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Kultur
08/05/2020

Autor Fritz Lehner: "Um Angst zu injizieren, muss kein Politiker mehr schreien“

Der Autor über sein aktuelles Buch, über Corona, den Missbrauch von Angst, den „kalten Bürgerkrieg“ um die Gesichtsmaske und Unterhaltung „ohne Moralterror“

von Georg Leyrer

Wie man alleine durch Angst tötet: Davon handelt „Dr. Angst“, das aktuelle Buch von Autor und Filmemacher Fritz Lehner. Aktueller könnte das Thema des Krimis nicht sein, politisch, gesellschaftlich.

„Angst ist krisensicherer als jede Währung“, betont der Autor.

KURIER: "Dr. Angst“ ist das erste aktuelle Buch, das ich gelesen habe, in dem Corona vorkommt. Wie haben Sie das geschafft, haben Sie das in einen fertigen Text ergänzt?

Im Jänner habe ich noch an dem Buch geschrieben, in diesem letzten Monat vor der neuen Zeitrechnung, vor Corona, nach Corona, aber es gab schon die ersten Meldungen über den Ausbruch der Seuche in China, mit vollkommen falschen Zahlen über das Ausmaß der Infektionen und die Toten, doch für mich genügend erschreckend, dass Corona auch demnächst unabdingbar zu uns kommen und in mein Leben eindringen würde, aber auch in das Reich meines Serienmörders Nick Prevost. Deswegen habe ich schon beim Schreiben Corona einbezogen, dann den Text noch bis Minuten vor dem Versand des Manuskripts an die Druckerei ergänzt, es hat mich gereizt, fast so zeitnah wie ein Wochenmagazin zu sein. Die Handlung spielt im März 2020, Ende März ist das Buch erschienen. Vieles der Aktualität ist dabei dem Seifert Verlag zu verdanken, er ist nicht nur mutig, sondern zudem sehr beweglich und unglaublich schnell, so konnte es ja auch schon vor vier Jahren zu "Seestadt" kommen, dem ersten Roman, der in diesem neuen Stadtteil spielt.

Wenn man sich gerade intensiv mit Angst und ihrer Kraft auseinandergesetzt hat, wie empfindet man denn das, was rund um Corona passiert – mit den Menschen, und auch politisch?

„Dr. Angst“ ist kein Buch über Corona, sondern über einen Serienkiller, und das ist Corona auch, nur hat diese Gewalt im Gegensatz zu Nick Prevost kein Gesicht, doch das Bedrohlichste und Gefährlichste dieser Seuche ist ohnehin die Angst davor, und Angst hat mich schon immer beschäftigt, ihre vielen kleinen und großen Angriffe in meinem Alltag, und als weltweit mächtigste Waffe begegnet sie mir in meiner Wahrnehmung täglich seit zwei Jahrzehnten, seit meiner Beschäftigung mit der Gestapo-Leitstelle in Wien für die Roman-Trilogie „Hotel Metropol“. Gestapo, was für ein irreführender Name. Die Geheime Staatspolizei hatte größtes Interesse daran, dass sie nicht geheim blieb, sondern man von ihr wusste und sie in allen Köpfen Tag und Nacht tief eingegraben war. Die Angst vor ihr. Dass man jederzeit abgeholt und in das Folterhaus am Morzinplatz gezerrt werden und im Landesgericht geköpft werden konnte.

Und die heutige Angst?

Mit Angst kann man auch Völker dazu bringen, andere Völker auszurotten, Kriege lassen sich bestens mit Angst beginnen, Angst ist krisensicherer als jede Währung, gewaltiger als jede Armee, doch sie kostet nichts, nur Meldungen in den Medien, in dem täglichen Aufkochen an Warnungen vor allen möglichen Gefahren, in leise und weihevoll vorgetragenen Statements von Staatsmännern, denn um den Menschen Angst zu injizieren, muss kein Politiker mehr schreien, sogar manche Ärzte wissen sich ihrer zu bedienen, wenn sie auf ihren Websites die harmlosesten Veränderungen des Körpers zur Lebensbedrohung hochstilisieren und die Verängstigten und Verzweifelten auffordern, doch möglichst schnell ihre Privatordinationen aufzusuchen.

