Helga Schubert, mit 80 Jahren älteste Bachmannpreis-Teilnehmerin

© ORF/OrF

Kultur
06/19/2020

Bachmannpreis, Tag 2: Alles ist gut.

Wettlesen in Klagenfurt: Proseminare, Meister Yoda, diskursive Sanftmut und Klischeekanone.

von Guido Tartarotti

Die brennende Frage am zweiten Tag des 44. Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis  lautete: Wird der neue Juror Philipp Tingler auch heute wieder in unnachahmlicher Weise um sich schlagen und sowohl Autoren als auch seinen Jury-Kollegen ausrichten, dass sie keine Ahnung haben?

Die gute Nachricht: Ja, macht er.

Der Wettbewerb findet coronabedingt ja heuer sozusagen virtuell statt: Moderator Christian Ankowitsch ist im Studio alleine, die Lesungen wurden vorab aufgezeichnet, die Juroren sind aus dem Heimbüro zugeschaltet.

Den Auftakt am Freitag machte die älteste Autorin, die je am Bewerb teilgenommen hat: Die Berlinerin Helga Schubert, 80, war schon 1980 eingeladen, die DDR ließ sie aber nicht ausreisen. Dass sie jetzt doch noch dabei ist, empfindet sie als „kleinen Sieg über die Diktatur“.

In ihrer wunderbar uneitlen Erzählung erinnerte sie sich an eine Nachkriegskindheit und an das Leben ihrer Mutter. Großartiges Ende: „Alles gut.“

Ich liebe Sie!

Jury-Vorsitzender Hubert Winkels zeigte sich begeistert: „Vielen Dank für den schönen Text, ich bin direkt und unmittelbar berührt.“  Winkels lobte die „wunderbare Opakheit“ (was für ein Wort!) der Geschichte. Auch Philipp Tingler leistete sich einen herzlichen Gefühlsausbruch: „Frau Schubert, ich liebe sie!“ Das hinderte ihn jedoch nicht daran, zu kritisieren, der Text schöpfe seine Möglichkeiten nicht aus.

Klaus Kastberger  zeigte sich zu Recht vom Vortrag der Autorin begeistert: „Ich halte es nicht aus, wenn Autoren ihren Text in getragener, langsamer, bedeutungsschwangerer Form vortragen.“

Und natürlich widersprach Kastberger seinem Kollegen Tingler und entdeckte in dem Text „Popliteratur aus der DDR“. Brigitte Schwens-Harrant  sah in der Geschichte eine „Revue des Lebens“ mit „Schmerzen und Brüchen“. Insa Wilke, die die Autorin eingeladen hatte,  fand in der Erzählung „christliche Motive, die raffiniert hinterfragt werden“ und „eine große Liebesgeschichte“.

In der Folge kam es zu einer heftigen Debatte zwischen Wilke und Tingler, ob autobiografische Literatur als Fiktion zu begreifen sei oder nicht. (Eine der klassischen großen Fragen, die uns nachts nicht schlafen lassen.)

Klaus Kastberger spottete im Gegenzug über „germanistisches Proseminarwissen“ und diagnostizierte bei Tingler „einen sehr beengten Blick“. Tingler reagierte sofort: Man sollte künstlerische Kriterien anwenden und keinen „moralischen Blick“.

Krakelur

Ähnlich und doch  ganz anders war der Beitrag der in Köln lebenden Autorin  Hanna Herbst – eine aus vielen kleinen Geschichten zusammengesetzte Erinnerung an eine Vaterfigur, die auch als Erzählung über das Erzählen funktioniert. Spannender Schlusssatz: „Das Letzte, was du gesagt hast – gleich weiß ich mehr als du.“

Die meisten Juroren fanden den Text gut – und gleichzeitig nicht. Hubert Winkels sah eine „leidenschaftliche Hagiografie“ (und spendete das interessante Wort „Krakelur“), Michael Wiederstein kritisierte die „Überinszenierung“, Brigitte Schwens-Harrant monierte „Sinnspruchhaftes“ („na no na ned“), Klaus Kastberger sah einen Text, „der einen Text simuliert“ und fragte: „Warum muss der Erzähler wie Yoda aus Star Wars sprechen?“

Insa Wilke, die auch diese Autorin eingeladen hatte, bezeichnete die beiden ersten Geschichten des Tages als „Geschenke“.

Den nächsten Autor hatte Klaus Kastberger eingeladen „Ich wollte nicht der Welt etwas Wunderbares schenken, sondern habe einen radikalen Text ausgesucht. Der Text hat eine absolute Entschlossenheit, vorzuführen, was in dieser Welt sozial los ist.“

Der österreichische Autor Egon Christian Leitner setzte sich tagebuchartig mit sozialen Ungerechtigkeiten auseinander. Insa Wilke sah darin eine „originelle Gesellschaftskritik“, Nora Gomringer nannte ihn einen „großen Wurf“, Michael Wiederstein lobte die „Haltung“, kritisierte aber den „Holzhammer“. Und Hubert Winkels spendete das schöne Wort „Kohärenzfaktoren“.

Philipp Tingler verdammte den Text leidenschaftlich, er nannte ihn „literarisch belanglos“ und  „unbeholfen“. Tingler: „Literatur ist für mich nicht dazu da, für Rückbestätigungsmilieus geschlossene Weltbilder zu servieren.“

Anschließend wurde wieder heftig dbattiert, über den Diskussionsstil von Tingler (er unterbricht gerne). Tingler sah sich darauf zu folgendem Satz veranlasst: „Liebe Jurykolleginnen und -kollegen, ich versuche mich zu mäßigen und diskursiv sanft zu sein.“
(Er schaffte das, naturgemäß und zum Glück, nicht.)

Im Koma

Der Nachmittag wurde eröffnet von dem deutschen Schriftsteller Matthias Senkel. Sein collageartig zusammengesetztes Bild einer Insel in der Ostsee sorgte für heftige Debatten in der Jury.  „Ich bin ins Koma gefallen“, gestand Philipp Tingler, „der Text ist lahm“.

Erstaunlicherweise teilte Klaus Kastberger diesen Befund – er nannte die Erzählung „kindisch“. Michael Wiederstein dagegen hatte Freude an einer „literarischen Schatzsuche“, Nora Gomringer sah eine „gelungene Collage“, Hubert Winkels (der Einlader) ein „Experiment an Meta-Literatur“.

Tag zwei wurde beschlossen von dem gebürtigen Schweizer Levin Westermann. Sein einem großen Gedicht ähnlicher Text ist eine Art Weltbeobachtung, von vielen Tierbeschreibungen und Literaturzitaten durchsetzt.

Philipp Tingler fiel dazu der Begriff „Klischeekanone“ ein, Michael Wiederstein sprach von „Zeitverschwendung“. Hubert Winkels, der den Text ausgesucht hatte, nannte ihn  dagegen einen „magischen Gesang“, Insa Wilke bescheinigte ihm einen „unglaublichen Sog“ – und Brigitte Schwens-Harrant fühlte sich an Marlen Haushofers „Die Wand“ erinnert.

Fazit: Ein in seiner Vielfalt sehr spannender Lesetag – geprägt von mindestens ebenso interessanten Jury-Debatten.

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