Andra Day in "The United States vs. Billie Holiday"

© Paramount Pictures

Interview
02/13/2021

Andra Day: "Billie Holiday war Taufpatin der Bürgerrechtsbewegung"

Die Sängerin und Schauspielerin im Gespräch über Billie Holiday und ihre erste große Filmrolle.

von Elisabeth Sereda

Sie ist ein Schauspiel-Neuling, der nun eine Golden-Globe-Nominierung für „Beste Schauspielerin in einem Drama“ bekam. Das Leben ist kein Wunschkonzert, aber wenn Fairness die Oberhand behält, wird Andra Day (34) gewinnen. Auch gegen Kapazunder wie Viola Davis („Ma Rainey’s Black Bottom“) und Carey Mulligan („Promising Young Woman“).

Und sogar gegen Frances McDormand („Nomadland“) und Vanessa Kirby („Pieces of a Woman“). Denn Andra Day, die eigentlich Cassandra Monique Batie heißt und ein Hitalbum in den R&B-Charts hatte – berühmtester Song ist „Rise Up“ – wählte ihren Künstlernamen als Hommage an die große Billie Holiday, und eben jene spielt sie im Film „The United States vs. Billie Holiday“ (in den USA ab Ende Februar bei Hulu zu sehen, hierzulande muss man sich noch gedulden).

KURIER: Sie hätten nicht klein beginnen können, mit einer netten Nebenrolle in einem Ensemblefilm, nicht wahr? Es musste gleich eine Ikone sein.

Andra Day: Haha, ja, glauben Sie mir, ich hätte auch lieber mit einer kleineren Rolle geübt! Ich hatte auf das Angebot zuerst einmal dieselbe Reaktion wie auf die Frage vor fünf Jahren, ob ich Michelle Obama treffen will – absolut nicht! Ich dachte mir, was will die First Lady von jemandem wie mir? Worüber soll ich mit ihr reden? Und dann traf ich sie und Barack, und wir sind bis heute befreundet. Beide haben eine Liebe zu und ein Verständnis für Musik, das sofort das Eis gebrochen hat. Was den Film betrifft, antwortete ich auf die Anfrage der Produzenten, ob ich Billie Holiday spielen wolle, zuerst einmal kategorisch mit Nein. Ich sah keinen Sinn darin, eine Neuversion von „Lady Sings the Blues“ zu machen, Diana Ross war brillant in diesem Film. Aber dann erklärte man mir, nein, das ist eine ganz andere Geschichte, da geht es um das FBI, das ihre Karriere und ihr Leben zerstören wollte. Und das interessierte mich. Aber auch der Regisseur Lee Daniels wollte mich erst gar nicht. Die Produzenten und unsere Agenten arrangierten ein Treffen gegen unseren Willen, und dabei kamen wir drauf, dass wir dieselbe Vision hatten.

Der Auslöser der Story ist Holidays Song „Strange Fruit“, in dem es um das Lynchen von Afroamerikanern geht, und von dem der damalige FBI-Chef J. Edgar Hoover nicht wollte, dass sie ihn bei ihren Live-Auftritten singt …

Weil die US-Regierung verhindern wollte, dass die Bürger dadurch an diese sehr dunkle Seite der amerikanischen Geschichte erinnert, bzw. Schwarze und Liberale aufgewiegelt werden, gegen Rassismus zu kämpfen. Und weil das FBI ihr den Song nicht verbieten konnte, sperrten sie sie immer wieder wegen Drogenkonsums ein. Sie hatte ein Drogenproblem. Sie wuchs auf mit häuslicher und sexueller Gewalt und musste zusehen, wie der Ku-Klux-Klan ihren Vater aufhängte. Wegen seiner Hautfarbe, aus keinem anderen Grund.

Neben den vielen herzzerbrechenden Szenen ist das Schockierendste, dass Lynchen in den USA immer noch nicht verboten ist. Fällt Lynchen nicht unter Mord?

