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Kultur
01/25/2021

Am Ende – ein Leben, frei und glücklich: Zum Tod von Arik Brauer

Abschied von einem Vielseitigen: Künstler und Zeitzeuge, Humanist und Philosoph – Arik Brauer (1929–2021)

von Werner Rosenberger

Bis zuletzt hat er an seinen farbintensiven Ölbildern gearbeitet. Wie er bei einem Besuch des KURIER in seiner Villa in der Colloredogasse sagte: „Ich kann nicht anders. Malen ist mein Leben.“

Arik Brauer war prägend für die Wiener Schule des Phantastischen Realismus und mit seinen sozialkritischen Dialektliedern wie „Sie ham a Haus baut“ und „Sein Köpferl im Sand“ („Hinter meiner, vorder meiner“) ein Wegbereiter des Austropop in den 1970er-Jahren.

Er war Maler, Sänger, Liedermacher, Dichter, Tänzer, Bühnen- und Kostümbildner, Keramik- und Baukünstler, Lehrer, Erzähler und Zeitzeuge. Vor allem: Er zögerte nie, wenn es darum ging, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen, menschliche Schwächen zu entlarven und seine Stimme für Freiheit, Demokratie und Solidarität zu erheben.

Am Sonntag ist der vielseitige Künstler und kritische Geist mit 92 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben.

Lebensschule Ottakring

Ein Mann mit vielen Facetten und vielen Talenten: humorvoll und ernst, selbstbewusst und bescheiden, wachsam und neugierig. Kosmopolit und Ur-Wiener.

Vor allem: Phantastischer Realist oder realistischer Phantast. Wer weiß das schon? Jedenfalls ein Optimist, der die Welt mit den Augen eines Kindes und dem Geist eines Philosophen sah.

„Man wird schon zum phantastischen Realisten, wenn man in Ottakring aufwächst“, witzelte er. „Armut und Elend produzieren natürlich Phantasie. Weil die Leute ununterbrochen etwas erfinden müssen, damit sie existieren können.“

Es war keine gute Zeit, in die er hineingeboren wurde.

1928/’29 war der kälteste Winter der letzten 200 Jahre.

Am 4. Jänner des Jahres 1929, als der New Yorker Börsenkrach bis nach Österreich wirkte und die faschistische Heimwehr der jungen Demokratie das Fürchten lehrte, erblickte Erich Brauer das Licht der Welt – als Sohn eines aus Litauen eingewanderten ostjüdischen Schuhmachers.

Überleben als „U-Boot“

Er wuchs auf in einer „Zimmer-Küche-Wohnung mit Wasser und Klo am Gang“, so Brauer, „wie eben damals die meisten Menschen gelebt haben. Aber wir haben nie Hunger gelitten. Die Ziege im Hof war damals wahrscheinlich der einzige Bewohner im Haus, der kein Antisemit war.“

Der Arbeiterbezirk, wo das Leben sein wahres Gesicht zeigt, war ihm hartes Überlebenstraining. „Wer als Kind Mitglied einer Bubenbande war, kann ohne Illusionen ins Erwachsenenleben treten.“ Als Kleinster musste er schlau sein und Strategien entwickeln, um nicht unterzugehen.

Sein Vater wurde im Konzentrationslager ermordet. Arik überlebte das Ende der Nazi-Diktatur als „U-Boot“, versteckt in einem Schrebergarten am Wilhelminenberg.

Brauer hat nie vergessen, wie man ihn einst als „Judenbengel“ beschimpfte. „Ich wurde erst durch den Antisemitismus belehrt, dass ich ein Jude bin. Ohne Hitler wäre ich kein Jude.“ Aber dass er die Nazis überlebt hatte, ließ ihn später milde lächeln.

Nach dem Krieg inskri-biert der 16-Jährige an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Albert Paris Gütersloh und Herbert Boeckl sind seine Lehrer. 1951 fährt er mit dem Fahrrad quer durch Europa und Afrika, lebt als Sänger und Tänzer in Israel, wo er Naomi Dahabani kennenlernt, heiratet und nach mehr als 60 gemeinsamen Jahren sagt: „Meine Frau hat immer das Glück in die Familie gebracht.“ Mit Naomi lebt er sechs Jahre in Paris, dem „Zentrum der Malerei“, muss anfangs sogar unter Brücken schlafen, verbringt aber „einige seiner glücklichsten Jahre“ in der Stadt an der Seine. Für den KURIER be- richtet er im Oktober 1973 aus Israel vom Jom Kippur Krieg.

In Wien entsteht mit Anton Lehmden, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner und Wolfgang Hutter eine verschworene Fünferbande: die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, die erste erfolgreiche Kunst-Trademark im Nachkriegsösterreich.

„Aber bald war klar: Das 20. Jahrhundert ist abstrakt“, so Brauer. „Während wir uns auf die Renaissance, auf Hieronymus Bosch, auf den Jugendstil bezogen. Und mich Brueghel enorm beeindruckt hat. Die Brueghel-Bilder in Wien sehen ja aus, als wären sie gestern gemalt worden.“

Erzählwütig

Seine Passion ist stets eine erzählende, figurative Malerei, „die ins Phantastische geht und die sogenannte Wirklichkeit nicht abkonterfeit“.

Mit seiner „Erzählwut“ will er „Pflanzen und Situationen erfinden“. So entstand „das Wuchernde“, das er anstrebte: paradiesische Land-schaften, Tiere, Fabelwesen …

Inspiriert von der Natur.

Und vom Alten Testament. „Ein Menschheitskunstwerk allerersten Ranges. Die Bibel ist als Kunstwerk von überwältigender Kraft, in diesem Sinne auch heilig. Das größte Kunstwerk aller Zeiten, gewissermaßen überirdisch.“ Es beinhalte frei schwebende Fantasie und historische Wahrheiten.

Das Leopold Museum präsentierte 2014 die Ausstellung „Gesamt.Kunst.Werk“, das Jüdische Museum Wien (JMW) eine Pessach-Haggada: Brauer hatte das Buch, das am Sederabend zu Beginn des jüdischen Pessach-Festes gelesen wird, schon 1979 einmal illustriert.

Die Werkschau im JMW 2019 – Brauer: „die Ausstellung meines Lebens“ – hatte 54.000 Besucher.

Religionskritisch

Arik Brauer war Agnostiker, geradezu antireligiös, „weil alle Religionen zwar großartige kulturelle Kräfte entwickeln und entfalten“, aber summa summarum „fürchterliche Dinge angerichtet haben und unser logisches Denken sehr belasten“.

Schließlich habe nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern umgekehrt – war Brauer überzeugt: „Der Mensch hat Gott erschaffen.“

Das Alter hat ihn frei gemacht. Er hätte im Leben nur eines versäumt: auf einen Achttausender zu klettern. Aber sonst alles gemacht, was er wollte: „Ich bin ein rundum glücklicher Mensch.“

In memoriam zeigt ORF2 am Dienstag „kreuz und quer“ (22.35 Uhr): „Arik Brauer. Eine Jugend in Wien“; Ö1 sendet am 28. 1. „Im Gespräch“ (21 Uhr) und ORFIII am 29. 1. einen Themenabend (ab 22.05)

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