Kolumnen
09/14/2019

Wie die Wien-Liebe wachsen könnte

Auch in der lebenswertesten Stadt der Welt seien Anregungen zum noch besser werden gestattet. Deshalb ist man noch lang kein Raunzer.

von Barbara Mader

Die Nachricht von der neuerlichen Ernennung der österreichischen Bundeshauptstadt zur lebenswertesten Stadt des Universums erreichte das Redaktionskomitee der Wiener Ansichten im benachbarten Ausland.

An einem sonnigen Spätsommer-Morgen im bestimmt idyllischsten Ort Oberitaliens hatte das Komitee gerade den Mund voll frisch Gebackenem, als der deutsche Gast aus dem Nachbarzimmer die freudige Nachricht überbrachte. Sanft schwäbelnd, wirkte der Ton des Deutschen halb neidisch, halb spöttisch angesichts der Auszeichnung und nicht nur das Gebackene war schuld, dass dem Redaktionskomitee in diesem Moment die Worte fehlten. Es ist ja nicht so, dass wir diese Stadt nicht schätzen würden. Doch die (selbstverständlich ausschließlich zu Recherche-Zwecken unternommene) Auslands-Reise hatte da bereits die eine oder Anregung zur weiteren Intensivierung der unendlich großen Wien-Liebe erfahren.

Etwa den Wunsch nach Feinkostläden! Warum gibt es so wenige in Wien? Warum besteht unsere Nahversorger-Lage hauptsächlich aus Filialen von Supermarktketten? Klar sind auch in italienischen oder französischen Städten nicht nur Greißler, sondern auch Supermärkte daheim. Aber nicht so viele und deren Schriftzüge sind behutsamer im Stadtbild untergebracht als hierzulande. Kann es sein, dass Wiener für individuelle, kleine Läden samt ausführlicher Beratung zu ungeduldig geworden sind? Eine Beobachtung aus dem eingangs erwähnten italienischen Ort: Beim Greißler stellen sich ein paar Leut’ an, auch ein Wiener Paar möchte Salami und Prosciutto erwerben. Während die Italiener geduldig warten, mit den Verkäufern plaudern und sich an der Schönheit der Waren erfreuen, stürmen die Wiener, die sich wohlgemerkt auf Urlaub befinden, nach wenigen Minuten aus dem Geschäft, auf den Lippen ein entschlossenes „des dawoat ma ned.“

Die Eile muss eindeutig dem Heimweh nach Extrawurstsemmerln aus dem Supermarkt geschuldet sein.