"Jeder will glücklich sein": Schriftsteller Peter Rosei über das Hauptgeschäft der Menschen
Wie man weiß, liegen Erfolg und Scheitern recht nah beieinander. Der eine kommt aus wohlhabendem Elternhaus, alle Möglichkeiten stehen ihm offen. Doch der Ökonom Robert Perwald mit dem langsam verwelkenden Bubengesicht schleicht antriebslos durch sein Leben zwischen Wien und Tokyo, und das Spektakulärste, das er erlebt, ist am Ende auch keine Erfolgsstory. Er wird einen Mord begehen.
Auf der anderen Seite ist da dieser äußert erfolgreiche Anwalt aus Chicago mit dem sehr unamerikanischen Namen Herbert Schlesinger. Ein Waisenkind angeblich, großgezogen von einer Pflegefamilie in Kansas, dessen Leben, ebenfalls über den Zwischenstopp Wien, ungeahnte Wendungen nehmen wird.
Die beiden verbindet nicht nur die schlaue Yoko, eine schmale Frau, die Armani-Kostüme trägt und sehr genau weiß, was sie will. Ob sie am Ende als Gewinnerin dasteht, darüber lässt sich streiten, auch mit Peter Rosei, dem Autor dieser Parabel über Leben, die enden, egal, wie sehr man sich anstrengt oder auch nicht.
Unbestreitbar ist: Roseis Roman „Unsterbliche Seelen“ (erschienen bei Residenz) ist ein bestechendes Panoptikum der Menschenbilder. Melancholisch und lebensklug, daher auch ein bisserl sarkastisch. Sein Erzähluniversum reicht von Wien bis zu den Fidschi-Inseln.
„Ich gehe herum“
Gereist ist der Wiener Schriftsteller, der am 17. Juni 80 Jahre alt wird, immer. In der Literatur wie im Leben. Zuletzt hat er zwei Monate in Indien verbracht. Was er dort gemacht hat? „Ich gehe herum, rede mit Leuten. Vor allem mit jungen Leuten. Ich will wissen, was sie vor haben, was sie studieren. Ich besuche Tempel und Klöster, ich schau mir Geschäftsstraßen und Elendsviertel an. Ich besuche Filmfestivals und ich lese die Times of India. Ich lebe.“
Leben heißt für ihn, sich immer weiterzuentwickeln, nie stehen zubleiben. Rosei, Eisenbahner-Bub aus Wien-Fünfhaus, ist studierter Jurist und ständig dabei, sich auf dem neuesten Stand zu halten, bei juristischen, aber auch allen möglichen Themen. Unlängst saß er auf einem Podium zum Thema digitale Sicherheit. Er diskutierte dort in einer Expertenrunde über die Folgen der Legalisierung des Bundestrojaners. Rosei ist nicht nur juristisch, sondern auch ökonomisch gebildet. „Schriftsteller müssen sich mit Ökonomie und Politik auskennen.“
Hinter dem Brunnenmarkt
Wir treffen Peter Rosei in einem Lokal in der Nähe des Brunnenmarktes in Ottakring. Nebenan hat er über Jahrzehnte sein Büro gehabt, seine Werkstatt, wie er es nennt. Der Brunnenmarkt ist gutes Beispiel für das, was er meint, wenn er sagt: „Ohne Ökonomie kann man kaum verstehen, was in der Welt vor sich geht. Wenn ich hier aus dem Fenster schau, sehe ich an der Oberfläche das, was sich die Leute erträumen, was sie gerne hätten. Darunter liegt die ökonomische Struktur. Man muss wissen, dass auf dem Brunnenmarkt die meisten Stände nur vier Leuten gehören. Das ist eine Mafia. Die angebliche Vielfalt hier ist eine Einbildung. Nur wenn ich solche Dinge weiß, kann ich sie als Schriftsteller abbilden.“
Wir werden im Laufe dieser Unterhaltung noch über Märkte reden. Über Wochenmärkte, Weltmärkte, Kunstmärkte. Zunächst: das Reisen. Es steht im Mittelpunkt von Roseis Leben und Schreiben. In Indien und Indonesien war er oft. Insgesamt zwei Jahre in den USA als Writer in Residence an amerikanischen Universitäten. Außerdem unterrichtete er lange Zeit in Japan. Alles floss in die Bücher, in die Reiseberichte, aber auch in die Romane. „Die hätte ich nicht schreiben können, wenn ich nicht so viel von den Reisen gewusst hätte. Man muss ja mehr da drin haben ...“ Rosei deutet auf seinen Kopf. Auch in Wien kennt er jedes Grätzel. Das verbinde ihn mit Autoren wie Balzac, der Paris auswendig kannte, von den Misthaufen angefangen.
Menschliche Komödie
Rosei weiß viel über Balzac, den Autor der „Menschlichen Komödie“, diesen manischen Nachtarbeiter, der sich von viel zu viel Kaffee ernährte und sich tagsüber als Entrepreneur versuchte, „allerdings immer gescheitert ist. Alles, was er angefangen hat, ist irgendwie in die Hosen gegangen. Er hat diese aufstrebende Bürgerklasse beobachtet und wäre selber so gerne Teil davon gewesen.“ Balzacs Zyklus „Die menschliche Komödie“ war Rosei in gewisserweise Vorbild für seine 2005 begonnenen „Wiener Dateien“, einen großen Wien-Roman in fünf Bänden als Chronik der Gegenwart.
Unser Dasein als „Menschliche Komödie“ zu beschreiben: Das macht auch der neue n Roman.
