Kultur
16.09.2017

Auf der Suche nach dem Wienerlied

Songs im Wiener Dialekt können so virtuos, seelenvoll und echt sein, dass einem der Mund vor Staunen offen bleibt. KURIER-freizeit-Kolumnist Christian Seiler  über seine Liebe zum Wienerlied und den Versuch einer Definition – der Auftakt zur neuen Serie in der freizeit, dem Samstagmagazin des KURIER, über das vielfältige Wesen des Wienerliedes. Fotos: von Stephan Mussil

Als ich es noch nicht kannte, hielt ich das Wienerlied für eine fortgeschrittene Art der Folter. Hätte mich damals jemand gefragt, was das Wienerlied eigentlich sei, hätte ich wahrscheinlich geantwortet: Wehleidiger Kitsch mit picksüßer Sauce, ausgedacht von den reaktionären Kräften, die den Radiosender Ö-Regional besetzt hielten und Heurigenwirten, die ihren besoffenen Gästen noch ein paar Doppler einflößen wollen. Aber dann traf ich Roland Neuwirth. Neuwirth saß mit seiner Kontragitarre – dem erstaunlichen Instrument mit den zwei Hälsen – in einem Weinviertler Garten und sang gemeinsam mit seiner Frau Andrea "Ein echtes Wienerlied":

Das Wienerlied - wehleidiger Kitsch mit picksüßer Sauce? Auf zum Grundkurs mit Roland Newirth

"Er hat an Abgang gmacht,
Er hat die Patschn gstreckt,
Er hat a Bankl grissn,
er hat se niedaglegt,
Er hat se d' Erdäpfel von unt angschaut,
Er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut.
Er hat die Bock aufgstellt,
Er hat den Huaf angsagt,
Er hat se d' Schleifn gebn,
Er hat die Stufn packt,
Er is umegstandn,
Er hats umebogn

Er is als arme Sööö zum Petrus aufe gflogn."

Ich war mindestens erstaunt, wahrscheinlich aber bereits bekehrt. Der Typ mit seinen langen, fusseligen Haaren brachte mich zum Lachen, dann zum Stutzen, und ganz am Schluss war ich verwirrt und gerührt: Was hatte ich da gerade gehört? Das war nicht nur ein virtuoser Umgang mit der Wiener Sprache, mit dem tiefgründigen Witz, der in Wien die seelischen Tabuzonen auskleidet, sondern auch eine puristische, musikalische Intelligenz, die ich bis dahin noch nie erlebt hatte.

Was macht ein Lied zum Wienerlied? Es beschreibt die Stadt und ihre Menschen in ihrer Sprache. Das geht auch in neuen Songs – bei Wanda zum Beispiel

Das Wort Coolness gab es noch nicht

Das war zu Beginn der achtziger Jahre. Das Wort Coolness gab es noch nicht, aber ganz sicher war nichts uncooler als Wienerlieder. Der Austropop hatte den österreichischen Dialekt mit der internationalen Popmusik zusammengeführt, das schon, aber eindeutig mit der Absicht, die eigene Sprache den Schrammlern und Mölltalern zu entreißen und neu zu konfektionieren. Die Hits von Ambros und Danzer waren purer Pop, die Dialektlieder André Hellers entsprangen dem Geist der Dichtung von H.C. Artmann, und unter der Oberfläche brodelte bereits das Magma aus New Wave, Neuer Deutscher Welle und Sprechgesang, das in Person von Falco demnächst ausbrechen und ein neues Zeitalter begründen würde. Falco war damals Bassist der Klamaukpunker von Drahdiwaberl, aber sein Song "Ganz Wien" schaffte mühelos den Sprung in den Mainstream, und ein Jahr später kam "Der Kommissar", ließ den Austropop, gerade noch revolutionär, alt, patschert und ausrangiert aussehen.

Es war einfach, sich zu dieser Zeit ins Wienerlied zu verlieben, denn es war exotisch. Es führte eine randständige Existenz, unbeeindruckt von Moden und praktiziert von Musikern, denen es völlig egal war, wer im U4 auftrat, was Ö3 spielte oder wie man in der Hitparade vorne landet.

In Wien geboren und niemals hinter sich gelassen. Mit 86 Jahren ist und bleibt er der „ Frank Sinatra aus Ottakring“: Kurt Girk

"Das ist der Wiener Blues, du Dumpfgummi"

Roland Neuwirth war der einzige innovative Ausreißer, studierter Musiker, gelernter Jazzer, der Elemente aus Blues, Funk und Soul in seine Lieder einfügte, das aber auf der Basis solider Quellenkenntnis und heiligmäßigen Respekts tat. Er war es, der mich in die Welt des klassischen Wienerlieds einführte, mir Schellacks der dudelnden Maly Nagl vorspielte und die Terminologie begründete, die zu einem besseren Verständnis dessen führte, was ich bis dahin für, äh, Gejodel gehalten hatte: "Das ist der Wiener Blues, du Dumpfgummi, hör einfach hin." Neuwirth schleppte mich zum Heurigen, wo Karl Hodina und Edi Reiser auftraten und impfte mir prophylaktisch Respekt ein: "Wenn du frisst, während die zwei am Tisch musizieren, gibt’s eine aufs Maul." Das war mein erster Grundkurs in Wienmusik.

Ich bin Roland Neuwirth dankbar dafür und gefressen hätte ich am Heurigenbankl so nicht. Ich brachte den Mund gar nicht zu, als Hodina mit seiner etwas verdrückten Stimme zu singen begann und eines der schönsten Liebeslieder anstimmte, das es im Wiener Dialekt jemals gegeben hat:

"I liassert Kirschen für di wachsen ohne Kernwann mir der Himmel g'hörat griagast alle Stern,
wann I die Sunn' derglenga tät, i möcht sie hoin
und wann's für di is, hätt' i scho' des Frühjahr g’stoin …"

Mit Roland Neuwirth tauchte ich in die Welt der sensiblen Geigen, der musikantischen zweiten Stimmen, der klassischen Tanz und Dudler ein, und ich lernte an seiner Seite den großartigen Walther Soyka

Soyka spielt seine seelenvolle Harmonika

Nur: Was ist das Wienerlied eigentlich? Ich habe mir selbst seit damals viele verschiedene Antworten auf diese Frage gegeben. Dass die Definition des Österreichischen Volksliedwerks dabei eine andere ist als die eines begeisterungsfähigen Eklektizisten, ist klar, wenn auch erklärungsbedürftig. Mit Roland Neuwirth tauchte ich in die Welt der sensiblen Geigen, der musikantischen zweiten Stimmen, der klassischen Tanz und Dudler ein, und ich lernte an seiner Seite den großartigen Walther Soyka kennen, einen jungen Knöpferlharmonikaspieler, der inzwischen zur Spinne im Netz der zeitgenössischen Wienmusik geworden ist, zu dem zahllose Fäden führen: Soyka spielt seine seelenvolle Harmonika, wenn Ernst Molden, Willi Resetarits und Hannes Wirth auf der Bühne stehen, er tritt mit klassischem Repertoire mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln auf, musiziert mit dem Zithervirtuosen Karl Stirner und der Geigerin Martina Rittmannsberger in fixen Kleinformationen, und es gibt kaum eine Band mit Anspruch auf authentischen Klang (oder ein Stimmgewitter), die nicht bei Soyka vorgesprochen und ihn um die richtigen Klänge gebeten hätte. So viel zur eher traditionellen Kalibrierung meines Wienliedgeschmacks.

Es gibt kaum eine Band mit Anspruch auf authentischen Klang (oder ein Stimmgewitter), die nicht bei Soyka vorgesprochen und ihn um die richtigen Klänge gebeten hätte. Hier mit Martina Rittmannsberger

Ostbahn Kurti & die Chefpartie

Auf der anderen Seite aber war ich wie vom Donner gerührt, als mein Kollege Günter Brödl, mit dem ich damals ein Büro in der Redaktion des "Wiener" teilte, eines Tages mit Übersetzungen klassischer Rocksongs ins Wienerische daherkam, die er unter dem Pseudonym "Ostbahn Kurti" geschrieben hatte. Schon der Name allein war ein Volltreffer. Er entsprang einer Diskussion, die Brödl und der damalige Radiojournalist Wolfgang Kos in einem Musikjahresrückblick der "Musicbox" auf Ö3 geführt hatten. Man sprach über ein Album der amerikanischen Vorstadtband "Southside Johnny & the Asbury Jukes", bis die Frage aufkam, wie diese wohl in Wien heißen würde. Die Antwort lautete "Ostbahn Kurti & die Chefpartie", und es wurde nie letztgültig geklärt, wer von beiden den Namen eigentlich erfunden hat. Sicher ist, dass es Brödl war, der sich im Kopf der imaginären Figur einnistete und die Popwelt von Simmering aus neu zu denken begann. Er schrieb Songtexte, die Stories aus dem Leben fröhlicher und gar nicht so fröhlicher Verlierer waren, benannte deren Träume, kleine Fluchten, große Gefühle – und schuf ein Wienerisches Universum, das die reale Reindorfgasse in Fünfhaus, wo Brödl aufgewachsen war, in die imaginäre Welt lauter, grobschlächtiger, welthaltiger Rockmusik verpflanzte, samt Espresso Rosi und anderen Absturzkneipen, in denen der Kurtl lebt, liebt, lacht, auf die Fresse fällt und wieder aufsteht.Willi Resetarits lieh dem Ostbahn-Kurti Stimme und Gestalt. Bald überlappten einander die Biografien der Kunstfigur und ihres Darstellers. Die Ostbahn-Konzerte der späten achtziger und frühen neunziger Jahre gehören für mich zum Wirkungsmächtigsten, was ich auf Bühnen je erlebt habe. Die Songs des Ostbahn, in denen jedes Wort stimmte, fuhren auf den schweren Gitarren der Band ungebremst ins Herz des Publikums. Noch heute können die Fans von damals jede Zeile mitsingen, wenn beim "Klassentreffen" von Ostbahn & Freunden die Beschreibungen der langen Vorstadtnächte angestimmt werden, die im Schimmer der Neonbeleuchtung, des Rotlichts und der täglich neu aufflackernden und verlöschenden Träume ihrer Haupt- und Nebendarsteller magisch glänzen:

"Des Bikini-Madl is beinamputiert. Sie zagt ihre Neon-Kurvn üba da TiaA rostiga Flippa zwischn Heisl und Schank. Es fäult noch Zwiefe, koide Tschik und BiaDo is a Pool und a Jukebox und grod gnua Plotz zum StehUnd de blade Rosi hinta da Budl, de fiat wia imma den SchmähSie hod a Goschn wia a Kutscha, an Oasch wia a Lok und a Zwinkern fian Ferry, hey-he …

Logisch, dass die Ostbahn-Songs keine Wienerlieder sind – bloß: warum eigentlich nicht? Hier im Bild musiziert er gemeinsam mit Ernst Molden

