© Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

freizeit
05/25/2019

150 Jahre Wiener Staatsoper: Hinter den Kulissen (+360°-Video)

Die Wiener Staatsoper feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum und sich selbst. Die freizeit gewährt Einblicke, die den Zuschauern sonst verborgen bleiben.

Sagen Sie nie Souffleur zu der Person im Souffleurkasten. Die korrekte Anrede lautet „Maestro suggeritore“. Der Maestro kann nämlich viel mehr als nur „einsagen“. Er spricht zwei Fremdsprachen, ist quasi der Dirigent für die Sänger und hat eine Korrepetitorenausbildung. Mitunter muss er sogar selber singen, wenn ein Künstler vor lauter Nervosität seinen Einsatz verpasst. Meist allerdings reichen Blicke, Handzeichen und Mundbewegungen.

Tausende Zahnrädchen

Die Oper ist eine riesige Maschinerie, bei der Tausende Zahnrädchen ineinandergreifen und Hunderte Menschen funktionieren müssen, damit das Publikum eine perfekte Aufführung zu hören und zu sehen bekommt.
 

Davon, dass  Dinge – wenn auch oft im letzten Moment – doch noch gut ausgehen, kann  Ferruccio Furlanetto ein Lied singen. Er wäre bei den Proben zu  Mussorgskis Oper  Chowanschtschina beinahe schwer verunglückt.  Auf Anweisung des  Regisseurs beugte sich der Bassbariton  über die Brüstung des Hubpodiums. Zum Glück wurde das Podium  gerade noch rechtzeitig gestoppt, bevor der Sänger  gegen ein Gestell stieß, was wohl schwerwiegende Folgen gehabt hätte.
Solch dramatische Zwischenfälle sind in der Geschichte der Wiener Staatsoper, die heuer ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert, zum Glück selten.

"Tristan auf die Bühne"

Dafür, dass während der Aufführung – und natürlich auch während der Proben – alle  Künstler an Ort und Stelle sind, sorgt der Inspizient  mit seinen zwei Seiteninspizienten. Via Computer hat er alle Abläufe einer Produktion vor Augen und weiß, wer wann auf die Bühne muss. Per Lautsprecher ruft er zum Auftritt und ist bis in den hintersten Winkel der Kantine und in den Garderoben zu hören. Allerdings nicht namentlich, sondern mit der Rolle. Es heißt also nicht „Herr Kammersänger XY bitte“, sondern schlicht „Tristan auf die Bühne.“
 

Bescheidenheit ist in der Oper auch   für die Superstars unter den Opernsängern angesagt.  Ausschließlich den Solisten steht eine Einzelgarderobe zu, die allerdings sehr schlicht gestaltet ist. Immerhin haben sie aus den Sologarderoben den kürzesten Weg zur Bühne.
Gegen kleinere Reibereien auf der Bühne ist allerdings auch der Inspizient machtlos. So ärgerte sich „Tosca“ Angela Gheorgiu sehr darüber, dass Jonas Kaufmann als Cavaradossi seine Arie „E lucevan le stelle“ als Zugabe wiederholte – und kam  einfach nicht mehr auf die Bühne.
Bis eine Aufführung beginnen kann, läuft eine komplizierte und bis ins kleinste Detail ausgetüftelte Maschinerie ab, bei der ein Rädchen ins andere greifen muss, damit alles klappt.
Um 7 Uhr früh rücken die Bühnenarbeiter an, um die Vorstellung des Vorabends abzubauen. Kräftige Männer schrauben, heben, ziehen und verpacken die Kulissen in Kisten. Jeder Kulissenteil ist durchnummeriert und jede  Aufführung hat ihre Kennzahl, die auf den Holzkisten vermerkt wird, damit zusammenbleibt, was zusammengehört.
 

Kaum ist die Bühne geräumt, wird aufgebaut – für die Probe, die am Vormittag starten muss. Und nach der Probe ist vor der  Vorstellung. Also wieder abbauen und eine andere Kulisse aufbauen, ehe der Vorhang für das Publikum aufgeht.
Das Material für drei oder vier Aufführungen kann im Opernhaus gelagert werden – mehr Platz ist nicht. Der Rest muss aus dem Lager im Arsenal herbeigekarrt werden. Täglich sind mehr als 20 Tieflader mit Kulissen aus dem Lager im Arsenal zur Oper unterwegs. Arbeiter schieben die riesigen Lkw-Anhänger mit viel Kraft in einen schmalen Aufzug auf der Philharmonikerstraßenseite.

