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Kultur
02/17/2019

Bernard-Henri Lévy: „Ich bin für Sanktionen gegen Österreich“

Der wichtige und populäre französische Intellektuelle über den Traum von Europa, über Trump, Kurz und sein neues Bühnenstück.

Bernard-Henri Lévy ist der zugleich wichtigste und populärste französische Intellektuelle. Der Denker prägt in Frankreich (und darüber hinaus in ganz Europa) die wichtigen öffentlichen Diskurse von der Kopftuch- bis zur #MeToo-Debatte mit.

Im Vorfeld der EU-Wahl tourt Lévy in den USA und Europa mit einem Ein-Mann-Bühnenstück: Am 18. März zeigt er im Wiener Theater Akzent „Looking For Europe“. Es ist, gegen den Strom, ein glühendes Bekenntnis zu Europa – und, wie Lévy im KURIER-Interview betont, dazu, dass die Idee von Europa mehr ist als Politik.

KURIER: Wer heute nach Europa sucht, sieht Auflösungserscheinungen. Und eine Defensivhaltung gegenüber jenen Mitgliedsstaaten, in denen es Entdemokratisierung gibt. Ist es Zeit, in die Gegenoffensive zu gehen?

Bernard-Henri Lévy: Ganz sicher. Mein Stück ist zuallererst ein Werk dieser „Gegenoffensive“. So hat sich 1934 auch die Bewegung gegen den Faschismus genannt, die der französische Surrealist Georges Bataille ins Leben gerufen hat. Ich vergleiche natürlich nicht das Unvergleichbare. Und die illiberalen „Führer“ von heute sind nicht wirklich Faschisten. Aber insgesamt ist die Situation ähnlich.

Inwiefern?

Nehmen Sie den Anstieg des Antisemitismus. Das fortschreitende Misstrauen der Rechten gegen die repräsentative Demokratie. Der Hass gegen Intellektuelle und gegen das Denken. Das alles bringt genügend schlechte Erinnerungen an andere Zeiten. Frankreich erlebte drei große Krisen des Argwohns gegen die demokratischen Werte: Die Affäre Dreyfus (ein antisemitisch durchsetzter Skandal um die Verurteilung eines Soldaten 1894, Anm.). Die 30er Jahre. Und heute.

Es ist völlig aus dem Fokus gerückt, dass die europäische Idee ja weit mehr ist als eine politische. Gibt es eine realistische Chance, dass sich dieses Bewusstsein in der öffentlichen Meinung wieder durchsetzt?

Das ist genau meine Hoffnung. Und ganz genau das, was ich mit meinem Stück versuche. Das Problem ist nicht Brüssel. Nicht die Kommission. Europa ist letztendlich eine Idee der Menschlichkeit. Ein Konzept der Religion, des Geisteslebens, des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, der Liebe, der Freiheit zu glauben und zu denken. Es ist zuvorderst eine Angelegenheit der Zivilisation, und danach ein politisches Konstrukt. Nebenbei: Die großen österreichischen oder österreich-ungarischen Autoren haben nichts anderes gesagt. Musil, Broch, Roth: In ihrem großen Schatten breitet sich dieses Spektakel aus.

Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten?

Durch unsere Trägheit. Unsere Mutlosigkeit. Jene „Asche der großen Müdigkeit“, von der der große Philosoph Edmund Husserl 1935 gesprochen hat.

Was können wir tun, um da wieder rauskommen?

Ich würde sagen: Die Idee wiederfinden, dass Europa nicht nur ein Kontinent ist, sondern eine Sicht auf den Menschen und die Geschichte. Oder auch: Wieder anknüpfen an das Beste des habsburgischen Geistes. Es gab schlechte Reiche, aber auch gute. Und das habsburgische war unbestrittener Weise ein gutes Reich.

Wirklich?

Ich werde im Detail erklären, warum. Und ich werde erklären, an welchen Aspekt seines Geistes wir heute nicht nur anknüpfen können, sondern sogar müssen.

Bei jeder Aufführung – so auch in Wien – soll Ihr Stück lokale Regierungs- und Europapolitik ansprechen. Was erwartet das Wiener Publikum, was ist Ihre Meinung von der österreichischen Regierung?