Was aber auch hilfreich sein kann.

Ständig wird überall auf etwas hingewiesen, eine neue Gefahr entdeckt, davor gewarnt, jedes Gewitter zur Katastrophe gemacht und mit dem Live-Ticker begleitet. Doch die Angst ist auch fantastisch, denn sie rettet Menschen, mich, und die Angst vor Corona kann nicht groß genug sein, vor diesem Virus, über das man kaum mehr Entscheidendes weiß als man im Mittelalter über die Pest und die Cholera wusste. Ich danke meiner Angst vor Corona, weil sie mir vielleicht eine grausame Zeit erspart. Lohn der Angst.

Und wie waren die letzten Monate für Sie?

Kaum anders als in meinen Zeiten des Schreibens, selbstgewählte Quarantäne statt selbstgewählte Klausur. Ich habe es aber auch unvergleichlich leichter als die vielen Menschen, die beruflich und um zu überleben auf den Umgang mit anderen angewiesen sind, denen staatliche Hilfe versprochen wurde, die sie aber bis heute nicht oder nur wie ein Gnadenbrot bekommen haben.

Ein bitterer Zustand.

Als Politiker hätte ich Angst vor der Rache der Belogenen und Gedemütigten. Für mich waren auch die Heerscharen von Experten schwer erträglich, die einander widersprachen und sogar sich selbst, berauschend schön hingegen die täglich neuen Bilder und Computersimulationen des Coronavirus, wie ein Planet mit ausgestreckten Fühlern schwebt der Serienkiller Covid-19 durch das menschliche Universum. Erstaunlich auch die Sprengkraft der Gesichtsmasken, um deren Sinn scheint ein kalter Bürgerkrieg ausgebrochen zu sein, endlich wieder einmal etwas Neues, wodurch man sich unterscheiden und wofür man sich gegenseitig hassen kann.

In „Dr. Angst“ wird vor Angst gestorben, mit gezielter Hilfe des Nick Prevost. Wie kamen Sie denn auf das Thema?

Ich werde jetzt unartig und bin nicht korrekt, aber wie auch beim Schreiben meiner letzten Bücher mit Vergnügen, und Kriminalromane sind ja vielleicht noch eine der letzten Bastionen der Freiheit, vielleicht werden sie auch deswegen demnächst verboten, Moralisten auch dafür fänden sich zur Genüge. Wie wird man als Mensch Gott? Indem man Serienkiller wird oder Psychiater.

Höchst unterschiedliche Götter!

Ein Serienmörder ist nur für sich Gott und er leidet darunter, seine großartigen Taten niemandem erzählen zu dürfen. Anders der Psychiater. Wenn er einer Patientin ein wenig Angst genommen hat, verehrt sie ihn unendlich, heilt er sie, ist er für sie Gott. Nick Prevost vereinigt beides. Als begnadeter Lügner und Meister des Manipulierens befreit er Frauen aus den beobachteten Zimmern des Hotels Intercontinental für ein paar Stunden von ihren Ängsten, um ihnen dann eine neue Angst einzujagen und sie damit in den Tod zu treiben. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich liebe die Psychologie über alles, sie ist mein wichtigstes Werkzeug.

Es ist verständlich, dass Fritz Lehner keine Lust mehr hat, Filme zu drehen. Beim Schreiben kann er sein Thema ganz allein bestimmen, und er muss bei den Drehorten keine Rücksicht aufs Budget nehmen.

Jedoch ist es unverständlich, dass Lehners Bücher nicht längst von einem anderen Regisseur verfilmt wurden. Wien-Thriller statt Landkrimis. Es gibt keinen zweiten Autor in Österreich, der  mit  Spannungsromanen eine derartige Beklemmung verursacht.

Lehner ist ein Oberösterreicher im beunruhigenden, unter der Oberfläche liegenden  Wien.

Man weiß von Anfang an, wer der Serienmörder ist, in den der psychologisch versierte Schriftsteller hineinschaut. Der erste war Dr. Kittel, er stach mit dem Bajonett in Wien-Seestadt,  zu. Konnte er jemanden vor dem Tod bewahren, war’s ihm  auch recht: Hauptsache, er war Gott.

Darauf folgte in „Nitro“ der Schauplatz Donaukanal: Der Mörder beobachtete vom 17. Stock des Bankenturms künftige Opfer. Im dritten Thriller war es eine Ex-Krankenschwester, die mit Spritze tötete – gern im Autobus der Linie „13 A“.

„Dr. Angst“ angelt Frauen im Hotel Intercontinental. Er kümmert sich so lieb um ihre Ängste, im Stadtpark, unten beim Wienfluss, wird mit ihnen Schluss gemacht.

Es muss wirklich kein Stephen King sein, wenn man erschreckt werden will. Oft genügt ein  Blick auf sich selbst. Wer ’s nicht wagt, liest Fritz Lehner. Dann schreit er allerdings.

Bewertung: Vier von fünf Sternen

Wie ist Ihr Alltag als Autor?

Für „Dr. Angst“ habe ich nach dem üblichen Halbjahr der Recherche wiederum fast 5 Monate geschrieben. Täglich. Jeweils 4 Stunden. Oder auch 7. Bis ich meine 3 Seiten hatte. Nie weniger, manchmal mehr. Ich bin gerne streng zu mir. Immer begleitet von der Angst, bei meinem Zusammensein mit Nick Prevost und seinen Frauen gestört zu werden, schon ein belangloser Telefonanruf kann mich zur Verzweiflung bringen. In den Zeiten des Schreibens schlafe ich weniger, ärgere ich mich über die Notwendigkeit des Essens, spüre ich keine Müdigkeit, ich erlebe eine herrliche Zeit, schade, dass Romane ein Ende haben müssen.

Und wie kamen Sie auf den Ort? Der ist ja weit undefinierter als etwa die Seestadt, ein bisserl ein Zwischenwinkel am Rande der Innenstadt. 

In der Gegend des Heumarkts finde nicht nur ich faszinierende Motive für meine Kamera, auch der Serienkiller Nick Prevost seine Opfer und Zufluchten. Hier treffen wahrlich Welten auf engstem Raum aufeinander. Im Stadtpark aus der Monarchie habe ich seit Jahrzehnten zu allen Jahreszeiten fotografiert, in dem Hotel Intercontinental der amerikanischen und ebenfalls verschwundenen Fluglinie PanAm habe ich während des Schreibens monatelang gewohnt, wenn auch nur in meiner Fantasie, beides verbindet der ewige Wienfluß, offen oder in einem Tunnel. Und so wie diese Schauplätze existiert auch das Haus, in dem Nick Prevost lebt und die Menschen im gegenüberliegenden Hotel beobachtet, aber ich werde es natürlich nicht verraten, denn es sollen dessen Mieter ja nicht ausziehen, nur weil ein Serienkiller Tür an Tür mit ihnen wohnt.

Man ist nach der Lektüre fast versucht, selbst vom Intercontinental in den dritten Bezirk hinüber zu gehen, um zu schauen, in welchem Haus Prevost wohnt, so detailliert wird dieses eigenartige Kleinbiotop beschrieben.

Das Haus ist unschuldig und schön, hervorragend gelegen, Nicks Zimmer bietet eine fast uneingeschränkte Sicht in die Suiten des Hotels, ein faszinierender Schaukasten für ein Kind und Jugendlichen, die beste Schule für einen Serienmörder, dessen kaltherziger Vater ohnehin meint, dass sein Sohn zum Töten geboren wurde. Gerne würde ich die Heimstätten, Wohnungen und biederen Einfamilienhäuser von Serienmördern fotografieren, diese Bilder würden so wunderbar viel erzählen über die Menschen mit einem gelungenen Doppelleben. Auch deren Zelte und Autos wären interessant. Amerikas schönster und begehrtester Serienkiller und Nicks Vorbild Ted Bundy hat viel Zeit in seinem VW Beetle verbracht und darin natürlich auch gemordet, die „Hell on Wheels“ war sogar im Alcatraz East Crime Museum zu besichtigen, doch die Wohnung von Dr. Angst wird weiterhin nur in den Köpfen der Leser existieren.

Das Areal in dieser Form könnte bald historisch sein, wenn das Hochhausprojekt dort (wie im Buch auch angesprochen) verwirklicht wird. Wäre das gut für das Buch? Oder ein Nachteil? Und: Was glauben Sie, was wird überhaupt aus dem Projekt?

Die Entwicklung des Coronavirus kann man nicht prognostizieren, die Zukunft des Heumarktprojekts noch weniger. Mir würde es am besten gefallen, bliebe das Intercontinental erhalten, wie es jetzt ist, außen und auch innen. Durch das halbe Jahrhundert seiner Existenz hat man sich daran gewöhnt und Gott sei Dank ist es kein Hotel wie so viele andere in der Stadt. Es verfügt über herrliche und einzigartige Nachteile, die man aber als Wiener nicht spürt, weil man nie darin nächtigt, jedoch gerne die Intermezzo Bar besucht. Ein Neubau hätte schon von Beginn an ein Manko, weder Kirk Douglas noch Richard Burton, weder Johnny Cash noch der Serienkiller Dr. Angst haben in ihm gewohnt und könnten es in Zukunft auch nicht nachholen. Aber vielleicht hat es auch seinen Reiz, wenn das Hotel Intercontinental ausgehöhlt oder sogar zur Gänze niedergerissen wird. Und es geschieht doch noch ein Wunder und das geplante Projekt wird zerstört und durch eines ersetzt, auf dessen Schönheit und Architektur man in dieser Stadt stolz ist, und in "Dr. Angst" würde das zu Staub gewordene Hotel ohnehin weiterleben. Oder Corona löst auch dieses Problem. Kreuzfahrtschiffe werden dank Corona verrosten oder Quarantänestationen werden, Hotels auch in dieser Stadt nur noch wenige gebraucht, etwa für Pandemie-Experten bei Kongressen, also könnte Corona einen Neubau unattraktiv machen und dem alten Intercontinental das Leben retten, den Wienern den Canaletto-Blick, von dem sie bisher nur gelesen haben.

Das Buch ist im Shutdown erschienen – schadet das nicht dem Verkauf?

Ausschlaggebend für den Termin war die Angst als zentrales Thema des Buches und der sich abzeichnende Ausbruch des Vulkans Corona, der niemanden kalt lassen würde und inzwischen beherrscht die Angst davor die Welt mehr als alles andere. Man interessiert sich wieder für die Angst, sie ist hoffähig und vor allem allen vertraut geworden, und deshalb ist auch der Buchverkauf nach dem Shutdown von null auf hundert gestiegen. Um die eigene, reale Angst wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen, sieht man als Leser wieder gerne einem Serienkiller beim Morden zu. Ich liebe fiktive Ängste, weil man sie durchleben darf und dann das Buch weglegen kann. Angst zur Unterhaltung, aber auch um Abgründe kennenzulernen und Unbekanntes in sich selbst, ohne Moralterror, ohne erzieherischen Mehrwert, es braucht also niemand Angst zu haben, durch „Dr. Angst“ zum Serienmörder zu werden oder gar zu einem besseren Menschen.

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