Kultur
13.12.2017

Berlin war die Stadt der Frauen

"Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger" ist ein herausragendes Werk über bewegte Zeiten.

Das Berlin der 1920er-Jahre war eine feiernde, rasante Metropole voll exzessiver Lebenslust. Es war ein "place to be" für Künstler und Intellektuelle, ein Ort der Moderne, wo verkrustete Strukturen abgeschabt wurden und Frauen alte Männer-Domänen im Charleston -Schritt und mit Bubikopf aufmischten. Einerseits. Andererseits hatten viele Berliner keine Arbeit, hausten in einem dreckigen Kabuff und hatten nichts oder nur wenig zum Essen. Es war der berühmt-berüchtigte Tanz auf dem Vulkan, der erst mit der Weltwirtschaftskrise und der Machtergreifung Adolf Hitlers endete. Aber das ist eine andere, traurige Geschichte. Und "Geschichte wiederholt sich nicht." Davon ist zumindest Boris Pofalla überzeugt. Der deutsche Journalist und Autor hat soeben ein Buch veröffentlicht, das sich dem Berlin der 1920er-Jahre widmet.

"Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger" (Taschen Verlag) wurde vom Grafiker und Illustrator Robert Nippoldt bereits vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Mit dem Hype um dieaktuelle Sky-Serie "Babylon Berlin" habe das Buch also nichts zu tun, sagt Pofalla im KURIER-Gespräch.

Während Robert Nippoldt, der bereits Bücher wie "Jazz im New York der Wilden Zwanziger" und "Hollywood in den 30er Jahren" illustrierte, seinen Arbeiten auf 224 Seiten viel Platz einräumt, liefert Boris Pofalla die dazugehörigen Texte. Jedes Kapitel wird mit Zitaten, Texten von Zeitzeugen, Zeitungen und Magazinen angereichert. "Das Berlin der 20er-Jahre ist wie eine Schatzkiste. Darin liegen viele spannende Geschichten", sagt Pofalla. Bei seinen Recherchen zum Buch habe es ihn überrascht, "wie modern das Berlin der Zwanziger war. Vor allem in den Bereichen Unterhaltungsindustrie und Infrastruktur: Es ist erstaunlich in welchen Takten die U-Bahn, die öffentlichen Verkehrsmittel gefahren sind." Auch die Medienbranche sei bereits sehr fortschrittlich gewesen. "Es gab von einigen Zeitungen täglich mehrere Ausgaben. Viele Dinge, die wir heute als modern erachten, waren damals schon vorhanden", resümiert Pofalla.

Betty Stern

Das Berlin der 1920er-Jahre wuchs durch die enorme Verdichtung und Zuwanderung schnell zur Vier-Millionen-Metropole, in der das Spektakel, die Unterhaltung großgeschrieben wurde – angefeuert von den zahlreichen Kultureinrichtungen, die wöchentlich neue Stars und Produktionen auf die Bühne brachten. Einige dieser Aushängeschilder werden in "Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger" von Boris Pofalla porträtiert. "Das Schwierige beim Schreiben war, die Essenz herauszufiltern: Was machte diese und jene Person aus? In den meisten Fällen stand mir ein Überfluss an Informationen zur Verfügung, aber über einigen Personen gab es kaum Infos. Da musste ich schon sehr tief graben, um irgendetwas herausfinden zu können", sagt Pofalla. Ein Beispiel dafür ist Betty Stern, eine Jüdin aus Breslau, eine Salonnière, die eine wichtige Figur für den Film der damaligen Zeit war. In deren Zweizimmerwohnung sind Regisseure und Schauspieler ein und ausgegangen – so auch Marlene Dietrich, mit der Betty Stern eng befreundet war. "Alle berühmten Schauspieler und Regisseure sind einmal durch Bettys spießiges Wohnzimmer gelaufen", wird die Filmkritikerin Lotte Eisner im Buch zitiert. Bei ihren Soireen am Donnerstag sei es, so Leni Riefenstahl, so voll gewesen, dass man sich nicht habe setzen können. "Berlin war die Stadt der Frauen", schreibt Pofalla über die sich verändernde Gesellschaft in der Großstadt. Durch den Ersten Weltkrieg wurden Riten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ausradiert – Schamgrenzen fielen.

Heute Nacht oder nie

Für Frauen war in der kurzen Phase der Weimarer Republik einiges möglich: Sie wurden Richterinnen, Professorinnen und Ärztinnen, durften wählen und gewählt werden. "Der Feminismus hatte im Berlin der Zwanziger eine gute Zeit", sagt Pofalla. Im Kapitel "Die neue Frau" heißt es dann: "Schöne Berlinerin. Du bist tags berufstätig und abends tanzbereit ..." So textete die deutsche Vogue 1929. Die "neue Frau" gab es, aber nicht oft. Sie war ein modisches Leitbild – man sah sie in Magazinen, im Film und auf der Bühne. In der Realität konnte sich diesen Lifestyle, dieses glamouröse Leben aber kaum eine Frau leisten. "Viele haben sich deshalb prostituiert", sagt Pofalla.

Eine im Buch beiliegende CD liefert den Soundtrack zu diesen bewegenden Geschichten. Zusammengestellt wurde der 26 Songs umfassende Sampler vom Swingliebhaber Stefan Wuthe. Auf der Playlist: "Heute Nacht oder nie". Ein Titel, der das Berlin der Zwanziger trefflich beschreibt.


INFO: Robert Nippoldt und Boris Pofalla: „Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger“. Mit einer Musik-CD. Taschen Verlag. 224 Seiten. 49,99 Euro.