Gunter Sachs mit Brigitte Bardot

© Bettmann Archive/Bettmann/Getty Images

freizeit
09/29/2021

Glamour von gestern: Ist der Playboy ausgestorben?

Im Cabrio durch Monte Carlo, kein Job, dafür gesellschaftliche Vergnügen und schöne Frauen im Sinn. Das Bild sitzt tief in unseren Köpfen. Doch existiert der Playboy überhaupt noch?

von Alexander Kern

Der Playboy ist tot. Das ist nicht nur ein guter Einstieg, man muss das so klar und deutlich festhalten: Der Playboy von einst, so elegant er auch war – und, ja, auch zwielichtig, stets mit einer Reputation zwischen Weltmann und Heiratsschwindler – die Zeit hat ihn eingeholt, er ist so gut wie ausgestorben. Niemand hat ihn mehr benötigt, er wurde ausrangiert. Bis irgendwann keiner mehr merkte, dass er gar nicht mehr da war. Tot. Dabei war, wo er einem Gesellschaft währte, immer das Confetti des Dolce Vita: Champagner, Vergnügen, Schönheit. 

Hohepriester des Hedonismus

All das schützt vor dem Aussterben nicht. Playboys gibt es nicht mehr, so wie es keine Sexbomben, It-Girls, Pin-ups mehr gibt. Doch für eine gewisse Zeitspanne, da steppte der Bär: nachdem man hierzulande aus den Trümmern der Nachkriegszeit in die biederen Fünfzigerjahre schlitterte. Eine gute Zeit lang, bevor die sexuelle Revolution der Sechziger am Horizont dämmerte (zumindest in Amerika) und gaaanz lange, bevor die Hippies und Hendrix endgültig alles auf den Kopf stellten); als abends „Was bin ich“ lief und man morgens früh aus dem Bett hüpfte, Butterbrot und Knacker eingepackt, und dann husch, husch in die Arbeit. Eine Zeit, als beim Sex das Licht ausgeschaltet blieb.

In dieser Zeit eroberten Playboys sich in einem exotisch glamourösen Gegenentwurf zur eigenen Wirtschaftswunder-Welt ein Leben, das für viele unerreichbar schien. Und unerhört. Playboys waren anti-bürgerlich, verrucht, Outlaws des Sex. Hohepriester des Hedonismus. Aber kultiviert. Ihre Spielplätze: auf jeden Fall die Côte d'Azur, am besten Monte Carlo und Saint-Tropez. Portofino, St. Moritz. Überall dort, wo ein gut frisierter Mann, der sich selbstsicher durch die luxuriösen Requisiten des Jetset zu bewegen verstand und eine Vorliebe für schöne Frauen, schöne Autos, Genuss und Abenteuer besaß, sich beherzt auszutoben imstande war. 

Weltgewandt sollte er sein – und ein Lebemann, eine weitere Etikettierung, die dem Playboy anhaftet, wie die Blondine am Arm und der Martini in der Hand. Der Synonyme gibt es gut ein halbes Dutzend. Salonlöwe etwa, was irgendwie auf das Talent zum sozialen Kontakt anspielt. Filou – damit könnte der Hang zum Müßiggänger gemeint sein, der andere mit seinem Charme einkocht und sich so geschickt durch die Wirrnisse des Lebens laviert.

Der englische Dandy scheint ein Vorfahre zu sein: Ein eleganter Herr, durch und durch ein Styler, unverschämt reich, gebildet, Genussmensch. All das vereint der Playboy, den man übrigens auch in der Bibliothek anzutreffen vermag. Literarisch ist er auf gewisse Weise durch die Eskapaden des Giacomo Casanova vertreten.

Guy de Maupassant wiederum hat bei ihm in seinem Roman „Bel-Ami“ einen hässlichen Wesenszug in den Vordergrund gerückt: die selbstsüchtige Kühnheit, dank seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft Karriere zu machen. Alles in allem ist der Playboy ein Potpourri – und in den meisten Fällen vor allem ein Mann, für den die Höhe seiner Ausgaben kaum eine Rolle spielt und der vorwiegend gesellschaftlichen Vergnügungen frönt.

