Letzter Tag beim 44. Klagenfurter Wettlesen: Spannende Vielfalt

© ORF/ORF/Johannes Puch

Kultur
06/20/2020

Bachmannpreis, Tag 3: Hören Sie, was ich sage?

Wettlesen: Kunst-Watsche, Weltenbrand, Ichwerdungen und unterhaltsame Affen.

von Guido Tartarotti

Das Spannende am Klagenfurter Wettlesen liegt ja in der Überraschung. Man weiß nie: Ist der nächste Text  ein konventionelles Erzählangebot – oder artifizielles Kunsthandwerk, welches den Leser vor Rätselaufgaben stellt?

Der letzte Tag beim Bachmannpreis begann mit einer Kunst-Watsche – einer Erzählung, die dem Zuhörer mit experimenteller Wucht den Schlaf aus den Augen prügelte.

Larifari

Die österreichische Künstlerin Lydia Haider las im Stakkato-Ton einen Text, der sich mit dem gewalttätigen Potenzial von Sprache befasste. Zu Beginn wird ein Kind von einem Hund zerrissen, dann wird Jagd auf die Hunde gemacht – offenbar eine Allegorie auf den Missbrauch von Sprache durch faschistische Systeme. Die Autorin setzte dabei auf eine ruppige, akustisch schwer verständliche  Kunstsprache – Zitat: „Larifari, zu existieren in deinem Sinn, aber das passiert halt.“

Jurorin Insa Wilke kommentierte trocken: „Guten Appetit. Hunde des Wiener Aktionismus, wollt ihr ewig leben?“ Der Text löse sich im Nichts auf. Juryvorsitzender Hubert Winkels, stets ein Freund von Fremdwörtern, beschrieb den Text als „gnostische“ Weltablehnung und als „Splattermovie“.

Danach kam es sofort zum Streit, und wie immer ging er von Philipp Tingler aus. Tingler stellte die Frage an die Autorin, welches Anliegen ihr Text verfolge (sie lehnte eine Antwort ab). Dies brachte Winkels in Rage: „Wir beantworten diese Frage, nicht die Autorin! Das verstößt gegen alle Regeln, das kann man nicht machen, Herr Tingler! Hören Sie, was ich sage?“

Nora Gomringer, die die Autorin eingeladen hatte, nannte die Erzählung „eine große Kampfansage“. Michael Wiederstein lobte den Vortrag der Autorin. Beim Lesen habe er den Text als „blutigen Brei“ aufgefasst, beim Zuhören habe er sich ihm erschlossen – er sei ein „Machtergreifungstext“. Tingler merkte an, er finde das Wort „Arschlochschuhe“ schön.

Die Diskussion endete genauso ungewöhnlich, wie sie begonnen hatte: Mit einer Art Applaus-Performance, zu der dir Autorin etwas leider völlig Unverständliches vortrug. Trockener Kommentar von Klaus Kastberger: „Damit wurde brillant zusammen gefasst, was die Schwäche des Textes ist – vielleicht geht er im eigenen Jubel unter.“

Stück Meisterwerk

Völlig anders war der Lese- und Schreibton der zweiten Autorin, der Österreicherin Laura Freudenthaler – nämlich sehr leise. Erster Satz: „Der heißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen ist mein schweigsamster.“ In ihrer extrem genau gebauten, anspielungsreichen, fast mythologischen Geschichte geht es um einen Brand und eine Mäuseplage, die sich bedrohlich verselbstständigen.

Insa Wilke lobte die „Wucht“ des Textes, er zeige „unekstatisch und nüchtern, wie Dinge außer Kontrolle geraten“. „Hochachtung“ äußerte Klaus Kastberger, er fühlte sich an Ingeborg Bachmann und Marlen Haushofer erinnert: „Ich würde darauf wetten, dass Lisa Freudenthaler ein Shooting Star der  Literatur wird.“ Philipp Tingler lobte das „Talent zu Verdichtung und Atmosphäre“, vermisste aber eine „Geschichte“.

Und dann sagte ein Juror den Satz: „Das Dräuende dieser Apokalypse bleibt in einer vagen allegorischen Gesamtornamentik stecken.“ Und dieser Satz konnte nur von Hubert Winkels kommen.

Michael Wiederstein kritisierte das das actionhafte Ende der Geschichte, dieses mache „alles kaputt“. Brigitte Schwens-Harrant wieder sah „ein Stück Meisterwerk“. Fazit: Eine heiße Kandidatin für den Hauptpreis.

Unter Affen

Nach der Mittagspause brachte die deutsche Autorin Katja Schönherr einen ganz neuen Ton ein, nämlich einen leichtfüßigen, satirischen. Ihre Geschichte handelt von einer Frau, die ihr Todesjahr zu kennen glaubt und daraus kraft für Unangepasstheit schöpft – und von einem Besuch im Affenhaus.

Der Text hatte eine logische Folge: Sofort diskutierte die Jury über die Frage, ob Literatur unterhaltsam sein darf. Darf sie, fand Philipp Tingler, der die Autorin eingeladen hatte: „Unterhaltsamkeit ist das Gegenteil von Gelangweiltsein. Sie bedeutet, der Text ist mir nicht gleichgültig.“ Auch Insa Wilke („amüsante Geschichte“) und Brigitte Schwens-Harrant  („gut und unterhaltsam“) lobten den Text.

Klaus Kastberger sah sogar eine Allegorie auf den Wettbewerb: „Alle stehen um einen Käfig, in dem jemand ein Schild hochhält, und niemand weiß, was draufsteht.“

Nora Gomringer („ZDF-Verfilmbarkeit“) und Hubert Winkels fanden den Text zu „einfach“. Winkels fühlte sich an Kishon erinnert (und meinte das tatsächlich nicht als Kompliment!): „Sauber,  gut verpackt, im Supermarkt zum Verkauf angeboten, bescheiden im Anspruch.“

Michael Wiederstein widersprach: „Man kann auch klassisch erzählen und dennoch ein großes Geheimnis bewahren.“

Schlaffer Händedruck

Die Schweizer Autorin Meral Kureyshi bestritt die letzte Lesung des 44. Bachmannpreises. Ihre Geschichte führte uns in ein Museum – und in einen melancholischen Gedankenstrom.

Die Jury war sich uneinig.  „Ein Text wie ein schlaffer Händedruck“, befand Insa Wilke, „Befindlichkeitsprosa“, urteilte Klaus Kastberger, Nora Gombringer kritisierte den „schlaffen Ton“. Philipp Tingler lobte den Ton dagegen als „lapidar“, und Michael Wiederstein sah sogareinen „Ichwerdungstext“.

Fazit: Vielfältige, sehr spannende, höchst unterschiedliche Texte, eine herrlich streitlustige Jury – und eine coronabedingt interessante, halb virtuelle Austragungsform, die sich erstaunlicherweise eher bereichernd als bremsend auswirkte.

Preisvergabe: Sonntag.