Kultur
23.02.2018

Burgtheater: Neufassung des "Jedermann"

Dramatiker Ferdinand Schmalz und Darsteller Markus Hering im Gespräch.

Ferdinand Schmalz schrieb für das Burgtheater eine brillante Neufassung des "Jedermann". "jedermann (stirbt)" hat heute Premiere. Markus Hering spielt die Hauptrolle.

KURIER: Wie war Ihr persönlicher Zugang zum "Jedermann"?

Markus Hering:Ich bin durchaus froh, dass ich mit dem Stück noch nicht in Berührung war. So musste ich jetzt erst gar nicht darüber nachdenken, was ich vielleicht anders machen soll. Kaum ein anderes Stück der Weltliteratur ist ja so bekannt und gleichzeitig so abgespielt.

Ferdinand Schmalz: Als mir Karin Bergmann vor zweieinhalb Jahren dieses Projekt vorschlug, da habe ich zuerst einmal geschluckt – das goldene Kalb der österreichischen Dramatik. Aber es gab zwei Gründe, warum ich dann zugesagt habe. Erstens war damals gerade das Donauinselfest, und zum selben Zeitpunkt kamen die ersten Flüchtlinge über die Balkanroute. Und 300 Leute mussten draußen schlafen, weil es hieß, wir haben nicht die Möglichkeit, ihnen Obdach zu geben – während drei Millionen Leute gratis bespaßt wurden. Dieser Zwiespalt hat mich interessiert. Wann kippt ein Fest? Wann schmeckt uns der Wein nicht mehr? Ein Fest, auf dem Figuren auftauchen, die nicht eingeladen sind.

Und der zweite Grund?

Schmalz: Mich hat gereizt, ein Stück, das den Tod im Mittelpunkt hat, für Wien neu zu schreiben. Also für eine Stadt, die wie keine andere mit dem Tod verbandelt ist.

Sie holen das Stück glaubwürdig in die Gegenwart. Die Figur "Gott" könnte bei Ihnen auch ein Flüchtling sein. Sie distanzieren sich nicht von dem Stoff.

Hering: Das ironische Auffassen wäre beim Jedermann natürlich ein sehr leichter Weg – die Jedermann-Rufer einzubauen oder andere Anspielungen auf Salzburg. Wir haben aber schnell bemerkt: Das trägt nicht weit.

Schmalz: Ich habe beim Schreiben gemerkt, wenn man das Bußstückhafte herausnimmt, dann fällt alles zusammen. Da ist ein gewisses Gerüst, das man ernst nehmen muss. Und das auch funktioniert, sonst wäre das Stück nicht so erfolgreich.

Warum ist es so erfolgreich? Viele sagen, es ist nicht gut ...

Schmalz: Die Grundfrage ist sehr spannend, die Hofmannsthal stellt: Gibt es einen Moment am Schluss des Lebens, an dem man noch einmal umdenken kann? Kann der Todesmoment auch Erkenntnismoment sein?

Hering: Und es geht ja nicht nur um diese religiöse Reue-Frage, sondern auch darum: Kann der Tod als Teil des Lebens akzeptiert werden?

Im Text heißt es "Wie geht das, Sterben?" – klar, weil wir das Sterben ja völlig verdrängt haben. Und dann heißt es: "Den Tod als Wunder verstehen".

Hering: Deshalb ist in unserer Fassung auch der Tod mit der Buhlschaft identisch: Die Verführung des Lebens trägt auch den Tod in sich.

Schmalz: Wenn im Theater der Vorhang fällt, wird abgeschminkt, und am nächsten Tag wieder gespielt. Aber ein wirkliches Ende – Vorhang runter und nie wieder rauf – das hat etwas Faszinierendes. Dass die Buhlschaft bei uns auch der Tod ist, entstand aus der Überlegung, dass man für Wien einen anderen Tod braucht. Der stoische Bauern-Tod, das eherne memento mori, das am Domplatz vorgeführt wird, darüber lacht der Wiener, glaube ich. Es brauchte eine verführerische Kraft für die Wiener Version.

Wie ist es, diesen Jedermann zu spielen?

