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Literatur
02/22/2020

André Heller: Alte Geschichten zum Spüren

"Zum Weinen schön, zum Lachen bitter" - die Textsammlung hat ihren Höhepunkt in einer Hotelbar in Nizza.

von Peter Pisa

„Gute Ratschläge sind allesamt einen Dreck wert“, schreibt André Heller. Nur aufs Spüren kann man sich verlassen.

Das trifft auch auf sein neues Buch zu.

48 Mal kommt es aufs Spüren an. „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ ist kein Roman wie Hellers Besteller „Das Buch vom Süden“ (2016), und es ist kein Gespräch mit der Mutter („Uhren gibt es nicht mehr“, 2017).

Wo Wien ist

Es sind – um es freundlich auszudrücken – Fundstücke. 48 Fundstücke aus Hellers vor 40, 30, 20 Jahren erschienenen (und vergriffenen) Büchern.

Kurze Texte, manche sind sie so kurz, dass man kaum ihren Luftzug spürt, wenn sie vorüber ziehen.

Aber manchmal wird man mit etwas konfrontiert, dasvon diesem Autor bestens eingefangen werden kann – zum Beispiel:

„Zwischen Allerheiligen und Allerseelen liegt Wien.“

(Übrigens lacht André Heller heute selbst darüber, dass er in jüngeren Jahren in seinen Pass „Poet“ als Beruf eintragen ließ.)

Er beobachtet, auch sich selbst beobachtet er als Kind in der Wiener Nachkriegszeit, auch sich selbst in Marokko, und seinen Friseur am Gardasee beobachtet er. Er kann und er will zuhören. Er spürt sich, wie man so sagt, und das springt in guten Momenten über. Ein Funke, der im Leser ein kleines Feuerchen auslösen soll.

Das gelingt Heller nicht oft, aber mit der Geschichte einer Handbewegung gelingt es: In einem Kleidergeschäft will sich eine Frau Hochzeitskleider anschauen. Sie ist verlobt.

Ein anderer Kunde, etwa 40 Jahre ist er und von Beruf Sterngucker, schaut sie an: 20 Jahre habe er auf die Handbewegung gewartet, wie sie jetzt eine gemacht habe ... soll wohl heißen: 20 Jahre hat er auf „die Richtige“ gewartet.

Er wird die Frau nie mehr los lassen.

Astoria

Oder der allerbeste Text aus dem Jahr 1998, er spielt in einer Hotelbar in Nizza:

Dem Erzähler fällt ein Paar auf. Eine greise, zum Skelett abgemagerte Frau. Ein Mann, ebenfalls sehr alt mit vielen Pflastern am Körper. Verschimmelte Früchte fallen dem Erzähler ein.

Der Alte sagt: „Wie schön du bist. Dein Lachen Wie du duftest, Geliebte.“ – Sie sagt: „Hör nie auf, mich anzusehen.“

Sie leben in der Vergangenheit. Es sind Dialoge aus den Jahrzehnte zurückliegenden Anfängen ihrer Beziehung.

Der Erzähler streichelt eine Katze. Er denkt in einer Aufwallung von Selbstmitleid: „Für die Katze ist immer jetzt, für die beiden Greise immer damals, aber wohin gehöre eigentlich ich?“

Und manchmal plappert Heller beim Schreiben nur. Da steht: „Alle viertrangigen Absteigen Europas heißen Astoria.“

Im Grand Hotel Astoria in Grado überlegt man deshalb vermutlich jetzt eine Namensänderung. „Alpenrose“ kommt nicht in Betracht.

 


André Heller:
„Zum Weinen schön, zum
Lachen bitter“
Nachwort von Franz Schuh.
Zsolnay Verlag.
256 Seiten.
23,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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