Kultur
24.02.2018

Burgtheater: Riesenerfolg mit Schmalz’ „Jedermann“-Neufassung

Prestigeprojekt der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann umjubelt.

Am Ende wollte der Jubel gar kein Ende nehmen: Zehn Minuten lang holte das Premierenpublikum Darsteller, Regieteam und vor allem den Dichter immer wieder vor den Vorhang: Der Wiener "Jedermann" – ein Prestigeprojekt der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann – wurde bei der Uraufführung zum großen Erfolg.

Gott, der Flüchtling

Das liegt zunächst am Text: Dem jungen Dramatiker aus Graz (Ferdinand Schmalz und Hauptdarsteller Markus Hering hier im Interview) gelang es glaubwürdig, die Geschichte des reichen Mannes, dem der Tod mitteilt, dass er mit ihm einen unaufschiebbaren Termin hat, in die Gegenwart zu holen. Jedermann ist bei Schmalz ein Börsenspekulant, seine Vettern sind gekaufte Politiker, die "Guten Werke" heißen "Charity" – und der "arme Nachbar" ist ein Flüchtling und könnte gleichzeitig Gott sein (in der Bibel steht ja: "Ich war fremd und obdachlos, aber ihr habt mich nicht aufgenommen").

Der Teufel, das sind bei Schmalz wir alle – und der Tod ist identisch mit der Buhlschaft (ein origineller, gut funktionierender Trick – schließlich hat man in Wien eine durchaus erotisch gefärbte Beziehung zum Tod).

Das wichtigste aber: Schmalz nimmt den Stoff ernst, widersteht der Versuchung, sich über Hugo von Hofmannsthals oft belächeltes Salzburger Weihespiel lustig zu machen. Der Text hat komische Elemente und typisch Schmalz’sche Wortspiele – ist aber keine verblödelte Farce, sondern eine packende Tragödie.

Wirtschafts-Sünden

Und ja: Es gibt sehr, sehr ausführliche Kapitalismuskritik –Schmalz listet das ganze Sündenregister moderner Wirtschaft auf, von Umweltzerstörung über Tierquälerei und Drogengeschäfte bis zum Menschenhandel. Aber erstens entspricht das dem "Jedermann"-Stoff. Und zweitens: Entspricht das nicht der Wahrheit?

Das Loch im Leben

Bei den Salzburger Festspielen ist stets der Domplatz der Hauptdarsteller – und auch im Burgtheater dominiert die Bühne: Olaf Altmann hat eine Lösung gefunden, die an seine "Elektra"-Bühne (ein Spalt in der Wand) erinnert: In eine goldfarbene Metallmauer mündet ein Rohr. In dieser Rohröffnung finden die entscheidenden Szenen statt. Das Rohr symbolisiert die Verbindung mit der Außenwelt und mit dem Jenseits, es kann sich aber auch drehen und zum Hamsterrad werden, in welchem sich Jedermann müde läuft.

Markus Hering spielt die Hauptrolle nicht nur körperlich beeindruckend. Sein Jedermann ist ganz anders als die pathetischen Salzburger Domplatz-Büßer: Kühl kalkulierender Geschäftsmann, der das Nahen des Todes zuerst als erotisches Abenteuer und dann als Störung des Geschäftslebens versteht.

Das Wunder Tod

Wo der Salzburger Jedermann in der Sicherheit einer gültigen Fahrkarte Richtung Auferstehung in den Sarg steigt, bleibt seinem Wiener Pendent nur eine ferne Hoffnung auf etwas Höheres. "Den Tod als Wunder verstehen", sagt Buhlschaft/Tod. "Als Wunde verstehen?", fragt Jedermann. "Als Öffnung in der Welt", antwortet der Tod. Und sagt schließlich tröstend: "Ab jetzt tut’s nicht mehr weh."

Markus Hering spielt fantastisch, packend, man kann den Blick gar nicht von ihm abwenden, der große Jubel am Ende ist hoch verdient.

Aber das ganze Ensemble ist großartig: Mavie Hörbiger (komisch als "Gute Werke", unheimlich als "Mammon"), Markus Meyer und Sebastian Wendelin als schleimige Vettern, Katharina Lorenz als erotische Ehefrau (warum Jedermann sich für sie nicht interessiert, bleibt rätselhaft), Oliver Stokowski als Armer Nachbar/Flüchtling/Gott, Barbara Petritsch als mütterliche, tödliche Buhlschaft und Elisabeth Augustin als Jedermanns gut gelaunte Mutter.

Verführung

Die Inszenierung von Stefan Bachmann macht es dem Publikum und dem Text nicht leicht: Sie ist artifiziell und verfremdet und sie rückt das Geschehen, das uns doch alle angeht, zunächst in eine merkwürdige Distanz.

Wenn man sich aber auf ihren "Sound" eingehört hat, entwickelt sie einen starken Sog, eine hohe Verführungskraft. Sie ist ungewöhnlich, originell, unverwechselbar, auf hohem künstlerischen Niveau – aber stellenweise fast ein wenig kalt.

Ganz am Ende wird Jedermann zu "Niemand" und stellt klar: "Jedermann, das Opferlamm, stirbt morgen wieder. (...) Fast wie die Schuldknechte, die in den Wüsten und am Meeresgrund zu Tausenden liegen. (...)Jedermann ist niemand, niemand anderes als wir. Wenn er auch stirbt, verschwindet er doch nicht. Wir sterben ewig, leben nicht."