Kultur 05.01.2018

An der Quetsch’n in Action

. © Bild: Stephan mussil

Die Spice Girls gut finden und sich hart erarbeiten, wie eine Polka klingt, geht das? Und wie das geht. Marie-Theres Stickler, Virtuosin an der Harmonika, lebt in ständig wechselnden Formationen ihren Traum vom Musikantenleben und wird auf diese Weise zu einer Kronzeugin bei der Suche nach dem Wienerlied.

Musik wird von denen gemacht, die vorne am Bühnenrand stehen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie geben ihren Bands das Gesicht, ihren Liedern die Stimme, dem Publikum das Zentrum, auf das es seine Aufmerksamkeit richten kann. Mit ihrem Namen stehen sie für die Lieder, die sie singen, die Scherze, die sie machen, die Ideen, mit denen sie uns berühren. Diese Namen stehen in großen Lettern auf den Plakaten und Tonträgern, und oft genug sind sie ein verkürzendes Synonym für das komplexe Ganze, aus dem Musik nun einmal gestrickt ist.

Serie Wienerlied Stickler © Bild: STEPHAN MUSSIL

Im Wirtshaus z’haus: Marie-Theres Stickler mit Kurt Girk (links von ihr) und Rudi Koschelu (r.) im Gasthaus am Predigtstuhl

Marie-Theres Stickler ist eine Musikerin, die für viele Musiken steht. Sie ist lebendig und präsent. Mit ihren Bewegungen verstärkt sie den Sound ihres Instruments, der diatonischen Harmonika. Sie wiegt sich mit ihr im Rhythmus. Ihr Lachen ist gewinnend und ein gültiger Ausdruck davon, wie die Musik von tief drinnen nach außen drängt. Man hat viele Gelegenheiten, Marie-Theres Stickler zu sehen, und es ist hochinteressant, wie grundverschieden sie sind. Einmal steht "die Marie", wie ihre Freunde sie nennen, mit dem fulminanten Volksweltmusikensemble "Alma" auf der Bühne und verleiht den virtuosen Klängen von drei Geigen und einem Kontrabass mit ihrer Harmonika eine solide Basis; ein anderes Mal sitzt sie an der Seite des wandelnden Wienerliedlexikons Rudi Koschelu im Wirtshaus am Predigtstuhl oder der "Blauen Nos’n", um zu zweit oder verstärkt von Kurt Girk (siehe auch freizeit vom 21. Oktober 2017) am Tisch der Gäste Wienerlieder aller Art zu intonieren; kann aber auch sein, dass sie mit den Tanzgeigern des nimmermüden Rudi Pietsch – Geigenvirtuose und langjähriger Ethnomusikologe an der Universität Wien – auftritt, wo sie laut Tanzgeiger-Definition die unerlässliche Funktion innehat, "das Rückgrat unserer Musik" zu sein; schließlich, auf wieder anderen Bühnen, sorgt sie in der Musik des "foischn Wieners" Martin Spengler für Ordnung und räumt dessen Songs ordentlich auf, in denen Geschichten vom Lieben und Sterben erzählt werden, die ein bisschen nach Wien, viel mehr aber nach sanfter Popmusik aus dem fröhlichen Nirwana klingen, wo neben Georg Danzer auch John Lennon und Sonny Boy Williamson zu Hause sind. Das sind noch längst nicht alle Engagements von Marie-Theres Stickler. Sie lebt in ständig wechselnden Formationen (zum Beispiel mit den Dogmatraditionalisten der Wüdaramusi) ihren Traum vom Musikantenleben und wird auf diese Weise zu einer Kronzeugin bei der Suche nach dem Wienerlied: Ihre Kompetenz, anderen Musikanten den Teppich auszurollen, auf dem sie brillieren können, ist Zehntausende Stunden erprobt und universell. Sozusagen musikalische Blutgruppe null, Universalspender. Die Wege, auf denen sie auf eine zeitgemäße Wiener Musik zusteuert, kommen aus allen Richtungen. Keine andere Musikerin kann von sich behaupten, tief empfundene Tradition genauso zu verkörpern wie virtuosen Neuanfang oder empathische Regellosigkeit.

Serie Wienerlied Stickler © Bild: STEPHAN MUSSIL

Marie-Theres Stickler mit ihrem Lebensgefährten Georg Hahn

Am Beginn der Musikantenkarriere von Marie-Theres Stickler stand eine "Wurlitzer"-Sendung, die sie im Fernsehen sah. Sie erinnert sich zwar nicht mehr daran, wer der Moderator war – ich tippe auf Peter Rapp –, dafür weiß sie genau, wen sie an diesem Tag zum ersten Mal an der Quetsch’n in Action sah: Hubert von Goisern & die Alpinkatzen – und was "der Hubert" da mit seiner Quetsche machte, gefiel der Marie-Theres ausnehmend.Ihre Mutter erkannte das aus dem Augenwinkel und kaufte im Kleinanzeigenmagazin "Bazar" eine Ziehharmonika – vielleicht sollte man dazusagen, dass Marie-Theres zu dem Zeitpunkt erst fünf war. Weil die Mutter ein großes Interesse an Musik im Allgemeinen und Volksmusik im Speziellen hatte, durchlief die talentierte Tochter im Heimatort Puchberg am Schneeberg eine Reihe von Ausbildungen, nahm an Musikantentreffen teil und bemerkte, dass ihr die Wendungen und Abschweifungen der traditionellen Volksmusik in Fleisch und Blut übergingen. Gleichzeitig war ihr das freilich ein bisschen peinlich. Nicht einmal die Regionalradios kümmerten sich noch besonders um all die Tänze und Ländler. Längst hatte die kollektive Volksmusik des Pop die Regentschaft übernommen, und eine hingebungsvolle Beschäftigung mit der Volksmusikliteratur stand irgendwie quer zum Mainstream."Diese Peinlichkeit", sagt Marie-Theres, als wir uns im Gasthaus am Predigtstuhl treffen, wo sie später mit Koschelu und Girk auftreten wird, "hatte übrigens etwas sehr Verbindendes, als ich später die anderen Girls von Alma kennenlernte. Die hatten das alle ganz genauso erlebt. Und sie mochten so wie ich auch die Spice Girls."

Serie Wienerlied Stickler © Bild: STEPHAN MUSSIL

Der Dornbacher Pfarrer steckt aus: Heurigen-Opening mit der Wüdaramusi. Marie-Theres Stickler bearbeitet die Harmonika diesmal im Dirndl

Zum Glück begegnete sie Musikern, die längst begriffen hatten, dass Musik nicht unbedingt Grenzen braucht. Mit dem blinden Harmonikavirtuosen Andi Salchegger spielte sie Volks- und Kirchenmusik. Sie besuchte das Musik-BORG und trat schließlich einer Band namens "Chiller" bei, die Reggae um Volksmusikelemente erweiterte. Nach der Matura schrieb sich Marie-Theres Stickler im Mozarteum ein, um die Ausbildung auf der diatonischen Harmonika auf höchstem Niveau fortzusetzen. Auf der Strecke von Puchberg nach Salzburg kam ihr dabei etwas in die Quere: die Stadt Wien. Wien war groß, laut und hatte jede Menge Nischen, die sie interessierten. Marie-Theres lernte Rudi Pietsch kennen, und Rudi Pietsch brauchte jemanden für die Tanzgeiger.

"Er war sowas von Chef", sagt Marie-Theres über Pietsch, "und er hatte wenig Geduld. Oft übten wir stundenlang, wie eine Polka klingen soll. Das war nicht unbedingt angenehm. Aber es hatte zur Folge, dass ich jetzt genau weiß, wie eine Polka klingt." Noch wichtiger als der Polkasound war freilich die Lehre, die sie aus den Proben und Konzerten mit den Tanzgeigern zog: "Du darfst nicht für dich selbst spielen. Ich hatte all die Jahre zu hundert Prozent für mich selbst gespielt. Jetzt musste ich lernen, dass ich für die Leute spielen muss."Das berührt einen zentralen Punkt im Verständnis von Musik. Während auf der Bühne der Musiker tut, was er will und dafür entweder Applaus oder Buhrufe kassiert, ist der Wienerlied-Musiker "ein dienender Musikant". Seine Bühne ist der Tisch, an dem das Publikum sitzt, und wenn das Publikum einen Wunsch hat, wird der nach Kräften erfüllt. Man begegnet den Gästen "auf Augenhöhe", man "singt sie an", freut sich, wenn sie in ein Lied, das sie lieben, einstimmen und beansprucht nicht die künstlerische Lufthoheit über dem Stammtisch. "Das alte Wienerlied", sagt Marie-Theres Stickler, "funktioniert so." Lächelnd verbringt sie später den Abend im Predigtstuhl an der Seite von Rudi Koschelu und Kurt Girk, den sie "den Kurti" nennt, zieht von Tisch zu Tisch, spielt Lied für Lied, selbstverständlich auswendig, und wenn sie eines nicht kennt – Koschelu weiß tausende Wienerlieder auswendig, damit kommt man über den Abend. Koschelu hatte sie einmal eingeladen, mit ihm im "Weana Spatzenclub" im Café Weidegger zu spielen. Das hatte gut geklappt. Seither tritt man gemeinsam auf.