Hering: Wir haben ja eine ganz eigenartige Bühne: Einen geschlossenen Metallvorhang und darin nur eine Rohröffnung, als Metapher für Abfluss, für eine Verbindung, eine Brücke ins Jenseits, das Auge Gottes, ein schwarzes Loch … das kann alles sein. Das ist rein körperlich schon eine große Herausforderung. In so einem Rohr kann man alles machen, nur nicht realistisch spielen. Und der Text hat neben aller Ernsthaftigkeit auch eine komische Note, die das Stück aus der Trauerarbeit heraushebt.

Schmalz: Das ist ja auch etwas zutiefst Menschliches – die besten Witze werden auf dem Leichenschmaus erzählt.

Sie haben zwei Monologe geschrieben – das eine ist eine Abrechnung mit der Wirtschaft und damit, was sie anrichtet – Umweltzerstörung, Drogen, Prostitution. Und das zweite ist eine Auseinandersetzung mit dem Geld. Da heißt es …

Hering: … "Das Geld ist das Beben da in unserer Hand, es ist das, was es mit uns macht".

Schmalz: Auch das ist ein Wunder. Dass man einen 100-Euro-Schein auf den Tisch legen und sich darum alles kaufen kann, bis hin zu menschlichen Körpern. Das funktioniert ja auch nur, solange wir daran glauben. Ich verfolge mit Neugier diese Blase um die Bitcoins. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses "crypto currency mining" platzt – weil da ein riesiges Glaubensvakuum entsteht. Es steht ja auch auf dem Ein-Dollar-Schein …

"In God We Trust"!

Schmalz: Genau. Das hat ja viel mit Glauben zu tun. Das hat mich auch an diesem Stoff interessiert, der ja aus dem Mittelalter stammt, wo Glaube und Kapitalismus noch schön Hand in Hand gegangen sind, wo es Ablasshandel gab, wo die ersten Kapitalisten wie Jakob Fugger aufgetaucht sind, die weltumspannenden Handel trieben.

Sehr spannend ist der Theater-im-Theater-Abschnitt, wo Sie auf den ursprünglichen Spielansager-Text zurückgreifen.

Schmalz: Bei Hofmannsthal kommt diese Spielleute-Ebene nur sehr kurz vor, wir wollten dieses Spiel-im-Spiel-Element größer ausbauen.

Hering: Bei uns steht ja am Anfang die sogenannte "Gute Gesellschaft". Und von denen wird einer als Jedermann zwangsverpflichtet – weil er sich verplappert und gleich einmal vom Tod redet. Dieses Theater im Theater gibt uns Freiheit, ermöglicht Perspektivenwechsel, Sprünge in der Geschichte. Der Fokus kann immer wechseln.

Sie haben die Wette zwischen Gott und Teufel als Motiv aus dem "Faust" übernommen: Wird "Jedermann" sich bekehren?

Schmalz: Ja, ich wollte zu Beginn klarmachen, worum es eigentlich geht – und da ist die Wette ein gutes Motiv.

Der dicke und der dünne Vetter sind bei Ihnen Politiker, die bei "Jedermann" verschuldet sind.

Schmalz: Das hat sich sehr schön ergeben, um die Verhaberung in der heutigen politischen Szene und den Machtzirkeln darzustellen. Wie sehr ist Politik nur ein Puppenspiel von denen, die wirklich Macht haben?

Im Text heißt es über das Leben: "Das Leben zieht uns immer wieder in den Dreck."

Schmalz: In der Szene ging es für mich um eine Gottes-Konstruktion. Wenn man im tiefsten Dreck sitzt, gibt es da eine Institution, egal, ob wir die uns vielleicht selber erfunden haben, die uns auf die Schulter klopft und sagt: Wenn du dich jetzt bekehrst, ist es ok? Das Leben hat hässliche Seiten, aber gibt es da vielleicht eine Instanz, die uns weitermachen lässt? Das ist etwas, was mir doch irgendwie Hoffnung gibt.

Ist der Jedermann für Sie eine Traumrolle?

Hering: Oje, … vorher war es keine.

Sie hatten nie Lust, auf dem Domplatz zu spielen?

Hering: Ich finde das hier viel spannender!