Kolumnen
08/21/2021

Fabelhafte Welt: Sommer of Love

Über Dating-Probleme in Zeiten der Seuche.

von Vea Kaiser

Diesen Sommer hatten meine ungebundenen Freundinnen zum Summer of Love erklärt – als Gegenmittel zu den vergangenen Jahreszeiten der Einsamkeit. „Ma, wie aufregend!“, schwärmte ich, die als verheiratete Hochschwangere privat überhaupt nichts mehr erlebt. „Schau ma mal“, sagten meine Freundinnen, „die Pandemie hat auch am Liebesmarkt Spätfolgen angerichtet“. 

Ich wollte das zunächst nicht glauben, Liebe hat schließlich noch jede Seuche überdauert. Doch dann begannen meine Freundinnen zu erzählen: I. lernte einen Mann auf einer Dating-App kennen. Wochenlang gingen sie aus und verbrachten heiße Nächte bei ihr. Doch als sie ihn fragte, ob sie einmal bei ihm schlafen wollten, gestand er: „Also, noch bin ich in einer unglücklichen Beziehung. Damit ich bei einem potenziellen nächsten Lockdown nicht allein bin, wollte ich mit der Trennung warten, bis ich definitiv eine Bessere gefunden hab.“ T. traf einen klugen und feschen Kerl mit ähnlichen Interessen, der jedoch in den vergangenen eineinhalb Jahren jegliche Sozialkompetenz verlernt und die Couch so lieb gewonnen hatte, dass er wiederholt kurzfristig Verabredungen absagte, für die sie sich Zeit freigeschaufelt hatte: „Du, ich bleib zuhause und schau Netflix.“ M. geriet an einen Hypochonder, der trotz Impfung jedes Date vor einem Testcontainer beginnen ließ und vor der ersten gemeinsamen Nacht vorschlug, sich gemeinsam auf sexuell übertragbare Krankheiten untersuchen zu lassen: „Testen gehen ist sowieso schon Teil unserer Beziehung!“, sagte er. 

Nun, gegen Sommerende, sind meine Freundinnen etwas desillusioniert. „Nur noch Wahnsinnige da draußen!“, sagte M., woraufhin I. bemerkte: „Wahrscheinlich war das immer schon so, nur hat man das früher nicht so gemerkt. Extremsituationen bringen das wahre Wesen der Menschen heraus.“ Tja, gelobt sei das unaufgeregte, langweilige Privatleben. 

Vea Kaiser, das Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes Debüt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

vea.kaiser@kurier.at

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