Serie Wienerlied Stickler © Bild: STEPHAN MUSSIL

Applaus und eine Verbeugung für die Mama, die ihrer kleinen Marie-Theres eine Ziehharmonika kaufte, als diese fünf war. Heute gibt die Tochter bei Alma Gas (Bild) – sowie in vielen anderen Formationen. Sie lässt die Musik in alle Richtungen strömen

Die Bühne hingegen ist ein anderer Kontinent. Alma zum Beispiel, dieses virtuose, vielfach preisgekrönte Kollektiv, schlägt gerade eine Bresche in alte Vorstellungen von Volksmusik, kreuzt Traditionelles mit Fundstücken von irgendwo, und maßt sich an, zum Beispiel den Jodler neu zu definieren: "Hoe-ho! Jodeln – frei gedeutet ist es das Esperanto der alpenländischen Musik. Eine Welthilfesprache, die der internationalen Kommunikation dient, hat im Alpenraum eine Schwesternsprache, die auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Wie kann das sein? Ganz einfach: Die wohlklingende Sprachmelodie des Jodelns kann Botschaften weiterleiten, denen die Hochsprache nie nachkommt: Gefühlsstimmungen ausdrücken, die Zeit überdauern oder einfach glücklich machen." So steht’s in den Linernotes zu "Oeo", dem fabelhaften neuen Album von Alma, geschrieben von: Marie-Theres Stickler. Die theoretische Auseinandersetzung mit Musik hat sie schließlich auch gelernt, nicht zuletzt in einer Bachelorarbeit über "die Coupletlieder der fahrenden Händler".

Ich sehe Marie-Theres zu, wie sie lächelnd Kurt Girk begleitet. Ein ähnliches Lächeln hat sie bei den schönen, melancholischen Passagen der Lieder von Martin Spengler, Popsongs mit dem spirituellen Mittelpunkt Wien, die derzeit das Etikett "Neues Wienerlied" angeheftet bekommen. Sie glüht, wenn sie mit Alma spicegirlsmäßig Gas gibt, im Chor singt, ihre Virtuosität in den Dienst der Band stellt und den rockigen Anteil an den im Grunde traditionellen Klängen herausarbeitet."Ich steh’ auf alle Seiten des musikalischen Spektrums", sagt sie, als wir uns bei anderer Gelegenheit im Café Prückel treffen. Sie will sich nicht für oder gegen eine Musik entscheiden, sondern die Universalität ihres Instruments leben. "Ich kann mich in der Wiener Musik verwirklichen", sagt sie, in ihren Wendungen, feststehenden Harmonien und Auflösungen. Sie liebt die Nostalgie, die der Wiener Musik innewohnt, und dass man seine Zuhörer mit dem Schmäh nehmen kann. Sie komponiert Stücke, "um mich selbst zum Klingen zu bringen" und bringt damit ihr Publikum zum Schwingen. Am Schluss bat ich sie um ihre liebsten Wienerlieder, aus allen Richtungen. Das sind sie:

"Du host ma’n Weida gebn" (Briada | Hodina-Neuwirth)

"Wien g’spürn" (Roland Neuwirth)

"Vienna (Servas in Wien)" (Alegre Correa | Neue Wiener Concert Schrammeln)

"Der traurige Bua (trad.)" | Stadlmayr-Kroupa & Trude Mally"Da gibt’s kan Wigl-wogl" | Maly Nagl

Maries Zusatz: "Aus dem Bauch gewählt. Morgen wären’s vielleicht wieder ein paar andere." Eh klar.

von christian seiler (text) und stephan mussil (fotos)

( kurier.at ) Erstellt am 05.01.2018