Brödls Texte haben den Ostbahn mit Leben erfüllt. Logisch, dass die Ostbahn-Songs keine Wienerlieder sind – bloß: warum eigentlich nicht? Sie erfüllen nicht die strengen, musikalischen Voraussetzungen, klar, aber sie beschreiben die Stadt, ihr Leben, die Menschen, die sie an ihren Rändern ausmachen. Für meine Definition von Wienerlied ist das genug, und das gilt auch für viele Lieder, die später gedichtet und komponiert wurden, ob sie jetzt von Ernst Molden stammen, von Alex Miksch, von Voodoo Jürgens, von Wanda.Der frühere Radiojournalist Walter Gröbchen, heute Verleger, Labelmanager ("Monkey") und Kolumnist ("Wiener Zeitung"), hatte schon früh eine gute Hand für alle Spielarten österreichischer und speziell wienerischer Musik. Als er noch für Ö3 arbeitete, leitete er eine erstaunlich vielfältige Sendung namens "Das rot-weiß-rote Radio", in der er den Beweis antrat, dass österreichische Popmusik – im Gegensatz zur späteren Unternehmensdoktrin von Ö3 – nicht nur Qualität besitzt, sondern auch mehrheitsfähig sein kann. Außerdem meinte Gröbchen, dass die ständige Bericht-erstattung im Radio eine Musikszene positiv beeinflußen kann, aber das ist eine andere Geschichte. Auf seinem Label "Monkey" bringt Gröbchen seit einigen Jahren den Sampler "Wienmusik" heraus, auf dem er die längst unüberschaubar vielfältige Musikszene der Hauptstadt dokumentiert, von elek-tronischen Noise-Experimenten über Underground-Klamauk bis zu den Balladen des Nino aus Wien.Gröbchen ist auch einer der Kuratoren der Ausstellung "Ganz Wien. Eine Poptour" in der, wie er sagt, "die Aufarbeitung der Populärkultur-Historie Österreichs" begonnen wird. An einer Reihe von Stationen wird das Phänomen wienerischer und, in Summe, österreichischer Popmusik erwogen, verworfen, festgezurrt. Das beginnt beim Kellerlokal "Stohkoffer", wo in den fünfziger und sechziger Jahren Friedrich Gulda, Joe Zawinul und Helmut Qualtinger auftraten und den Mief von tausend Jahren vertrieben. Es folgen der "Starclub", das "Voom Voom", die "Camera", Diskotheken, die jeweils ihr eigenes soziales und musikalisches Ökosystem produzierten. Eine wichtige Rolle kommt dem ORF Funkhaus zu, das eine Schlüsselrolle in der Popularisierung und Vervielfältigung österreichischer Popmusik hatte (und, mit Abstrichen, hat). Weitere Stationen: der "Folkclub Atlantis", das "Hernalser Vergnügungszentrum HVZ", heute das "Metropol"; natürlich das U4, wo gemäß Falco "die Goldfisch" geig-ten, schließlich – Brücke ins Jetzt – das "Flex", das "Rhiz", das "Fluc" und, ganz besonderer Kristallisationspunkt der Ausstellung, das Studio von Kruder & Dorfmeister, wo der Ruf von Wien als Metropole entspannter elektronischer Musik begründet wurde. Letzte Station der Schau ist der Karlsplatz, Austragungsort des Wiener Popfests – und, so viel Selbstreferenz darf sein, dieser sehenswerten und überwältigenden Ausstellung.

Moderne Wienerlieder

Das Wienerlied lässt sich in dieser Ausstellung suchen, präsentiert, versteckt, ziert sich. Es taucht andernorts auf, in verschiedenster Gestalt, lässt sich zum Beispiel beim Festival "Wien im Rosenstolz" feiern, das am 1. Oktober beginnt (www.rosenstolz.at) und nimmt sowieso stets neue Gestalt an: "Moderne Wienerlieder", ortet Walter Gröbchen, "Metropolen-Blues des 21. Jahrhunderts oder absonderliche André Heller-Verwurschtungen. Es gibt inzwischen einfach alles."Die Strottern zum Beispiel, die auch eher eine Zufallsbekanntschaft mit dem Wienerlied gemacht haben, schrieben dem Wienerlied gleich einmal ein Wienerlied, um ihm vielleicht auf die Spur zu kommen (oder auf die Sprünge zu helfen. Das kann man sehen, wie man will):

"Grüß Gott, ich bin das Wienerlied
Und wollt mich bei Ihnen beschweren.
Was Sie da allweil machen, Sie!
Ich kann’s schon nicht mehr hörn!
Glauben’s, nur weil Sie saufen,
Dürfen’s mich schon rezitieren?
Ich geh ja grad z’Grund, bittschön –es sei mir vergunnt,
Aber die Ehr" möcht ich nicht verlieren."

Ab kommendem Oktober im Monatsrhythmus in der : Porträts eigenwilliger undunverwechselbarer Musikanten dieser Stadt. Teil 1: Kurt Girk – der Sinatra von Ottakring.