© Kurier/Gilbert Novy

Interview
11/20/2021

Christian Kircher: „Unser Tun stand zuletzt schlicht an der Kippe“

Der Chef der Bundestheaterholding ist überzeugt, dass ab 13. Dezember wieder gespielt wird. Der Lockdown sei zwingend.

von Thomas Trenkler

Die Theaterdirektoren haben eine Sorge weniger: Sie müssen sich nicht mehr überlegen, wie sie mit Ach und Krach den Spielbetrieb aufrecht erhalten. Probleme aber gibt es durch den neuerlichen Lockdown zur Genüge. Christian Kircher begegnet ihnen bereits mit einer gewissen Routine. Als Chef der Bundestheaterholding ist er für die Staats- und die Volksoper sowie das Burg- mit dem Akademietheater verantwortlich.

KURIER: Im Theater an der Josefstadt entfielen zuletzt wegen Covid-Erkrankungen im Ensemble etliche Vorstellungen. Auch an der Staatsoper soll es massive Probleme gegeben haben. Stimmt das?

Christian Kircher: Ich möchte ein wenig ausholen: Zunächst haben wir uns davor gefürchtet, dass es massenhaft Corona-Fälle im Publikum geben könnte – und die Kultureinrichtungen als Verbreiter des Virus in die Schlagzeilen kommen. Die Befürchtung hat sich – auch dank unserer strengen Präventionskonzepte – nicht bestätigt. Aber sehr wohl gab es Ansteckungsketten unter den Mitarbeitern. Das hat auch mit dem Repertoire-Betrieb zu tun. Weil wir jeden Tag die gleichen Gruppen in den Häusern haben die gemeinsam proben, Ensemble, Ballett, Chor, Orchester …

Im Staatsballett gab es ja auch einen Cluster …

Das ist eine Tatsache: Unterschiedliche Gruppen in allen Häusern waren zu unterschiedlichen Zeiten betroffen. Und wenn es in einer Gruppe Ansteckungen gibt, ist schnell eine Vorstellung gefährdet. In den letzten Wochen nahmen die Fälle signifikant zu. Ein großes Unternehmen spiegelt dann die Vorgänge der Gesellschaft wider. Ja, unser Tun stand zuletzt schlicht an der Kippe. Aus diesem Grund ist der Lockdown nicht nur nachvollziehbar, er erscheint uns geradezu zwingend. Auch wenn wir prinzipiell spielen wollen.

Könnte es auch in den Bundestheatern vorgekommen sein, dass Mitarbeiter, die K1 waren, Proben oder Vorstellungen bestritten haben – in der Hoffnung, dass nichts passiert?

Ich kann das nicht zu 100 Prozent ausschließen. Wenn allerdings die Meldung eintrifft, dass jemand erkrankt ist, kommt es zu einer sofortigen Absonderung. So fiel mitunter erst um 14 Uhr die Entscheidung, ob eine Vorstellung gespielt werden kann.

Die Direktoren haben ab Montag aufgrund des Lockdowns ein Problem weniger?

So ist das nicht, nun haben wir drei oder fünf Probleme mehr! Etwa der Umsatzverlust: Wir sind 20 Tage geschlossen; das bedeutet, dass wir etwa 3,5 Millionen Euro an Einnahmen verlieren.

Fragt sich nur, von welchen Einnahmen oder von welcher Auslastung Sie ausgehen.

Im Vergleich zu unserem vom Aufsichtsrat genehmigten Budgetplan. Wir sind natürlich nicht von den Zahlen des Herbsts 2019, also vor Ausbruch der Pandemie, ausgegangen. Unsere Erwartungen lagen deutlich – um etwa 20 Prozent – darunter. Weil wir ja zum Beispiel wussten, dass die Touristen ausbleiben werden.

Der Staat als Eigentümer wird auch diese Finanzierungslücke schließen?

Ich bin in Kontakt mit Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer, aber für diese Frage ist es zu früh. Im Großen und Ganzen ist der Kultursektor aufgrund der Hilfsmaßnahmen gut über die letzten eineinhalb Jahre gekommen.

Sie können also recht entspannt sein. Aber müssen die Gastsänger wieder ihre Anwälte bemühen, um einen Gagenersatz für ausgefallene Vorstellungen zu erhalten?

Wir hatten für den ersten Lockdown eine Einigung erzielt. Nun müssen wir erneut die Ermächtigung einholen, Vergleichszahlungen zu tätigen. Und wir werden sie wohl auch bekommen. Also all die Probleme, die wir schon hatten, kommen wieder…

Kommt wieder Kurzarbeit?

Mit dem Betriebsrat wurden die Gespräche aufgenommen, aber es gibt noch kein Ergebnis. Die Kurzarbeit für nur drei Wochen umzusetzen, wird nicht einfach.

Sie gehen tatsächlich davon aus, dass am 13. Dezember gespielt werden kann?

Ja. Wenn diese 20 Tage Lockdown nichts bringen, was hilft dann überhaupt? Ich bin überzeugt: Nach den drei Wochen wird die vierte Welle gebrochen sein. Und man muss ja den Menschen eine Perspektive geben. Und die Kultur ist eine Perspektive.

Sie meinen, dass man zehn Tage vor Weihnachten wieder ins Theater gehen will?

Wir waren zuletzt in allen Häusern sehr gut besucht. Unser Publikum hat die Maßnahmen verständnisvoll mitgetragen – Maskenpflicht wie auch 2-G-Regelung. Großer Dank! Es wird auch nach dem 12. Dezember wieder da sein.

Man kann also Karten für den Silvesterabend kaufen?

Wir haben lange darüber diskutiert, wie wir vorgehen. Und uns entschlossen, vorerst nur Bestellungen für die Zeit nach dem Lockdown entgegenzunehmen. Wir wollen allfällige Rückabwicklungen vermeiden.

In den nächsten drei Wochen wären wieder Premieren – etwa von „Die Ärztin“ in der Burg – angestanden. Werden sie verschoben? Oder finden sie für die Kameras statt?

Wir sind eine Bastion des Analogen, es geht um das direkte, unmittelbare Erlebnis. Aber die Staatsoper war mit den TV-Übertragungen während der vergangenen Lockdowns sehr präsent. Daher: Die Premiere von „Don Giovanni“ am 5. Dezember wird vom ORF übertragen. Im Sprechtheater werden die Premieren verschoben. Hier ist man etwas flexibler, da die Spielpläne nur zwei Monate im Voraus erstellt werden.

Ich habe gar nicht gefragt: Sind Sie überhaupt geimpft?

Natürlich, das gibt mir Sicherheit. Ich begrüße die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie – und daher auch die Impfpflicht. Aber auch ich habe die Sorge, dass es zu Unruhen auf der Straße kommt. Daher braucht es rechtliche Vorgaben, insbesondere arbeitsrechtliche, wie wir z. B. mit Nichtgeimpften umzugehen haben. Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da erwarte ich mir von der Regierung klare Ansagen.

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