© Otto Müller Verlag/Kurt Kaindl

Literatur
02/23/2020

Autorin Karin Peschka: "Ich kann nur in ein Buch schreiben: So nicht"

Am Mittwoch erscheint das neue Buch der österreichischen Autorin, „Putzt euch, tanzt, lacht“. Ein Gespräch über Familie, Verpflichtungen, und das Unerwünschtsein im Alter

von Georg Leyrer

Was, wenn man einfach weiterfährt? Wenn man seinen Alltag, all die Erwartungen der anderen (und auch von sich selbst) zurücklässt, mit fast 60, und – neu lebt?

Karin Peschka („Watschenmann“, „Autolyse Wien“) begleitet in „Putzt euch, tanzt, lacht“ die Fanni (ja, man kennt sie aus „FanniPold“) bei einer späten Häutung. Die Fanni lässt alles hinter sich, und schaut, was passiert, wenn alle verschütteten Sehnsüchte (einmal an die Sonne gelangt) alles verändern. Es ist eine Geschichte vom Suchen und Wiederfinden der Liebe und des Wagemuts.

KURIER: Ihre Hauptfigur bleibt eines Tages einfach nicht stehen – sie fährt aus ihrem alten Leben, mit Haus, Mann, Kindern, Job weg. Unsere so fix daherkommenden Lebensumstände, denkt man da, sind wohl leichter geknüpft, als wir uns gerne eingestehen.

Karin Peschka: Ich glaube nicht, dass die leicht geknüpft sind. Sie wiegen oft sehr schwer, diese Verknüpfungen und Verbindungen, die man eingeht. Man hat so lange eine Beziehung geführt ... aber da auszubrechen?

Diese Erlaubnis gibt es anfangs, aber ab einem gewissen Alter irgendwie nicht mehr: Da gehört einem das Leben nicht mehr.

Aber man sollte doch in jedem Alter über sein Leben bestimmen! Ich war selbst sehr früh in Verpflichtungen gefangen, als Tochter einer Wirtsfamilie. Es war nicht leicht zu sagen, ich helfe heute nicht.

Wie sind Sie da rausgekommen?

Die spontane Antwort: gar nicht. (lacht) Ich sehe bis heute immer noch gleich, wenn jemand etwas braucht. Aber je älter wir geworden sind, desto weniger war los in der Stadt. Eferding hat sich langsam geleert, wegen einer Autobahn gab es weniger Durchzugsverkehr. Ich wollte nach Wien, bin aber dann sehr krank und, wie ich immer sage, sehr schwanger geworden. So bin ich zu Hause geblieben. Ich bin in Linz Sozialarbeiterin geworden. Und bin tatsächlich erst nach Wien, als meine Eltern in Pension gegangen sind.

Sie flüchteten sich in Bücher?

Für mich war das sicher so. Meine Mutter war sehr, sehr unterstützend, sie hat mir immer Bücher geschenkt. Das Lesen war auch ein Ersatz für eine gesprächige Familie, die ich nicht hatte. Bei uns war das eine Geschäftsbeziehung. Die Familienbeziehung haben wir später nachgeholt.

Die Autorin
Geboren 1967, aufgewachsen  in Eferding (OÖ). Bisher erschienen: „Watschenmann“, „FanniPold“, „Autolyse Wien“. Das neue Buch, „Putzt euch, tanzt, lacht“, ist  ab  Mittwoch im Handel

Lesung
Karin Peschka liest am 1. März (11 Uhr) im Literaturhaus Wien (Anmeldung erforderlich, veranstaltungen@literaturhaus.at)  

Und das nächste Buch
Wird, laut Peschka, sehr persönlich: Darin wird man Dragan aus dem „Watschenmann“ wieder begegnen,  und einem „Serbenfriedhof“ in Eferding – ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager, erklärt Peschka. Und: „Alte Menschen  sind ja auch wie eine Landschaft, in der früher  ganz viel anderes passiert ist.“ Auch darum wird es gehen

Wie haben sie sich dann das Schreiben erobert?

Vielleicht war es umgekehrt? Aber das klingt pathetisch. Ich habe sehr früh gemerkt, auch schon beim Servieren, dass sich Dinge, die ich sehe, in ein Wort verwandeln. Es bildet sich aus dem, was ich sehe, und all dem, was ich gelesen habe, ein eigenständiger Begriff. Das ernsthafte Schreiben hat in meinen 30er begonnen, als ich nach Wien gegangen bin.

Ein schwieriges Geschäft.

Ja. Das Leben als Autorin ist großartig. Es wäre schön, wenn man ganz davon leben könnte. Das ist schwierig, auch wenn man Anerkennung bekommt und das Interesse groß ist. Ich habe in Wien einen kleinen Schreibtisch neben meinem Bett, das reicht. Das Bett dient als Ablage. Wenn man am Abend schlafen gehen will, muss man es abräumen (lacht).

Wie beginnt ein Buch?

Meistens mit einem Bild und zwei, drei Worten. Diesmal waren das: neue Technologien. Dann habe ich erfahren, dass eine Freundin schwer krank war. Sie war – war, mittlerweile – meine beste Freundin. Und ich wusste: Ich muss etwas für mich Versöhnliches schreiben. Ich habe dieses Buch begonnen, und bin draufgekommen: Das mit den neuen Technologien interessiert mich so überhaupt nicht. (lacht) Mich interessieren die Menschen mehr.

Im neuen Buch: eine kleine Gruppe sehr einzigartiger Menschen.

Was mich überrascht hat, ist, dass alle so freundlich waren. Es klingt vielleicht ein bisschen unwahrscheinlich, dass sich Dinge, Menschen so finden können.

Apropos: Das Buch bringt ein Wiedersehen.

Beim Schreiben bin ich draufgekommen: Ich kenne diese Figur, das ist doch die Fanni! Und dann ging ich in „FanniPold“ zurück, in ein Buch, das ich geschrieben habe, fast ganz an den Anfang, und schrieb eine Variante: Was wäre passiert, wenn die Fanni wieder in ihren Alltag zurückgekehrt wäre?

Es ist dann ein Alltag, in dem sie später kein Zuhause mehr hat. Sie fühlt sich nicht gebraucht, geliebt, trotzdem in Verantwortungen gefangen – und will sich auch nicht einen Chip zum Bezahlen und Überwachenlassen einpflanzen lassen wollen. Wird diese Ablehnung von Technologie häufiger werden?

Das gibt es jetzt schon. Ich lehne es ab, wenn das sektiererisch oder extrem wird. Man kann mit neuen Technologien ja auch gut arbeiten, ich verweigere das nicht.

Aber?

Man muss das alles trotzdem hinterfragen. Warum manche Menschen Reichtum brauchen, der vollkommen irreal ist. Und andererseits Menschen in tiefster Armut leben. Das passt für mich einfach nicht zusammen. Und möchte ich mich wirklich auffindbar machen, überwachen lassen, einschätzbar machen?

Wohl alle unsere Leben stehen vor Veränderungen.

Sie ändern sich jetzt schon. Es gibt immer mehr Single-Haushalte – und vielen geht es gut damit. Aber was ist, wenn du arm bist und einsam? Dann hockt man in der Wohnung und alles wird schwierig. Auch, wenn man krank ist. Oder Angst hat vor dem, was kommt.

Im Buch gibt es eine Alternative: Keine Angst haben, sondern etwas Neues tun.

Es geht darum, etwas zu versuchen. Und zu sagen, schauen wir, was kommt.

Muss sich, wird sich das Bild vom Alter ändern? Immerhin werden wir alle immer älter.

Man muss etwas anders machen, aber es gibt keine Initiativen in diese Richtung. Ich bin in einem Mehrgenerationenhaushalt aufgewachsen. Da war das Wissen der Alten, der Großeltern essenziell. Mein Vater hat immer den Großvater gebeten, den Braten einzuwürzen, auch als der schon ganz alt war. Es war eine Frage des Respekts. Und jetzt ist es so, überspitzt formuliert: Es geht sehr viel Wissen verloren, und es ist nicht erwünscht.

Man wird älter – und früher beiseitegeschoben.

Es gibt Menschen in meinem Freundeskreis, die sind top ausgebildet, von Handwerk bis Studium. Die sind nicht mehr erwünscht. Die stehen da mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung, ohne Job. Und wenn man etwas bekommt, dann steht das, was man verdient, in keiner Relation zu der Erfahrung, die man mitbringt. Da rede ich mich immer gerne in Rage. Das finde ich total falsch. Aber ich kann nichts machen. Ich kann nur in ein Buch schreiben: So nicht.

Rezension: Dieses Mal hängt Fanni nicht am Baum

Die Schriftstellerin Karin Peschka, Tochter von Wirtsleuten in Oberösterreich, müsste viel bekannter sein. Die Medien müssten sich mindestens so reißen um sie wie zurzeit um Valerie Fritsch (aha, deren Bücher erscheinen  im berühmten Suhrkamp Verlag, aha, Peschkas Bücher erscheinen   beim Salzburger Otto Müller).

Im Roman „FanniPold“ war sie 2017 sehr pessimistisch: Ihre Heldin, die Fanni, hing halb tot mit Fallschirm an einem Baum, ihr Fluchtversuch aus der Langeweile, von den Gewohnheiten, in denen man keine Luft kriegt ... er ging ordentlich schief.

Jetzt gibt es wieder eine Fanni.  Eine optimistische Version der Geschichte der Supermarktverkäuferin vom Land. 57 ist Fanni. Die Kinder haben längst Familie. Der Ehemann schleppt sich zur Pension hin. Eine Freundin stirbt  – Fanni hat Panik-Attacken. Bis sie sich ins Auto setzt und fährt und fährt: Zur Jugendliebe auf den Salzburger Bauernhof fährt sie. In einer Almhütte nistet sie sich ein. Sex hat sie. Eine Alten-WG gründet sie. Und ihr Ehemann daheim? Er brauchte genauso Erneuerung, hat sich bloß nicht getraut. Man freut sich, dass endlich einmal in der Literatur eine Krise so erfolgreich bewältigt wird.

„Putzt euch, tanzt, lacht“ ist eine Aufforderung, wobei  „putzt euch“  bedeutet: verzupft euch,  gehts fort. Der ganze Roman tut jedenfalls gut wie  der erste Satz auf Seite  43 (und in echt wohl noch mehr): „In der Nähe pfeift ein Murmeltier.“

Karin Peschka: „Putzt euch, tanzt, lacht“, Otto Müller Verlag. 300 Seiten. 23 Euro.

KURIER-Wertung: ****einhalb von fünf Sternen

Peter Pisa

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