Kolumnen
02/19/2020

Rabinowich geht essen: Die Tortenfrau im Café Bazar

Hier gibt es immer noch täglich alles zu treffen, was man in der Stadt Salzburg treffen kann.

von Julya Rabinowich

Salzburg ist ja eigentlich für Jedermann reserviert. Aber abgesehen davon gibt es in Salzburg nicht nur den jährlichen rituellen Aufmarsch der Gladiatoren in der Getreidegasse und die audiovisuellen Höhen- und Höllenflüge der Festspiele, sondern auch ein schönes, feines Literaturhaus, das seit Jahrzehnten für spannendes, qualitatives Rundumprogramm sorgt, von reichweitenstarken Blockbustern bis zu schräg intensiven Geheimtipps der Literatur, samt Krimi und Jugend und Ausstellungen. Und irgendwo ist dieses Haus auch mein eigener literarischer Urknall: meine erste hochoffizielle Literaturhaus- lesung fand hier statt. Es ist also sozusagen mein Brutort geworden. Und wer brütet, der benötigt Nahrung. Nicht nur geistige. Im Literaturhaus gibt es zwar ein Beisl, aber am Fluss und gleich neben einer der Liebesschlossbrücken gibt es das Café

Bazar, das sich als Epizentrum der Salzburger Kulturlandschaft positioniert. Im Sommer mit einem entzückenden Schanigarten mit Blick auf Festung und Wasser und Himmel und Fels. Im Winter gemütlich mit den feinen Lustern, die sich in der Spiegelung der Winterfinsternis hinter den Fenstern in die Unendlichkeit vermehren, ein Universum aus Licht und dem Glamour vergangener Epochen. Hier waren Marlene Dietrich, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Miller und Romy Schneider zu Gast. Hier gibt es immer noch täglich alles zu treffen, was man in der Stadt treffen kann: von Kulturjournalisten bis Schreibenden, von Kunstschaffenden bis Zaungästen, von Studenten bis Pensionisten, ganz Salzburg ist hier und begutachtet sich gegenseitig, hinter den ausgebreiteten Seiten diverser Zeitungsformate und Sonnenbrillen ebenso diverser Formate verhüllt. Und es war bestimmt noch kein einziges Mal so, dass ich wirklich allein drinnen sitzen blieb, wenn ich allein hineinkam. Im gesellschaftlichen Sinne. Auch im kulinarischen Sinne bleibt man hier sowieso nie allein. Leider habe ich in dieser Kolumne schon so vielen Apfelstrudeln die Bühne geboten, dass ich den hauseigenen Bazar’schen überspringen muss, ich versichere aber an dieser Stelle von ganzem Herzen, dass auch er äußerst empfehlenswert ist. Der Kaffee ist als Schreibbegleitung immer ein Muss, und wenn man in der Wortflut festhängt, hilft ein wenig Versüßendes immer auf die Sprünge. Dieses Mal also: zuerst ein wärmender Ingwertrunk mit Honig, um in die Gänge zu kommen. Danach Espresso Macchiato und ein Linzerkuchen mit charakteristischem gezahnten Mürbteiggitter- muster und fruchtiger, glänzend dunkelroter Himbeermarmelade, die dem nussigen Teig eine süßliche Säure entgegensetzt. Obwohl es zugegebenerweise eigentlich ein wenig absurd ist, in Salzburg einen Linzerkuchen zu verspeisen. Hier galt dennoch: keine Einwände, Euer Ehren! Und weil genug nie genug ist, folgte dem Linzerkuchen eine frische Erdbeerjoghurttorte mit schaumigem Innenleben, zartrosa und saftig, auf einem fedrig leichten Biskuitboden gebettet und bald darauf auf rätselhafte Art und Weise verschwunden. Ach, die schönen Dinge des Lebens sind vergänglich, das musste bereits Jedermann auf recht deftige Art und Weise kennenlernen. Und warum sollte es der Tortenfrau besser ergehen als dem Jedermann? Da hätte nicht einmal Faust in dieser Situation mehr helfen können. „Verweile doch, du bist so schön“ ist bei guten Torten einfach vollkommen unmöglich.

Café Bazar
Schwarzstrasse 3, 5020 Salzburg
Tel. 0662/87 42 78, cafe-bazar.at
Geöffnet Montag bis Samstag  von 7.30 bis 19.30 Uhr, Sonn- und Feiertag 9 bis 18 Uhr Keine Reservierungen möglich!