Geregelte Arbeit? Bitte nicht 

„Arbeit? Für Arbeit habe ich keine Zeit!“, tönte der legendäre Porfirio Rubirosa einmal in einem Interview. Der dominikanische Diplomat gilt als der legendäre Gottseibeiuns aller Playboys. Ein unverschämt gut aussehender Mann, der im Smoking ebenso grandiose Figur machte wie an den Zügeln eines Reitpferdes. Gemeißelte Kinnlinie, markantes Abenteurer-Gesicht, meist ein stolz-verspieltes Lächeln auf den Lippen.

Zum Letzteren wird wohl auch sein durchschlagender Erfolg bei Frauen beigetragen haben, und zwar nicht bei irgendwelchen Frauen, sondern den begehrenswertesten der Welt. Die verruchte Ava Gardner erlag ebenso seinem Charme wie die zerbrechliche Marilyn Monroe, die dominante Joan Crawford gleichfalls wie die kämpferische Evita Perón, dazu gesellen sich in der illustren Liste weitere Filmstars wie Dolores del Río, Jayne Mansfield, Zsa Zsa Gabor oder Veronica Lake.

Zudem brachte Rubirosa das Kunststück zustande, zweimal die reichste Frau der Welt zu heiraten. Einmal ehelichte der Diplomat der Dominikanischen Republik Doris Duke, danach Barbara Hutton, die das Erbe des Woolworth-Kaufhausimperiums zu verjubeln hatte. Hutton war berüchtigt für ihren verschwenderischen Lebensstil, was Rubirosa, der exklusiven Zeitvertreib wie den Polo-Sport und Sportwagen schätzte, eher nicht gegen den Strich ging. 

Tod im Ferrari

„Die meisten Männer wünschen sich, ein Vermögen zu verdienen. Ich will einfach nur ein Vermögen ausgeben“ ist als selbstsichere Selbsteinschätzung von Rubirosa überliefert; nach seinem Beruf befragt, gab der elegante Macho mit Nähe zum dominikanischen Diktator Trujillo an: „Frauen.“

Rubirosas Tod ist angesichts seines Lebensstils als ausgesprochen standesgemäß zu bezeichnen: Er starb im Ferrari. Ein schadhaftes Lenkgetriebe seines 250 GT ließ ihn, der mehrmals beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans gestartet war, auf regennasser Straße mit letalen Folgen gegen einen Kastanienbaum prallen. Der Fahrt ging eine ausgelassene Feier im Nachtklub Jimmy’s anlässlich des Sieges seines Polo-Teams voraus.

Liebe am Boot mit der Bardot

Risiken, denen sich ein anderer legendärer Playboy nach eigener Aussage nicht immer vollständig ausgesetzt hatte. Denn auch Gunter Sachs hatte einen Hang zum halsbrecherischen Habitus hinterm Volant. An den Küstenstraßen der Côte d’Azur fuhr der deutsche Industriellenerbe rasante Autorennen mit Leuten wie Prinz Ali Khan (der später selbst in einem Lancia verunglückte). Jedoch: „Wenn es in einer Kurve zu einem Duell kam, ging ich vom Gas. Vielleicht, weil ich an die bevorstehende Nacht mit Tatjana dachte ...“, so der schlaue Sachs.

Ein Draufgänger, das musste man allerdings schon immer sein, so als Playboy. Sich was trauen, auch wenn es verrückt schien – oder aussichtslos. Wie sonst sollte man auf die Idee kommen – wir wiederholen die berühmte Story an dieser Stelle gerne nochmal –, aus dem Hubschrauber hunderte Rosen über dem Anwesen von Brigitte Bardot abzuwerfen, um so den damals meist verehrten Filmstar zu erobern (und dann selbst hinterher ins Meer zu hechten, mitsamt – leeren – Louis-Vuitton-Koffern)? Was später ja, auf dem Heck eines zu diesem Zeitpunkt führerlosen Motorbootes im Mondlicht, auch gelang. 

Diese Ehe musste scheitern

Dass die darauffolgende Ehe der beiden allerdings schieflaufen musste, war auch vorprogrammiert. Die Bardot beklagte, sie hätte mit Sachs zugleich eine „ganze Sippschaft herumscharwenzelnder Playboys“ geheiratet, „die durch Komplizenschaft enger zusammengeschweißt waren, als es eine Ehe je vermochte“.

