet habe – die "Marietta und Friedrich Torberg-Medaille" der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

Wagen Sie eine Prognose: Wie lange wird es den Musikbetrieb in der heutigen Form geben?

Live-Aufführungen wird es immer geben, ob Konzerte oder Opern, weil sie die höchste Spannung bieten. Zudem geht es bei den Werken der großen Komponisten immer um übergeordnete, zeitlos gültige Ideale. Und diese moralische Macht sollte die einzige sein, der wir uns ausliefern.

Biografie Clemens Hellsberg wurde vor 62 Jahren in Linz geboren. Er besuchte das Schottengym- nasium in Wien und studierte danach Musikwissenschaft und Alte Geschichte. Parallel dazu studierte er an der Musikhochschule Wien Violine. Seit 1980, dem Jahr, in dem er auch promovierte, ist er als Primgeiger Mitglied der Wiener Philharmoniker. 1997 wurde er zum Vorstand gewählt. Er etablierte u. a. das Sommernachtskonzert in Schönbrunn und initiierte zuletzt das Sarajevo-Konzert.

Nachfolger Am 1. September übernimmt Andreas Großbauer (1974 in Graz geboren) von Hellsberg die Funktion des Orchester- Vorstandes. Harald Krumpöck (1968 in Wien geboren) wird nach Dieter Flury Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker.