Amy Adams als Linguistin, die versucht, mit Aliens zu kommunizieren: "Arrival"

© /Sony

Kino
11/22/2016

Denis Villeneuve über "Arrival": "Albtraum aus dem Unbewussten"

Der Franko-Kanadier Denis Villeneuve drehte mit Amy Adams den hypnotischen Sci-Fi-Thriller "Arrival".

von Alexandra Seibel

Denis Villeneuve ist erschöpft. Sein Leben besteht derzeit daraus, immer zwei Dinge gleichzeitig machen zu machen. So arbeitet er gerade an "Blade Runner 2049", der lang erwarteten Fortsetzung zu Ridley Scotts Kultklassiker; gleichzeitig muss er sein neues, intensives Sci-Fi-Drama "Arrival" (Kinostart: Freitag) bewerben, denn beide Filme entstanden zur selben Zeit. Auch davor arbeitete der Franko-Kanadier mit dem deutlich hörbaren Quebec-Akzent im Akkord: Nacheinander lieferte er so akklamierte Filme wie das düstere Folter-Drama "Prisoners" mit Hugh Jackman; den Drogenthriller "Sicario" mit Emily Blunt; und nun den hypnotischen Sci-Fic-Thriller "Arrival" mit Amy Adams.

"Arrival" basiert auf einer Kurzgeschichte von Ted Chiang (siehe unten) und erzählt von einer Alien-Landung auf der Erde. Die Aliens verständigen sich mit fremdartigen Schriftzeichen, die eine Linguistin (gespielt von der famosen Adams) für das US-Militär entziffern soll. Von der erfolgreichen Kommunikation mit den langbeinigen Monstern hängt der Weltfriede ab.

Ein Gespräch mit Denis Villeneuve über "E.T." und den Look des Albtraums.

KURIER:"Arrival" ist ein ungewöhnlicher Sci-Fi-Thriller: Er beschäftigt sich mit Sprache und ist sehr intellektuell; er erzählt keine Liebesgeschichte im herkömmlichen Sinn, er hat keine Kampfszenen – und dafür eine weibliche Hauptfigur.

Denis Villeneuve:Die Kurzgeschichte war sogar noch radikaler. Der Drehbuchautor brachte eine dramatische Struktur in die Geschichte, aber ich habe dann doch versucht, mich wieder näher an das Original heranzutasten. Denn gerade das fand ich ja so erfrischend: Dass die Geschichte so unvorhersehbar verläuft und trotzdem einen tiefen Sinn ergibt. Ich möchte im Kino überrascht werden und nicht immer schon im Vorhinein wissen, was als nächstes passiert. Derzeit fühlt es sich für mich so an, als würden in Hollywood Filme von Maschinen oder Computer gemacht werden: Ein Film sieht aus wie der andere.

Apropos Aussehen: Was hat den Look der Aliens inspiriert?

Vom Buch wissen wir, dass sie Heptapods, also symmetrische Wesen mit sieben Beinen sind. Ich habe sie mir als Abkömmlinge von Seesternen vorgestellt. Mit Carlos Huante, der auch schon mit Ridley Scott zusammen arbeitete, habe ich monatelang über der Erscheinung der Aliens gebrütet. Ich wollte, dass sie wie ein Albtraum aussehen, der aus unserem Unbewussten aufsteigt und an den Tod erinnert. Und wissen Sie, was die größte Überraschung war? Niemand hat mich aufgehalten. Keiner hat mich gezwungen, ein Alien zu entwerfen, das Kulleraugen und ein freundliches Lächeln wie E.T. hat.

Die Aliens kommunizieren mit kreisrunden Schriftzeichen. Es geht um das Konzept von Zeit.

Das Motiv der Zirkularität spielt im Buch eine wichtige eine Rolle. Weiters wollten wir, dass die Schriftzeichen komplex und albtraumhaft aussehen – als würden sie, wie die Aliens, aus unserem Unbewussten auftauchen. Unser Produktionsdesigner entwarf ein ganzes Wörterbuch für diese Fantasiesprache. Das war hilfreich, weil wir immer wieder nachschauen konnten, was zum Teufel alles zu bedeuten hat.

Sie arbeiteten erstmals mit dem afro-amerikanischen Kameramann Bradford Young zusammen.

Ja, er ist großartig. Er arbeitet am liebsten nur mit natürlichem Licht. Und er ist jemand, der, so weit es irgendwie geht, das Licht reduziert und dabei an die Grenzen der technischen Möglichkeiten geht. Wenn er filmt, ist es am Set finster wie in einer Höhle und die Leute stoßen andauernd zusammen. Das ist kein Scherz. Er erzeugt dabei eine ganz seltsame Atmosphäre, eine Art Zeitalter der Finsternis.

Amy Adams spielt eine Mutter, die mit dem Verlust ihres Kindes umgehen muss.

Ja, ihre Mutterschaft ist wichtig, aber wichtig ist auch ihr Verhältnis zum Tod. Die Art und Weise, wie sie das Leben und den Tod akzeptiert, darin liegt für mich die Bedeutung des Films.

Sie sind einer der wenigen erfolgreichen Nicht-Amerikaner in der Hollywood-Filmindustrie. Wollten Sie immer dorthin?

Ganz im Gegenteil. Ich habe viele gute Filmemacher dort scheitern sehen. Aber wenn man Glück hat, ist es fantastisch. Denn die Mittel, die dort zur Verfügung stehen, sind schwer zu überbieten.

Ein Science-Fiction-Phänomen

Ted Chiang braucht nur ein paar Seiten, um den Leser aus dem Gleichgewicht zu bringen, und zwar nachhaltig.

"Die Evolution menschlicher Wissenschaft" etwa, eine seiner wenigen erschienenen kurzen Geschichten, ist ein trockener Text, wie er am Beginn einer wissenschaftlichen Publikation stehen würde. Eine Absichtserklärung zu kommender Forschung.

Und gleichzeitig ein Abgesang auf die Menschheit. Es ist der Aufruf menschlicher Wissenschaftler, nicht aufzugeben, selbst weiter wissenschaftlich tätig zu sein, obwohl wir längst nicht mehr verstehen, was die neue Art der Metamenschen, quasi der nächste Schritt in der Evolution, erforscht. Die wissen Dinge über die Welt, bei denen die Menschen nicht einmal die Frage verstehen. Aber, so der Aufruf, zumindest am Erfassen dieser Fragen müssen die Menschen doch dranbleiben.

Es ist eine erschreckende Zukunftsvision zur künstlichen Intelligenz, die ganz nah am Fleisch schneidet – wie vieles von dem Wenigen, das Chiang (Jahrgang 1967) veröffentlicht hat.

Der Autor ist ein Science-Fiction-Phänomen: Eine Kurzgeschichte pro Jahr (!) veröffentlicht er. Und ziemlich jede ist eine Perle. "Die Geschichte deines Lebens", Vorlage zu "Arrival", etwa, die auf berührende Weise Zukunft und Vergangenheit auflöst. Und bei der der typische Science-Fiction-Impuls, gegen Aliens gleich mal zu kämpfen, als irrwitzig vorgeführt wird. Oder "Verstehen", bei dem ein Mann beginnt, die Welt zu verstehen – und was das bedeutet. Es werden, so lässt sich prognostizieren, weitere Filme nach Chiang-Texten gedreht werden. Zum Glück!

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