Sachs wiederum, der später eine lange, glückliche Ehe mit einem schwedischen Model führte, sich einen Namen als Fotograf sowie Kunstsammler machte und mit 78 ob einer Alzheimer-Erkrankung Suizid beging, gab nüchtern zu Protokoll: „Der Held hält nie lange bei Frauen. Die Bardot war zwar erst einmal entzückt. Aber dann beschwerte sie sich, dass in ihrem Garten überall Rosen herumlagen.“

Den Begriff „Playboy“ sah Sachs skeptisch. Kaum mehr als zehn Herren gestand er das Gütesiegel zu. Alfonso Prinz zu Hohenlohe kann dazu gezählt werden, er verwandelte das verschlafene Fischerdorf Marbella in einen Hotspot des Jetsets. Und natürlich Gianni Agnelli. Bevor ihm ein Autounfall beinahe das Leben kostete und er die Geschicke von Fiat übernahm, ging er gern aufs Ganze, ob beim Skifahren, Segeln oder der Liebe zu Anita Ekberg. Und doch verkörperte Agnelli mehr als einen Manager und Frauenliebling: Die Herzen des ganzen Landes flogen ihm zu. Agnelli, das war der heimliche König von Italien. 

Die Playboys von heute

Und heute? Es scheint, als wäre die kleine Clique der Playboys in Form weltgewandter Tausendsassas einer großen Meute an Westentaschen-Lebemännern gewichen. Es regiert der Protz. Vom Irrglauben, man lebe ein unverwechselbar sensationelles Leben, zeugen jeden Tag zig Postings auf Instagram. Sehnsüchtig blicken wir nach Hollywood. 

Immerhin, George Clooney – who else? – stellt in gewisser Weise den guten alten Playboy dar: Riva-Motorboot, Comer See, klassisches Flair. Souverän verkörpert Clooney alles, was Sachs dem Playboy zuordnete: „Geist, Gewitztheit, Übermut, Geld.“ Mit der Menschenrechtsanwältin Amal Alamuddin, die etwa Julian Assange vertrat, rettete er sich mit Würde in die Ehe. Wer die Zeichen der Zeit übersieht, gibt sich als ewiger, nie altern wollender Lebemann bald der Lächerlichkeit preis. 

Jude Law wandelte einige Zeit auf diesem schmalen Grat. Auch mit lichtem Haar und Wohlstandsbäuchlein schien sich der smarte Womanizer nicht von seinen Ausschweifungen abbringen lassen zu wollen. (Wer sich übrigens daran aufrichten möchte, wie selbst Jude Law bei einer Frau, noch dazu Playboy-Model, abblitzen kann – gibt’s bei YouTube, einfach „Jude Law drunk in Budapest“ eingeben.) Seit zwei Jahren ist er in zweiter Ehe verheiratet.

Selbst Partytiger Leonardo DiCaprio lässt es an der Seite der 24-jährigen Camila Morrone mittlerweile ruhiger angehen. Bei Dates mit Supermodels setzte er bis dahin gern auf Understatement: Mit Bar Refaeli, Nina Agdal oder Toni Garrn fuhr er nicht im Rolls-Royce vor, sondern machte mit ihnen einen Radausflug. Der smarte Oscar-Gewinner hatte, wie’s scheint, begriffen, dass die alten Reize sich überholt haben – und zäumte das Pferd von hinten auf. Mit Erfolg. 

Sein Kumpel Orlando Bloom, auch er sesshaft geworden, scheint die draufgängerischen Zeiten hingegen zu vermissen. In einem Interview bekannte er Anfang dieses Jahres:  „Ich liebe es, Vater zu sein – Adrenalin ist jedoch eines der Dinge, die mich aufrecht halten.“ Sehnsucht und Trotz klingen da durch. „Da ist dieser Junge aus Kent in mir, der ab und zu mal raus will – ich habe diesen Draufgänger immer noch in mir.“ 
Der Lebemann mag zwar aus der Zeit gefallen sein. Tot zu kriegen ist er aber scheinbar doch nicht ganz.

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