Ich kann keine hohe Meinung von einem Kanzler haben, der in seiner Regierung Vetreter einer Partei, der FPÖ, hat, die von Nazi-Regime-Nostalgikern gegründet wurde. Sebastian Kurz kann uns erzählen was er will: Diese Erbsünde bleibt. Und es bleibt, in seiner eigenen Partei, der Nationalismus, dieser populistische Rückzug, der in Europa immer zum Schlechtesten geführt hat. Nehmen Sie die Frage der Migranten. Der Begrenzung der CO2-Emissionen. Der Finanzierung der Grenzkontrollagentur Frontex. Euer Kurz hat etwas von Donald Trump an sich, das ich nicht mag und das vor allem nicht auf der Höhe der großen Vergangenheit Österreichs ist.

Ihre Tournee findet im Vorfeld der nächsten EU-Wahl statt. Wird die einen weiteren Schwenk in Richtung Populismus bringen?

Ich hoffe nicht. Und ich werde alles nach meinen bescheidenen Kräften tun, um etwas dazu beizutragen, dass es nicht so kommt und dass die Populisten auseinandergenommen werden. Das liegt auch an Ihrem Land.

An Österreich?

Ihr Sebastian Kurz, zum Beispiel, ist fesch. Aber den UN-Migrationspakt abzulehnen ist weder das Richtige, um die Probleme zu lösen, noch um die Idee und die Werte Europas zu würdigen. Und es würdigt auch nicht die Vertrauensvereinbarung, auf der die Europäische Union fußt. Gegen das Österreich von Haider wurden damals für Geringeres Sanktionen angestrebt. Diese Entschiedenheit müssten wir heute wieder haben. Europa ist kein Gasthaus, in dem man nur das bestellt, was einem passt. Daher, ja, bin ich für Sanktionen gegen das Österreich von Kurz.

Ihre Bühnenfigur hat am Ende eine offenbar brillante Idee, wie man über Europa so sprechen kann, dass es wieder bei den Menschen ankommt. Bitte verraten Sie uns, wie!

Zwei Sachen. Die eine ist ganz pragmatisch: Ich schlage eine Reihe von konkreten Maßnahmen vor, damit Europa sich endlich des sozialen Themas annimmt. Da hat es zu sehr den Ruf, gleichgültig zu sein. Die andere ist poetisch: Die großen Geister Europas zusammenzurufen, sie wiederzubeleben und ihnen politische Aufgaben zu übergeben, die für die europäischen Institutionen zentral sind. Die Agenden der Hölle für Dante. Des Lachens für Bergson. Des bösen Humors für Thomas Bernhard. Des Seins für Sartre und des Nichts für Pessoa. Die Verteidigung für Lord Byron, die Finanzen für Mutter Teresa gemeinsam mit George Soros und so weiter. Und auch große Lebende: Elfriede Jelinek hat in meiner imaginierten Regierung das Ministerium für Widerstand.

In der Realität aber suchen viele wieder ihr Glück in der Kleinstaaterei – was angesichts der Weltpolitik, mit einem erstarkenden China, absurd erscheint.

In meinem Text stelle ich, eine nach der anderen, alle großen Fragen, mit denen die Europäer heute konfrontiert sind. Die Frage des Terrors. Des Klimawandels. Des verrückten Geldes. Die Migration. Die großen neototalitären Reiche, die wieder in die Offensive gehen. Ja, China. Aber auch Russland im Rachemodus. Die Türkei – neu-ottomanisch. Die arabischen Staaten. Persien. Und ich zeige, dass angesichts dessen der einzige Rahmen, der erlaubt, sich zu organisieren und zu widerstehen, der europäische Rahmen ist.

Viele Briten glauben das nicht mehr. Kommt der Brexit?

Mein Stück sagt: Nein. Und es macht sich lustig über die Scharlatane, diese anscheinend verführerische Idee verkauft haben: „Nehmt euch die Kontrolle über euer Land zurück.“ Und die sich nun mit einem Land wiederfinden, das komplett außer Kontrolle ist. Aber es stimmt, die Zeit vergeht, und meine Wette wird immer riskanter. Aber bizarrerweise bleibe ich dabei. Großbritannien darf nicht das kleine Britannien werden. Und das Land von Lord Byron und Winston Churchill darf sich von dieser Bande von Gaunern und Taugenichtsen nicht vom Weg abbringen lassen.

INFO: "Looking for Europe" in Wien

Am 18. März kommt Bernard-Henri Lévy nach Wien: Im Theater Akzent präsentiert er sein Bühnenstück „Looking for Europe“: Damit unternimmt Lévy eine Kampagne für Europa, die ihn bis zum 20. Mai durch 20 Städte  führen wird. Das Stück thematisiert den jeweiligen Aufführungsort. Online kann das Publikum vorab Fragen stellen, die dann Teil der Aufführung werden können. 

Tickets und Info unter www.akzent.at