Sollte man meinen, aber es gibt hier ein legales Schlupfloch, das immer wieder ausgenützt wird. Lynchen ist technisch betrachtet illegal, weil es Mord ist, aber es wird immer wieder in Verbindung mit der Kultur und der Gründung Amerikas als legale „Bestrafung“ genannt. Die Demokraten haben immer wieder den Antrag eingebracht, das abzuschaffen, und immer wieder wurde er abgelehnt. Zuletzt 2020! Aber mich schockiert das nicht. Denn bis wir endlich die Wahrheit eingestehen, was die rassistische Vergangenheit und Gegenwart dieses Landes betrifft, bis wir endlich das Trauma von Afroamerikanern benennen, ihre Beiträge zur amerikanischen Kultur und Gesellschaft anerkennen und den systematischen Rassismus beenden, ist eine Verbesserung nicht möglich. Und ich werde nie aufhören, dafür zu kämpfen.

Als Sängerin kannten Sie vermutlich alle Billie-Holiday-Songs von klein auf. Was wussten Sie vor dem Film noch über sie?

Ich hörte mit 11 ihre Songs „Sugar“ und „Strange Fruit“. Ihre Stimme verwirrte mich, denn sie klang so ganz anders als meine Lieblinge Aretha Franklin und Whitney Houston. Gleichzeitig war ich hypnotisiert von ihrer Stimme. Und als ich beschloss, Sängerin zu werden, war sie mein Vorbild. Ich wollte genauso authentisch wie sie über mein Leben, meine Sorgen, meine Erfahrungen singen.

Wie spielt man eine so komplexe Frau wie Billie Holiday?

Ich musste zuerst einmal ihr Suchtverhalten verstehen. Wir sind alle bis zu einem gewissen Grad nach irgendetwas süchtig, es manifestiert sich nur verschieden und ist abhängig von den jeweiligen Umständen, der Umgebung, der Erziehung und dem Trauma, das man durchmacht. Ihr Trauma führte zur Flucht in den Alkohol und ins Heroin. Ich wollte das verstehen, und begann für den Film Zigaretten zu rauchen und zu trinken. Weiter ging ich nicht, denn bei beidem wusste ich, dass ich wieder aufhören kann. Für die Heroinsucht recherchierte ich bei Abhängigen und ehemaligen Abhängigen. Sie alle sagten, dass man nur beim ersten Mal ein High hat, danach hat man es nicht mehr und der einzige Grund, warum man weiter spritzt ist, um die Übelkeit loszuwerden, die das Runterkommen bewirkt. Man nimmt es weiter, um nicht krank zu werden, was zu noch mehr Sucht führt, es ist ein Teufelskreis. Deshalb kommen auch Rückfälle so oft vor: weil man dazwischen clean war, hat man beim ersten Rückfall noch einmal das High. Das ist bei Billie ja mehrmals vorgekommen. Sie hat es immer wieder geschafft, clean zu werden und wurde doch immer wieder rückfällig.

Wenn man den Film sieht, kann man nicht umhin die Frage zu stellen, was aus Billie Holiday geworden wäre, hätte sie überlebt, und die Bürgerrechtsbewegung der 1960er mitgemacht. Was denken Sie?

Oh, keine Frage, dass sie sich ganz stark dafür engagiert hätte. Das Traurige ist, dass sie vor ihrer Zeit geboren wurde. Ihr Vater wurde Opfer der Jim-Crow-Gesetze in den Südstaaten, sie selbst hatte niemanden, keine Familie, keine Stütze. Und dennoch war sie so stark. Ich bin davon überzeugt, dass sie ihre Drogensucht überwunden hätte, wenn sie eine Chance auf Veränderung gesehen hätte. Sie war ja bereits eine gewaltige Macht in dieser Bewegung, sonst hätte das FBI sie ja nicht so verbissen verfolgt und zum Schweigen bringen wollen. Billie Holiday war zweifellos die Taufpatin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

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