Millimeterarbeit

Das ist Millimeterarbeit, nur eine Handbreit bleibt auf beiden Seiten Platz. Im Lift nach oben auf die Bühne gehievt und erst dort entladen.
Die Bühne ist ein riesiger Raum, doppelt so groß wie der Zuschauerraum und  vom Keller bis zum Dach rund 50 Meter hoch. Wie viel das ist? Das Riesenrad würde jedenfalls hineinpassen, allerdings ohne seine Füße. Die sechs 18 Meter langen Hubpodien  lassen sich horizontal und vertikal verschieben, der elf Tonnen schwere eiserne Vorhang trennt Haupt- und Hinterbühne – als Brandschutz.

Von den 98 Latten des Schnürbodens, jede von ihnen kann 400 Kilo tragen, ist mehr als die Hälfte computergesteuert, der Rest wird mit Handzügen bedient. Hier werken Maschinisten, es gibt einen Schnürbodenmeister, einen Versenkungsmeister, einen Bühnenmeister.
Nicht alle Inszenierungen sind gleich kompliziert. So sind bei einer „Salome“-Aufführung, die nur einen Akt und ein Bühnenbild hat, zehn Techniker während der Vorstellung im Einsatz, bei der wesentlich aufwendigeren „Carmen“ sind es 70, die die Maschinerie am Laufen halten.
Kaum vorstellbar, wie das alles früher ohne Computer, Kameras und Monitore funktioniert hat: Weil die Orgel im sechsten Stock der Oper untergebracht ist, ist der Organist via Monitor mit dem Dirigenten im Orchestergraben verbunden. Das gab es vor 150 Jahren alles nicht.

Spott und Hohn

Auch wenn die Staatsoper nun 150-Jahr-Jubiläum feiert, ist längst nicht alles so alt. Das Haus  wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert, nur wenige Teile des Gebäudes blieben heil: Der Haupteingang mit der Feststiege, der Teesalon und das Schwindfoyer mit den Bildern des Malers Moritz von Schwind sind noch original erhalten. Sogar die Gaslüster, mit denen das Foyer die ersten 16 Jahre, vor der Elektrifizierung, beleuchtet wurde, hängen noch dort. Der Rest ist verbrannt und wurde nach dem Krieg neu aufgebaut.
 

Die Liebe der Wiener zu „ihrer“ Oper musste ohnehin erst langsam wachsen: Fast neun Jahre wurde am Opernhaus gebaut, von 1861 bis 1869. Erst als das Gebäude fertig war, wurde das Niveau der Ringstraße um einen Meter angehoben, das Opernhaus versank scheinbar im Boden. Die Wiener übergossen die Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard  von Sicardsburg mit Spott und Hohn und bezeichneten die Oper als „Königgrätz der Baukunst“ – nach jener Schlacht, in der den Habsburgern eine vernichtende Niederlage zugefügt worden war. Sogar Kaiser Franz Joseph lästerte über die „versunkene Kiste“

Die Tragödie der Architekten

Beide Architekten verloren die Schlacht um die Gunst der Wiener, sie erlebten die Eröffnung ihres Hauses nicht. Van der Nüll erhängte sich, Sicardsburg starb kurz darauf an einem Herzinfarkt.
Doch die öffentliche Meinung kann sich  – in diesem Fall zum Glück – recht rasch ändern. Kaum feierte man in dem Prunkbau am Ring am 25. Mai 1869 mit Mozarts Don Juan eine umjubelte Premiere, waren die Wiener von ihrem Opernhaus hellauf begeistert.

Wussten Sie, dass

... die Oper fast 1.000 fixe Mitarbeiter hat, davon 339 in der Technik und 144 im Orchester.
... es zum Brandschutz gleich zwei eiserne Vorhänge gibt, die die Bühne vom Zuschauerraum trennen,  und dass das ganze Opernhaus in Brandabschnitte geteilt ist.
... die eisernen Vorhänge 11 bzw. 18 Tonnen schwer sind.
... Bühne und Hinterbühne mit 5.144 Quadratmetern doppelt so groß sind  wie der Zuschauerraum.
... dass der Schnürboden aus 98 Latten besteht, die je 400 Kilo tragen.
... die 36 Plätze in der Mittelloge die besten Plätze des Hauses sind.
... dass die billigste Eintrittskarten – Stehplatz auf Balkon oder Galerie – ab zwei Euro zu haben sind.
... es Führungen durch die Oper in zehn Sprachen gibt.
... die Bauarbeiten am
Opernhaus fast neun Jahre (1861 – 1869) dauerten.