Eine unscheinbare Gruppe Jugendlicher verübt Attentate in Paris: "Nocturama"

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Viennale
10/28/2016

Bertrand Bonello: "Die Wirklichkeit ist schneller als das Kino"

Der Franzose Bertrand Bonello stellte ihn Wien seinen kontroversiellen Terror-Thriller "Nocturama" vor.

von Alexandra Seibel

Terrorattacken in Paris. Gebäude fliegen in die Luft, Autos explodieren, Menschen werden erschossen. Doch die Anschläge werden nicht von radikalen Islamisten verübt, die sich mit einem Allah-Lob in die Luft sprengen; sondern von einer unscheinbaren Gruppe schweigsamer französischer Jugendlicher.

"Nocturama" heißt der prekäre Terror-Thriller, den der französische Regisseur Bertrand Bonello in Wien auf der Viennale vorstellte. In der ersten Stunde folgt er seinen jugendlichen Protagonisten, wie sie sich durch Paris bewegen und ihre Sprengstoffe in Konzernetagen und im Innenministerium platzieren. In der zweiten Hälfte verschanzen sie sich in einem Pariser Kaufhaus, probieren Designer-Kleidung, hören Pop-Musik und warten letztlich auf ihren Tod.

In Cannes war der Film nicht im Wettbewerb gelaufen, gerüchteweise, weil er der Festivalleitung zu kontroversiell erschien. Auch bei seinem Filmstart in Frankreich teilte "Nocturama" das Publikum. Was sein Film tatsächlich mit den Anschlägen in Paris zu tun hat, erzählt Bertrand Bonello im KURIER-Gespräch.

KURIER:Ist es richtig, dass Sie das Drehbuch zu Ihrem Terrorismus-Thriller "Nocturama" schon vor den Anschlägen in Paris geschrieben haben?

Bertrand Bonello: Ja, ich habe das Script bereits vor sechs Jahren entwickelt und es dann beiseite gelegt, um " Saint Laurent" (einen Film über Yves Saint Laurent, Anm.) zu drehen. Als ich wieder anfing, daran zu arbeiten, fanden die Anschläge auf "Charlie Hebdo" statt. Dann folgten die Attentate im November – aber da war meine erste Filmfassung bereits fertig.

Dachten Sie daran, nach den Attentaten etwas zu verändern?

Ja, aber ich habe mich dann dagegen entschieden: Mein Film hat nichts mit dem IS und den Attacken in Paris zu tun. In Paris wurden Symbole der Freiheit angegriffen, in meinem Film geschieht das Gegenteil: Es werden Symbole der Unterdrückung, des Kapitalismus attackiert. Die Statue der Jeanne d’Arc, die ein Sinnbild für die extreme Rechte geworden ist, geht in Flammen auf. Ich wollte mich nicht von der Realität beeinflussen lassen, denn die Wirklichkeit ist immer schneller als das Kino. Einzig den Titel habe ich schließlich geändert: Er sollte zuerst "Paris, ein Fest fürs Leben" lauten, wie Hemingways berühmtes Paris-Buch. Doch nach den Anschlägen bekam das Buch hohe Symbolkraft für den Widerstandsgeist der Pariser, und ich habe den Titel geändert.

Heute kommt Terrorismus mit lauten Botschaften, meist religiöser Natur daher. In "Nocturama" fehlen die Polit-Manifeste.

Ja, es geht mir auch nicht um eine Form des Terrorismus, wie wir sie heute kennen, sondern – viel altmodischer – um eine Form der Auflehnung, des Aufstands. Aufstände gibt es seit Jahrhunderten, seit es Staaten gibt. Darum wollte ich auch aus der Sicht von 18- bis 20-Jährigen erzählen, denn ich finde es sehr nachvollziehbar, dass sie diesen Wunsch nach Auflehnung haben.

Wer sind Ihre Jugendlichen?

Ich habe absichtlich eine ganz gemischte Gruppe gewählt. Ich wollte nicht "den Araber aus den Banlieues" oder "den Anarchisten aus der Mittelschicht" auftreten lassen. Ich wollte zeigen, dass dieses jugendliche Gefühl von Wut und Zorn allgegenwärtig ist, dass man diese Spannung greifen kann. Wenn ich mich durch Paris bewege, spüre ich das ganz stark: Die Menschen sind angespannt, nervös und geladen, als könnten sie jeden Augenblick explodieren.

Ihre Figuren bewegen sich beinahe wie in einer Choreografie durch den Stadtraum.

Ja, es ist ähnlich wie ein Ballett. Ich wurde sehr von Alan Clarkes Film "Elephant" (1989) beeindruckt, der vom Nordirland-Konflikt erzählt. Da habe ich plötzlich verstanden, wie Bürgerkrieg funktioniert: Einer geht über die Straße und erschießt jemanden anderen.

Apropos erschießen: Die Polizei stürmt das Kaufhaus und erschießt jeden einzelnen Jugendlichen, trotz erhobener Hände. Ist das realistisch?

Auf jeden Fall. Ich habe mit einem Spezialisten von der Anti-Terror-Einheit gesprochen, der über das Drehbuch nicht erfreut war. Er meinte, ich ließe die Polizei schlecht dastehen. Aber er hat dann zugegeben: In einer Situation, wo die Polizei im Unklaren ist, wird im Zweifelsfall geschossen. Es gab Zuschauer in Frankreich, die am Ende meines Films deswegen sehr wütend waren, weil für sie Polizisten Helden sind und ich sie nicht als Helden gezeigt habe.

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