Kultur
17.01.2018

Als der Kampf gegen "Herr Hitler" auf der Kippe stand

Famos: Gary Oldman brilliert als Winston Churchill in dem Drama "Die dunkelste Stunde".

Zum Frühstück genießt Winston Churchill Zigarre und Scotch. Leutselig kommandiert er mit krakeliger Stimme seine umtriebige Umgebung – Stubenmädchen, Sekretärin, Ehefrau. Doch erst beim zweiten Mal hinsehen wird einem klar, dass sich hinter dem leicht aufgedunsenen Gesicht tatsächlich Gary Oldman verbirgt – der dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Sein glänzendes Spiel zählt zu den Meisterleistungen dieses formschönen Kabinettstücks.

Als wäre es ein Prequel zu Christopher Nolans "Dunkirk", erzählt Joe Wright das Kriegsjahr 1940 und Winston Churchills Bestellung zum Premierminister als glänzenden Polit-Thriller.

Zwar ist Churchills "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede heute weltberühmt, doch tatsächlich stand das britische Polit-Kabinett keineswegs geschlossen hinter dessen kompromisslosen Kampf gegen "Herrn Hitler". Viele von Churchills Parteifreunden- und -feinden zweifelten seine politischen Instinkte an. Starke Stimmen von Chamberlain und Viscount Hallifax im Parlament plädierten für einen Deal mit den Nazis, um die drohende deutsche Invasion und den Tod vieler britischer Soldaten zu verhindern.

Kann ein Ei kochen

In langen, flüssigen Bewegungen streicht die Kamera durch königliche Gemächer, unterirdische Geheimgänge und Londons Straßen, um sich dann an Gary Oldmans Baby-Face-Winston festzuzurren: "Ich bin noch nie Bus gefahren", verkündet der Premierminister fröhlich, "aber ich glaube, ich kann ein Ei kochen."

Oldman legt Churchill als grummeligen Spiegeltrinker mit Mutterwitz an. Mit unverkennbarer Stimme, auf deren Bändern ein alkoholischer Dauerbelag lagert, diktiert er seine mitreißenden Reden in die Schreibmaschine der neuen Sekretärin. Kristin Scott Thomas als Churchills weißgelockte, loyal-leidende Ehefrau nennt ihn liebevoll "Pig" und erinnert ihn an seine Manieren. Churchill stapft auch gerne im halboffenen Bademantel durch’s Bild, kündigt aber seine Nacktauftritte immer laut an, so dass sich alle in Sicherheit bringen können.

In sorgfältig ausgestatteten Innenräumen legt sich fotogener Zigarrenrauch über die Gesichter brütender Politiker. Sowohl die prunkvollen Gemächer des Königs – der Churchill anfänglich sehr reserviert gegenübersteht – als auch die in düstere Petrolfarben getauchten, unterirdischen Kommandozentralen steigern den Schauwert eines konventionellen Kammerspiels der alten Schule.

Auch ein paar romantische Drehbucheinschübe sind erlaubt: Churchill besteigt erstmals in seinem Leben die U-Bahn und muss sich von einem Kind den Fahrplan erklären lassen. Endlich im richtigen Waggon gelandet, wird er von seinen britischen Bürgern mit offenem Mund angestarrt. Gute Gelegenheit für Winston, das Volk um seine Meinung zu fragen: Soll man mit den Nazis Friedensverhandlungen aufnehmen?

Die Antwort lautet unisono: niemals! Im heutigen Brexit-England nimmt sich Churchills furioser Kampf für das britische Empire, aber auch für ein friedliches Europa besonders brennend aus.

An einer Stelle zieht sich Churchill aufs Klo zurück, um den amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt um Hilfe gegen die Nazis zu bitten. Doch der wehrt – "so sorry!" – ab. Ihre 300.000 Soldaten am Strand von Dünkirchen, umzingelt von Deutschen, müssen die Briten alleine retten – doch das ist, wie gesagt, ein anderer Film.

INFO: UK 2017. 125 Min. Von Joe Wright. Mit Gary Oldman, Kristen Schott Thomas, Lily James.

KURIER-Wertung: