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Sex in der Freizeit
10/06/2021

Sex als Trost: Der Akt als Reaktion auf Trauer

Was Trauer mit Sex zu tun hat? Viel. Denn mit intensiven sexuellen Gefühlen beamen sich manche Menschen aus dem Tief.

von Gabriele Kuhn

Die dritte Staffel der Netflix-Serie „Sex Education“ ist da – und es gibt viele gute Gründe, sie anzusehen. Und zu lieben. Weil sie mittlerweile nicht nur die Sexualität von Teenagern im Fokus hat, sondern auch die ihrer Eltern. Achtung, Binge-Watching-Gefahr!

Zuletzt hat mich folgende Szene besonders berührt und nachdenklich gemacht: Ein älteres Paar hat in einem Wohnmobil heftigen Sex. So heftig, dass ein Küchengerät aus der Verankerung fällt und die heiß geliebte Katze erschlägt. Doch statt zu trauern, will die Frau von nun an ununterbrochen Sex mit ihrem Partner, der diesem Exzess an Lust kaum mehr folgen kann. Körperlich wie psychisch nicht. Schließlich zeigt sich, warum die Frau das tut: Sex ist ihre Trauerbewältigungsstrategie. Mit Hilfe der damit verbundenen intensiven Gefühle vermeidet sie den Verlust-Schmerz, übermalt ihn mit Orgasmen und Dopaminräuschen. Mich erinnert das sofort an ein Buch, das ich irgendwann einmal gelesen habe, es heißt „Auch das wird vergehen“, von Milena Busquets. Darin scheint die Protagonistin zu versuchen, die tiefe Trauer über den Verlust ihrer Mutter durch Sex zu überwinden. Vermutlich geht es aber um noch viel mehr: Sex als Gegengift zur eigenen Endlichkeit und zum eigenen Verfall. Sie schreibt: „So viel ich weiß, ist das Einzige, was einem keinen Kater verursacht und was für Augenblicke den Tod – wie auch das Leben – verschwinden lässt, Sex. Seine Sprengkraft pulverisiert alles.“ Und später: „Das Gegenteil von Tod ist nicht das Leben, sondern Sex.“ Weil er uns im „Hier und Jetzt festzurrt.“ Dass Sex Schmerz lindern kann, ist bekannt. Beim Koitus und schließlich beim Höhepunkt baden wir geradezu in Botenstoffen, die uns beruhigen, high machen, alles rundherum vergessen lassen.

Zu vögeln, ist Aufputsch- und Beruhigungsmittel in einem. Dabei beamen sich Menschen in eine andere Dimension, weg von dem, was ist. Ein Vergessen, wenn auch nur für schnelle Momente. Darin liegt eine große Gefahr, denn im schlimmsten Fall entsteht daraus eine Nonstop-Flucht mit Suchtcharakter. Statt die Leere zu spüren, tiefe Traurigkeit oder Verzweiflung, betäuben sich Menschen mit Verschmelzungsfantasien. Rennen von sich selbst weg und von ihren tiefen Emotionen. Dann wird nicht verarbeitet, sondern verdrängt. Genau genommen, fungiert der Akt nun als Droge, von der man nie genug kriegen kann. Sinnliches Erleben als Trost, der alles vergessen macht, was bedrückt und daher nicht gespürt/gesehen werden möchte. Eros schenkt (vermeintliche) Fülle und eine Form von Erlösungsträumen, die befreien. Das hat schon der berühmte Psychotherapeut Irvin D. Yalom in seinen vielen Arbeiten und Büchern thematisiert. In „Denn alles ist vergänglich“ schreibt er: „Ich halte Sex für den Antagonisten des Todes schlechthin. Ist der Orgasmus nicht der primäre Lebensfunke? Ich weiß von vielen Beispielen, in denen sexuelle Gefühle entstehen, um Todesängste zu neutralisieren.“ Nicht nur: Auch Trennungen von einem geliebten Partner – ohne, dass dieser stirbt – werden manchmal mit einem Übermaß an Sex übertüncht. Ebenso Liebeskummer, oder das Entdecken einer Affäre. Ein Phänomen, das zuletzt als „Rebound-Sex“ bekannt wurde. Sex fungiert hier ebenso als Schmerzkiller: flüchtige One-Night-Stands, um Gefühltes oder die bittere Realität zu mildern oder aber um den eigenen Selbstwert zu pimpen. Das kann kurzfristig helfen – eine langfristige Strategie ist’s allerdings nicht. Irgendwann müssen wir in alles, was schmerzt, eintauchen, um es für immer zu integrieren.

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