Christa Kummer: „Habe versucht, die Herzen der Menschen zu erreichen“

Christa Kummer, Romy 2025, 1190 Wien
Die legendäre ORF-Wettermoderatorin, Klima-Erklärerin und Stilikone wurde mit einer Sonder-ROMY geehrt. Ein Gespräch über ihr Lieblingswetter, Populismus und Abschiede. Und – natürlich – über Stöckelschuhe.

Mehr als 30 Jahre lang stand Christa Kummer vor der Kamera und wurde für viele Österreicher so zum fixen Bestandteil ihres Vorabends. Kummer prägte nicht nur als Moderatorin und Stilikone das ORF-Wetter – als Hydrogeologin und Klimatologin setzt sie sich aktiv in der Wissensvermittlung und den Kampf gegen den Klimawandel ein. 

„Immer auf Augenhöhe“, sagt sie. Im September moderierte Kummer ihre letzte Sendung. Der KURIER ehrte sie mit einer Sonder-ROMY.

KURIER: Mehr als 30 Jahre lang waren Sie in den Wohnzimmern der Österreicher zu Gast. Vermissen Sie es schon?

Christa Kummer: Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, kommen die Menschen auf mich zu, ich darf mit ihnen Selfies machen, sie umarmen mich. Und sie sagen, wie sehr sie mich vermissen. Ich antworte dann immer: Zum Glück bin ich nicht gestorben. Aber mein Abschied ist natürlich eine Zäsur. Und ich erlebe eine große Welle der Herzlichkeit.

Das TV-Wetter ist ja ein Anachronismus. Jeder in Echtzeit die Wettervorhersage am Smartphone abrufen. Weshalb schalten wir trotzdem den Fernseher ein, um uns das Wetter vorlesen zu lassen?

Die Persönlichkeit ist zentral. Ich bin keine Schauspielerin, die in eine Rolle schlüpft. Das war immer wirklich ich da im Fernsehen. Und ich habe immer versucht, die Herzen der Menschen zu erreichen ihnen einen Hoffnungsschimmer mitzugeben – trotz der Tragik der Wetterentwicklung, die wir seit Jahren erleben. Nach dem Motto: Nach jedem Gewitter kommt wieder Sonnenschein.

Hatten Sie je Schuldgefühle, wenn sich Ihre Wetterprognose als falsch herausgestellt hat und die Menschen am nächsten Tag zu warm oder zu kalt angezogen waren?

Ja. Klar hängt man emotional drin. Man wacht auf, schaut aus dem Fenster und denkt sich: „Wieso ist der Himmel so blau? Da darf kein blauer Himmel sein!“ Ich habe mich auch auf Sendung immer wieder mal entschuldigt. Wetterredaktionen interpretieren Unmengen wissenschaftlicher Rohdaten und arbeiten mit komplexen Computermodellen. Das können Handy-Apps nie leisten. Aber die Natur ist letztlich oft unberechenbar. Deshalb heißt es ja Prognose.

Wie schaut Christa Kummers Lieblingswetter aus?

25 Grad, ein paar Wölkchen am Himmel, eine leichte Brise – und das das ganze Jahr über. Zwischen Mitternacht und 6 Uhr früh kann es regnen, damit die Natur ein bisschen etwas tanken kann. Und zu Weihnachten ein paar Schneeflocken, damit es romantisch ist.

Die Realität ist eine andere, wir erleben immer mehr Extreme. Statt über das Wetter sollten wir mehr über das Klima sprechen – dennoch verdrehen viele Menschen genervt die Augen, wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden.

Das liegt unter anderem an den Schlagzeilen, die die Medien den Menschen zumuten: Schneewalze, Kältekeule, Hitzewatsche! Die Berichterstattung wird immer lauter, immer reißerischer. Und es wird viel Populismus betrieben: Wenn es zu wenig regnet, ist es der Klimawandel. Regnet es zu viel, ist es auch der Klimawandel. Ist es zu heiß oder zu kalt? Klimawandel. Zu viel Schnee oder zu wenig? Auch der Klimawandel. Das haben wir im vergangenen Jahrzehnt überstrapaziert.

Wie sollte man berichten?

Das Klima ist ein sensibles Thema. Wissenschaft ist nicht laut, sie ist faktenbasiert. Ich wollte nie eine Aktivistin oder Missionarin sein, sondern den Menschen auf Augenhöhe begegnen. Bei meinen Vorträgen ziehe ich oft einen Vergleich, den die Menschen verstehen: Ich frage sie, wie sie mit ihrem Körper umgehen: Wir essen industriell gefertigte Nahrungsmittel, wir kümmern uns nicht um Ruhezeiten, wir lassen Achtsamkeit vermissen. Genau so schlecht, wie wir mit unserem Körper umgehen, gehen wir mit der Natur um.

Wir achten nicht auf sie.

Ich brauche nur die Augen aufzumachen und in die Natur hinauszuschauen. Dann sehe ich, was sich da abspielt. Es gibt keine Naturlandschaften mehr – sondern zutiefst menschlich geprägte Kulturlandschaft, die wir in den vergangenen 100 bis 200 Jahren so geschnitzt haben, wie wir es gebraucht haben. Wir haben etwa Flüsse umgeleitet, wodurch sich die Fließgeschwindigkeit zum Teil verdreißigfacht hat. Die Böden haben so gar keine Zeit mehr, Wasser zu binden. Und jetzt fliegt uns alles um die Ohrwascheln.

Was können wir dagegen tun?

Wir sind im Moment stark in der Symptombekämpfung, etwa, indem wir irgendwo noch höhere Dämme erreichten. Das wird nicht reichen. Es braucht Ursachenbekämpfung.

Gerade ging die Weltklimakonferenz zu Ende.

Es wird viel heiße Luft produziert, Tonnen an Protokollen und Ergebnissen und Absichtserklärungen. Wir würden einen ganz großen Beitrag zum Klimaschutz leisten, wenn wir uns die Papierberge sparen würden und stattdessen ins Tun kämen.

Wie kommen Sie im Alltag ins Tun?

Wir heizen ökologisch, wir wohnen sehr naturnah. Und wir achten auf die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen. Fleisch essen wir ganz bewusst und nur selten. Es muss wieder eine Wertigkeit in unserer Gesellschaft bekommen. Es kann nicht sein, dass ein Kilo Fleisch weniger kostet als ein Kilo Tomaten. Das ist respektlos den Tieren und den Landwirten gegenüber. Mich stört auch, dass viele Menschen keine saisonalen Grenzen mehr kennen.

Was bedeutet Ihnen die ROMY?

Es gibt Auszeichnungen, die man nicht erwerben oder anstreben kann. Man traut sie sich nicht einmal zu wünschen. Das ist etwas, was einem das Schicksal schenkt, weil man vielleicht im Leben oder in den letzten Jahrzehnten doch etwas gut gemacht hat.

Sie haben nicht nur das Wetter prognostiziert und machen sich für die Klimawissenschaft stark. Sie sind – quasi nebenbei – auch zur Stilikone geworden. Vor allem ihre Stöckelschuhe sind Kult. War das geplant oder ist Ihnen das passiert? Manchmal haben die Menschen ja so sehr über mein Outfit oder die Schuhe diskutiert, dass sie gar keine Zeit hatten, auch noch zuzuhören, wie das Wetter wird. Tatsächlich war das aber nie von mir geplant. Ich habe einfach immer gerne Stöckelschuhe getragen. Schon als Jugendliche habe ich meiner Mutter heimlich ihre schönen Pumps zerhatscht. Und wenn sie dann einmal ins Theater gehen wollte und ihre Schuhe gesucht hat, hat sie einen Schreianfall bekommen. Auch beim ORF habe ich dann immer Stöckelschuhe getragen, auch zu jener Zeit, als man am Schirm nur unseren Oberkörper sah. Als man uns ab Mitte der 2000er-Jahre zur Gänze sah, waren die Schuhe plötzlich Thema.

Manche Paare wurden berühmt.

Ich erinnere mich an ein Paar schwarz-weißer Stöckelschuhe. Das waren, glaube ich, die berühmtesten Schuhe der heimischen Fernsehgeschichte. Die wurden sicher Hunderte Male gekauft. Meistens waren es ja Herren, die mir nach den Sendungen geschrieben haben, weil sie das eine oder andere Paar gerne für ihre Frauen kaufen wollten. Und hin und wieder habe ich sogar Fotos bekommen, auf denen Frauen dann mit den Schuhen auf dem Sofa saßen. Ich habe übrigens immer dazugesagt: Für mich sind Schuhe kein Fetisch. Sie sind ein Modeaccessoire, mehr nicht.

Ihr ORF-Aus hat die Debatte über den Umgang mit älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt angefacht.

Es stimmt mich sorgenvoll, dass Menschen oft schon im Alter von

50 Jahren Probleme haben, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Damit sendet die Wirtschaft völlig falsche Signale. Wir müssen Menschen, die gerne arbeiten, so lange wie möglich im Arbeitsprozess halten. Immerhin müssen wir unser Sozialsystem finanzieren. Auch die Politik ist gefordert, Anreize zu schaffen, damit die Ausrede der Wirtschaft, dass wir Alten zu teuer seien, nicht mehr greift.

Wo sehen wir Sie in Zukunft?

Das Schöne an meiner Lebenssituation ist, dass ich machen kann, das mir Spaß macht. Es gibt viele Anfragen. Ich hatte noch gar keine Zeit, sie zu sortieren. Derzeit habe ich 1.000 unbeantwortete Mails. Und seit meinem letzten Tag auf Sendung hatte ich keine drei Tage am Stück frei. Vielleicht muss Christa Kummer lernen, auch mal nichts zu tun.

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