© Wien Museum/Fischka/Kramar

Beethoven
05/21/2020

Beethovens Wiener Wohnungen: Genie ohne festen Wohnsitz

Auf den Spuren eines Ruhelosen und Schwierigen – an einigen seiner zahlreichen Wiener Adressen

von Werner Rosenberger

Ludwig van Beethoven war zeitlebens ein „möblierter Junggeselle“ mit oft wechselndem Wohnsitz. Ein weltfremder Komponist mit großem Talent zur Unordnung. So schilderte der Franzose Baron de Trémont nach einem Besuch um 1809, wie es bei ihm aussah: „Stellen Sie sich das Unordentlichste vor, das es gibt: Wasserlachen, die den Boden bedecken, ein ziemlich altes Klavier, auf dem Staub gestochene und noch im Manuskript geschriebene Musikstücke.“

1770 in Bonn geboren, kommt er 16-jährig zum ersten Mal für ein paar Wochen nach Wien, um hier bei Haydn oder Mozart Musik zu studieren. Fünf Jahre später kehrt er wieder, wohnt zunächst beim Buchdrucker Strauß in der Alserstraße 30 (damals noch Alsterstraße), und bleibt bis zu seinem Tod in Wien.

Ein Mietnomade

In 35 Jahren wechselt er mindestens 60 Mal die Wohnung. Meist nicht freiwillig, weil sich der Rastlose an keine „Hausordnung“ hält, oft nachts laut Klavier spielt und mit Nachbarn im Dauerkonflikt ist.

Dieser Mieter, reizbar, schwierig und mit zunehmendem Alter sehr misstrauisch, findet immer wieder einen Grund zu fliehen: das Auftauchen eines Fremden, das Belauschtwerden beim Komponieren, die Bemerkung einer Hauswirtin … Er sei schon ganz heiser „vom Fluchen und Stampfen“, schreibt Beethoven einmal nach der Korrektur eines fehlerreichen Notenabzugs. So temperamentvoll behandelt er auch die Hausherren.

Und ein alter Döblinger Wirt antwortete achselzuckend auf die Frage, wie sein berühmter Stammgast denn ausgesehen habe: „Halt wie ein narrischer Musikant.“

Odyssee des Schwierigen

Im Frühjahr 1800 ist er am Tiefen Graben 10/12 im Haus „Zur kleinen Weintraube“ in der Innenstadt einquartiert, aber schon im gleichen Jahr im Sommer draußen in Grinzing in einem niedlichen Häuschen, das er – in der Grinzinger Straße 64 – ein zweites Mal 1808 zugleich mit Grillparzer und dessen Mutter bewohnt.

Um 1802 mietet sich Beethoven im Hoftrakt des ebenerdigen Hauses in der Probusgasse 6 ein (heute „Beethoven Museum“). In einem niedrigen Zimmerchen untergebracht, muss er sich eingestehen, dass seine zunehmende Taubheit unheilbar ist.

Der 32-Jährige schreibt dort am 6. Oktober 1802 das „Heiligenstädter Testament“, ein Dokument tiefster Verzweiflung, eigentlich ein Brief an seine Brüder, den er jedoch nie abschickte. Es beginnt mit den Worten: „Oh ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropische haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir!“

Napoleon – ausradiert

1803 ist Beethoven wieder anderswo. Er zieht im Sommer in die Döblinger Hauptstraße 92 in den damals von Feldern, Gärten und Weinbergen umgebenen Bieder-Hof, auch bekannt als „Eroica“-Haus, weil dort der größte Teil der 3. Symphonie entstand. Ursprünglich Napoleon gewidmet.

Aber als sich der zum Kaiser der Franzosen macht, radiert Beethoven im Zorn den Namen seines Helden vom Papier, wobei das Blatt reißt und Napoleon unversehens in einem Loch verschwindet.

Lang ist die Reihe der Umzüge und lebenslang vergeblich die Suche nach einem passenden Quartier: Gern und zwischen 1804 und 1815 wiederholt wohnt Beethoven im nach dem Leibarzt Maria Theresias benannten Pasqualati-Haus auf der Mölker Bastei 8. Hier arbeitet er u. a. am „Fidelio“, an mehreren Symphonien und an Klavierstücken wie „Für Elise“, das er angeblich seiner unglücklichen Liebe Therese von Malfatti widmet.

Vom obersten Stock genießt er eine wunderbare Aussicht auf die Vorstädte, das Glacis und den Wienerwald. Nur der Blick gen Osten, Richtung Prater, ist ihm verwehrt. Ebenso das ersehnte Fenster durch einen Feuermauer-Durchbruch, worauf Beethoven auszieht. Sein Sponsor Pasqualati ist’s gewöhnt. So oft ihm der wunderliche Gast entflieht, sagt er: „Die Wohnung wird nicht vermietet, er kommt schon wieder.“

Um 1817 ist er wieder im Grünen in Döbling, wohnt im kleinen Haus mit weitem Hof auf dem heutigen Pfarrplatz, Eroicagasse 17.

„Fidelio“

1822 zieht der passionierte Mietnomade in die Laimgrubengasse 22. Das Haus ist noch erhalten und denkmalgeschützt. Für ihn war es eine Rückkehr an den Ort, wo er schon 20 Jahre zuvor gelebt hatte – damals auf Nr. 26. Das Gebäude gehörte zum Theater an der Wien, wo im November 1805 sein „Fidelio“ uraufgeführt worden war.

Im Winter 1823/24 ist Beethoven gemeinsam mit seinem Neffen in der Ungargasse 5. „Zur schönen Sklavin“ heißt das Haus, wo der Komponist seine 9. Symphonie vollendet und ihn Grillparzer besucht.

Beethoven Museum
Beleuchtet Leben und Werk des Klassikers, 19., Probusgasse 6; und nur wenige Schritte entfernt:  der Heurige Mayer am Pfarrplatz in einem Haus, in dem Beethoven 1817 kurz wohnte

Pasqualati Haus
In einer Nachbarwohnung von Beethovens ehemaligem Quartier befindet sich heute ein Museum
1., Mölker Bastei 8
Di. bis So. und Feiertag
 10 bis 13  und 14 bis 18 Uhr
www.wienmuseum.at

 

Letzte Station

1925 zieht er im Herbst ins „Schwarzspanierhaus“ am Glacis, wo er – „auf den Höhen von Schwarzspanien“, wie er scherzhaft schreibt – die letzten zwei Jahre seines Lebens verbringt.

Wobei Lage und Grundriss der Wohnung am ehesten seinen Bedürfnissen entspricht. Die fünf Fenster im zweiten Stock öffnen sich nach Süden, haben kein Gegenüber, lassen viel Licht und Luft ein. Von seinem Arbeitskabinett hat man den herrlichsten Blick auf die Alleen und Lustgärten der Glacis und das Wien hinter Gräben, Wällen und Basteien.

Hier entstehen die letzten Streichquartette, die lange als unspielbar galten. Hier schließt das Musikgenie mit dem „wildnaiven“ Wesen, so Grillparzer, während eines gewaltigen Gewitters mit Hagelschlag am 26. März 1827 für immer seine Augen. 20.000 Menschen nehmen an seinem Leichenzug teil, eine für das damalige Wien gewaltige Menge.

Vom Haus in der Schwarzspaniergasse 5, wo später auch Nikolaus Lenau wohnt, ist allerdings nichts erhalten geblieben. Das Stift Heiligenkreuz ließ es 1903 demolieren.