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Kultur
05/25/2019

Analyse: Die Staatsoper – ein Staatsopa?

Geburtstagswünsche. Das Haus am Ring wird 150. Am spannendsten ist aber die Frage, wie es künftig weitergeht.

von Gert Korentschnig

Dieser Text ist eine bedingungslose Liebeserklärung: an ein Genre, das spannender ist als jedes Fußballmatch, so packend wie (und weniger populistisch als) die EU-Wahl und in seiner Durchgeknalltheit und Überhöhung bunter als der Song Contest.

Obwohl Sie jetzt gleich ein Wort lesen werden, das manchen als Wegdös-Impuls gilt, effizienter als die wirksamste Schlaftablette, versuchen Sie bitte weiterzulesen. Das Wort: OPER! Sind Sie noch an Bord? Dann Vorhang auf, kurzes Vorspiel und erster Akt. Er heißt: "Die Verführung".

Erster Akt

Seit es Oper gibt, also seit mehr als 400 Jahren, kippen Menschen in sie hinein. Oper ist die Emotionalisierung der Emotion, die Zahl Pi der Kulturgeschichte, die Quadratur des gesamtkunstwerklichen Kreises. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, heißt es bei Wittgenstein. Im Fall der Oper müsste es heißen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.“

Klingt vielleicht intellektualisiert, elitär und abgehoben, sollte aber das Gegenteil davon sein. Oper ist die Bauchwerdung des Gedankens. Eine Kunstform, deren Ziel es ist, den Kopf kurz auszuschalten, um erst danach Schlüsse zu ziehen. Oper verhandelt unser aller Leben und ist irrational wie eben dieses. Deshalb ist sie von ihrem Ansatz her das Gegenteil eines Minderheitenprogrammes. "Große Oper“ ist ja sogar in die Alltagssprache übergegangen. Leider wird sie aber zumeist völlig falsch vermittelt. Pause.

Zweiter Akt

"Die Vermittlung". Es ist eine Katastrophe, wie Oper oft daherkommt. Als biederes Konzert in Kostümen, antiquiert, verstaubt, irrelevant für die Gesellschaft, todlangweilig für große Teile des potenziellen Publikums. Diese Aufführungspraxis versucht den Patienten am Leben zu erhalten, agiert aber wie ein Totengräber. Ein Grund dafür: Oper ist so groß geworden, dass sie schon systemimmanent eine einzige Blockade ist. Oper erinnert an den österreichischen Föderalismus, ein künstlerisches Bürokratiemonster. An der Aufgabe, das zu ändern, sind Generationen von Intendanten gescheitert. Wenn dann aber einer moderner sein will, stößt das auf brutale Ablehnung wie bei Hasspostern im Netz.

Pause, rasch auf die Toilette, ein Kaffee oder ein Brötchen beim Buffet.

Dritter Akt

„Die Zukunft“. Kein Mensch weiß, wie Oper zu retten ist und wie lange es sie in dieser Form noch gibt. Aber das weiß man schon seit -zig Jahren nicht, dennoch geht es irgendwie weiter, weil immer wieder Narrische zu weinen beginnen, wenn Violetta in der „Traviata“ stirbt. Das Wichtigste fürs Überleben: Ein öffentliches Bekenntnis zur Oper, auch vonseiten der Subventionsgeber, Leidenschaft in der Vermittlung, Zaubertheater mit zeitgemäßen Möglichkeiten und die Einbeziehung neuer Künstler und Kunstformen.

Am heutigen Samstag feiert die Wiener Staatsoper, die zuletzt oft wirkte wie ein Staatsopa, ihren 150. Geburtstag. Wir feiern mit, erinnern uns an legendäre Abende und freuen uns sehr auf eine schöne, aufregende Zukunft. Happy Birthday, altes Haus!gert.korentschnig