„Er sah allerhand Fische, bunt und fröhlich, in einem schier grenzenlosen, vollkommen klaren Wasser herumschwimmen. Mit den Flossen zuckend, ruckten sie hin und her, schwammen dahin und dorthin, von unten nach oben, von oben nach unten, von rechts nach links und wieder von links nach rechts. Einfach verrückt! Es ließ sich jedenfalls nicht sagen, wo sie im nächsten Moment sein würden. Eine Freiheit war das! So ist das Leben.“
Anprangern, moralisieren gar, will Rosei niemals in seinen Romanen. Er sagt, was ist. Utilitaristische Moral etwa. Wenn einer ausschließlich das tut, was ihm selbst hilft. Ist das so etwas wie Kapitalismuskritik? „Ich beschreibe ein System, mit Ironie natürlich. Ich bin ja kein Prediger. Ich schiebe das Urteil dem Lesenden zu, der soll das bitte selber entscheiden. Wenn es ihm da gefällt, dann sage ich: Alles Gute. Ich bin dagegen. Ich bin kein Freund von so einem System. Der alte Stieglitz (Joseph, US-Ökonom, Nobelpreisträger 2001, Anm.) predigt seit 30 Jahren, dass die Demokratie es nicht aushält, wenn der Mittelstand nicht stark ist. Eine stark polarisierte Gesellschaft ist der Untergang der Demokratie. Ich glaube, die Menschen lernen nur etwas, wenn sie es von innen heraus fühlen. Durch Belehrungen lernen sie es nicht.“
Was ein Trost ist
Natürlich, sagt Rosei, sei er auch „kein Freund der sowjetischen Planwirtschaft. Aber der Glaube, der freie Markt sei für die Menschen der Weg in die glorreiche Freiheit – man kann genau beobachten, dass das für uns nicht so ist. Man soll meine Ansichten bitte nicht mit linksradikalem Gestotter verwechseln. Woran ich interessiert bin, ist ein friedliches Zusammenleben, und das sehe ich extrem gefährdet.“
Was kann Literatur in so einer Gemengelage? „Spöttisch gesagt, ist es so, dass die Ideen meistens länger leben als die, die auf den Ideen herumtrampeln. Das ist ein Trost.“ Im Leben wie auch in der Literatur könne man Menschen bei der Glücksuche beobachten: „The pursuit of happiness ist das Hauptgeschäft der Menschen. Jeder will gern glücklich sein.“
Was er mit den Jahren gelernt hat? Natürlich das: „Je mehr man weiß, desto mehr weiß man, dass man nichts weiß, das ist einfach so. Die Wahrheit geht immer den Schritt von dir weg, wo du hinkommst.“
Lebenslanges Lernen ist sein Programm. „Das können Sie mit einem Handwerker vergleichen. Der hat als Lehrbub erst einen Schraubenzieher und einen Hammer, später auch eine Bohrmaschine, noch später eine elektrische. So ähnlich lernt man sein ganzes Leben intellektuelle Tools kennen, mit denen man besser analysieren kann. Bei der Frage, was der Sinn des Lebens ist, hilft das alles nicht.“
„Zehn Rolls-Royce“
Warum er als junger Mann Jus studiert hat? „Mir war klar, es ist ein wertvolles Werkzeug für die Menschen, dass es Ordnung und Recht gibt. Aber gleichzeitig ist es furchtbar grob, jemanden zu verurteilen. Die Wirklichkeit ist sehr komplex, die Juristerei aber muss mit einem groben Rechen drüber fahren. In der Literatur lässt sich die komplexe Wirklichkeit viel besser abbilden. Ich hätte nie jemanden verurteilen können. Deshalb habe ich diesen Beruf nie ausgeübt.“
Dafür viele andere. Mehrere Jahre war Peter Rosei im Kunsthandel tätig. „Schon als sehr junger Mensch, mit 23, habe ich den Kunsthandel gut kennengelernt. Ein besonders übler Sektor der Geschäftswelt. Es gibt keinen realen Wert, es geht vorrangig darum: Wie macht man aus etwas etwas Größeres?“
Rosei war einige Jahre lang der Sekretär von Ernst Fuchs. Amerika, Japan waren ein guter Markt für die Künstler der Wiener Schule des fantastischen Realismus. „Der Fuchs war damals ein aufsteigender Star und ich hab die Verhandlungen geführt und geschaut, dass das Geld hereinkommt.“ Und es kam herein. „Der Fuchs hatte zehn Rolls-Royce.“
Auch wenn die Ausmaße des Spekulativen am damaligen Kunstmarkt noch nicht derartige Auswüchse wie heute hatten, so war er doch von beinhartem Kapitalismus geprägt. „Damals war der Zeitgeist links. Ich war dem nicht abgeneigt, aber ich hab mir einfach ganz real ein Bild von der anderen Seite gemacht. Das hat mich damals viele Freunde gekostet.“
Einer aber war immer an seiner Seite. Der Dichter H. C. Artmann. „Das war mein bester Freund. Über 30 Jahre.“
„Als junger Mensch“, sagt Peter Rosei, habe er gefunden: „Wenn dir jemand die Welt erklären will, hör weg. Schau dich lieber um, was los ist, und versuch, was zu lernen.“
Hat es in seinem Leben jemanden gegeben, von dem er sich die Welt vielleicht doch erklären ließ? „Ja. Die Großmutter. Die war Katholikin und hat die ganze Weltordnung gewusst. Angefangen damit, wie man sich die Schuhe zubindet.“
Peter Rosei:
„Unsterbliche Seelen“
Residenz.
208 Seiten. 25 Euro.