Das Spielfilmdebüt „Frühe Werke“ von  Želimir Žilnik gewann 1969 auf der Berlinale den Goldenen Bären

© Kunsthalle Wien/Courtesy der Künstler, Foto: Andrej Popovic

Film
03/18/2021

Ausstellung über Želimir Žilnik: „Stoppt diesen Film“, rief Tito

Das filmische Werk des subversiven serbischen Regisseurs Želimir Žilnik ist in einer Ausstellung der Wiener Kunsthalle zu sehen

von Alexandra Seibel

Nach nur 15 Minuten hatte er genug. Wütend verließ Tito den Vorführraum und schnaubte: „Stoppt diesen Film! Ich habe keine Ahnung, was mir diese Halunken auf der Leinwand sagen wollen!“

Želimir Žilnik muss jetzt noch lachen, wenn er diese Geschichte erzählt. Nichts weniger als sein Spielfilmdebüt hatte den Staatspräsidenten des damaligen Jugoslawiens so auf die Palme gebracht: „Frühe Werke“ (1969) erzählt auf allegorische Weise vom Scheitern der sozialistischen Revolution und endet mit dem Tod der weiblichen Hauptfigur, die nicht zufällig Jugoslavija heißt.
Der Zensurstreit rund um „Frühe Werke“ landete vor Gericht, wo er schließlich zugunsten des Films beendet wurde, so der serbische Regisseur aufgeräumt im KURIER-Gespräch: „Der Richter rief mich am Ende zu sich und sagte: ,Ihr Film ist so langweilig, dass ich fast eingeschlafen wäre. Sie sollten Ihren Beruf wechseln.’“

Želimir Žilnik hat seinen Beruf nicht gewechselt.

 

Seit den späten 1960er Jahren dreht er Filme und blickt heute auf ein bedeutendes Gesamtwerk von über 50 Arbeiten zurück. In der Wiener Kunsthalle kann man sich derzeit (bis 18. April) einen reichen Gesamteindruck von seinem Filmschaffen machen.

„Shadow Citizens“ nennt sich die materialpralle Ausstellung, deren Titel durchaus programmatisch zu verstehen ist: „Ich habe mich immer für die Schicksale jener Menschen interessiert, die weder von den Medien noch von der Unterhaltungsindustrie Aufmerksamkeit erhalten haben“, sagt Žilnik: „Meine Inspirationen kamen von Teilen der Gesellschaft, die nicht im Rampenlicht standen.“

Arbeitslose und Gastarbeiter, zum Beispiel.

Gastarbeiter

Offiziell gab es im sozialistischen Jugoslawien keine Arbeitslosen. Trotzdem beobachtete Žilnik, wie sich in seiner Nachbarschaft Schlangen vor dem Arbeitsamt bildeten, von denen in den Medien aber nie die Rede war. Infolge einer Wirtschaftsreform, die in Jugoslawien teilweise einen freien Markt einführte, verloren viele Menschen ihre Anstellung. Manche versuchten, in Westdeutschland Arbeit zu finden, wo eine bestimmte Zahl an Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aufgenommen werden sollte.

„Ich stellte mich zu den Arbeitssuchenden in die Schlange und begann mit ihnen zu reden“, erinnert sich der Regisseur über die Entstehung seines Kurzfilms „Die Arbeitslosen“ (1968): „Die Menschen warteten auf die offizielle Genehmigung für eine Arbeitserlaubnis in Deutschland und hatten große Zweifel. Manche von ihnen erinnerten sich noch gut an den Zweiten Weltkrieg. Es war mir wichtig, diesen Moment der Unsicherheit einzufangen.“

Ein weiterer Klassiker in Žilniks subversivem Werk nennt sich „Der schwarze Film“ (1971), eine Kurz-Doku, in der zu sehen ist, wie Žilnik sechs Obdachlose spontan zu sich nach Hause einlädt und nach ihrem Schicksal befragt. Der Titel „Der schwarze Film“ verweist ironisch auf die „Schwarze Welle“, eine Strömung des neuen jugoslawischen Films Ende der 1960er Jahre.

Schwarze Welle

Die „Schwarze Welle“ kritisierte die sozialistische Wirklichkeit, deren Korruption und Bürokratismus: „Die offiziellen Stellen warfen uns vor, die Realität durch eine schwarze Brille zu sehen und Lügen zu verbreiten“, erklärt Žilnik. Die politische Lage verdüsterte sich und Anfang der 70er Jahre wanderte er selbst als Gastarbeiter nach Deutschland aus. In München arbeitete er zuerst als Mechaniker, ehe er Dokus und schließlich den Spielfilm „Paradies. Eine imperialistische Tragikomödie“ (1976) drehte, mit dem er unter Terrorismus-Verdacht geriet. Nach der Premiere legten ihm die deutschen Behörden dringend nahe, das Land zu verlassen. Želimir Žilnik kehrte nach Hause zurück und setzte seine Karriere erfolgreich fort – unter anderem auch beim jugoslawischen Fernsehen.

In so wachsamen Filmen wie „Die Kenedi-Trilogie“ erzählt Žilnik, wie Menschen nach zehn Jahren im Ausland plötzlich nach Serbien abgeschoben werden und dort kaum die Sprache verstehen.

Erinnerungen an unsere unmittelbare Gegenwart sind nicht zufällig, sondern schmerzhaft. Übrigens: Seine bisher letzte Doku „Das schönste Land der Welt“ (2018) entstand in Wien und erzählt von dem Leben von Flüchtlingen, die sich hier eine neue Existenz aufbauen.

Želimir Žilnik  
Der serbische Regisseur, geboren 1942, lebt und arbeitet in Novi Sad. Sein radikales, politisches Werk umfasst über 50 Filme, darunter Spielfilme und Fernsehproduktionen. Für sein Spielfilmdebüt „Frühe Werke“ erhielt er 1969 in Berlin den Goldenen Bären der Berlinale  

Kunsthalle und Filmmuseum
Die Wiener Kunsthalle zeigt das filmische Werk von Želimir Žilnik:  „Shadow Citizens“, bis 18. April. Wenn die Kinos wieder aufsperren, sind  im  Österreichischen Filmmuseum Žilniks TV-Filme der 80er Jahre zu sehen

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.