Paaradox: Genie und Wahnsinn

Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl
Er zieht sich in sein Schneckenhaus zurück, weil er an einem neuen Programm tüftelt. Sie hat dazu jede Menge Ideen. Kann das gutgehen?
Gabriele Kuhn

Gabriele Kuhn

Michael Hufnagl

Michael Hufnagl

Sie

Ja, der Mann gegenüber ist aktuell sehr beschäftigt. In jeder freien Minute arbeitet er an seinem neuen Solo-Programm – was unüberhörbar und unüberspürbar ist. Er sagt dann gerne Bedeutungsvolles, wie: Nur wer viel allein ist, lernt gut denken. Oder: Das Genie hat etwas vom Instinkt der Zugvögel. (von einem gewissen Jakob Boßhart). Ja eh. Und was mache ich? Nun, meine bescheidene Rolle in diesem höchst aufwändigen Schaffensprozess ist es, einfach nur da zu sein – als Internistin auf seiner Herzstation, quasi. Stets gerüstet für emotionale Notfälle.

Rescue-Tropfen

Um den Puls seiner Befindlichkeit idealerweise so zu antizipieren, dass ich ihm prophylaktisch Balsam auf die Seele schmieren und dazu Rescue-Tropfen, Antitranspirant sowie Hühnersuppe reichen kann. Ich defibrilliere, kalibriere, spende Trost, mache Mut und höre zu, wie er laut denkt und leise zweifelt. Denn natürlich kreiert er den großen Wurf nicht linear, sondern bewegt sich dabei auf einer schöpferischen Hochschaubahn, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Erst unlängst rief er mir zu, dass ich seine Muse wäre. Dramatisch überzeichnet und nur, weil ich ihm erzählte, dass ein Fadenwurm namens „Caenorhabditis elegans“ dem Menschen erstaunlicherweise ähnelt. Während er Aha! rief und googelte, dachte ich über das Musen-Ding nach und skizzierte mich geistig als Kalliope, die Schönstimmige. Die Hauptmuse und Mutter des Orpheus, zuständig für Saitenspiel, Epik und heroische Dichtung. Und verbunden mit den Attributen „Schreibtafel“ und „Griffel“. Wenn ich dann aber endlich lesen möchte, was er so vor sich hindichtet, wird er störrisch: Sicher nicht! Das bringt nur Unglück. Erst, wenn es wirklich fertig ist. Also eh schon zwei, drei Tage vor der Premiere. Bis dahin werde ich einatmen, ausatmen und mich darin üben, exzessiv ruhig zu bleiben, frei nach Laotse: „Erledige deine Arbeit, dann tritt zurück. Der einzige Weg zur Gelassenheit.“

gabriele.kuhn / facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Ja, ich schreibe und schreibe. Weil in zwei Monaten hat das neue Kabarett zum Thema „Ein Jungspund hat plötzlich Alterserscheinungen“ Premiere. Diese Mission, für die ich mich gerne ins Schneckenhaus zurückziehe, ist für meine Frau eine ebenso fordernde Prüfung wie für mich. Sie weiß nix und muss warten, schwierig. Prompt begibt sie sich auf die Spuren des englischen Literaturkritikers Samuel Johnson, der schrieb: Neugier ist eine der festen und ständigen Eigenschaften eines energischen Geistes. Und stellt Fragen wie Na, kommst du voran? oder Na, wird’s eh lustig? Was lediglich bedeutet: Ich hätte auch ein paar gute Ideen, magst du sie hören? Darauf muss ich gar nicht antworten, weil sie ihre Input-Feuerwerke sowieso verlässlich zündet.

Tückisch

So übermittelt sie mir vor allem Gedanken über körperliche Indizien des Älterwerdens (das muss unbedingt ins Programm!) und lässt sich auch nicht davon abbringen, wenn ich ihr sage: „Ich habe das  ohnehin in einem großen Block,  mit dem Titel „Die Erde ist eine Bandscheibe.“ Gut, denkt sich gnä Kuhn, dann eben anders. Unlängst schickte sie mir Ausführungen über einen Fadenwurm, mit der Vorstellung, dass dessen Funktion als Modellorganismus ein wertvoller Kabarettbeitrag sein könnte – das könnte man witzig schreiben. Ich prüfte … und antwortete: „Hm, ein Teil der Caenorhabditis elegans besteht aus Zwittern, die sich durch Selbstbefruchtung fortpflanzen, der andere Teil aus Männchen, die mit den Zwittern kopulieren. Da könnte es mit der originellen Analogie tückisch werden.“ Schon rollte die Muse mit den Augen. Und sagte spitz: Naja, sagst halt, wenn’s was brauchst. Ich wollte schon „Fleischlaberl“ formulieren … aber wenn man im Alter etwas gelernt hat, dann, im richtigen Moment zu schweigen.

Neues Solo „Musst du so schlürfen?“  : 17. 2. Wilheringerhof, Klosterneuburg, 22. 2., 26. 3., CasaNova Wien, 20. 3., Studio Akzent, 20. 4.,  Stadtgalerie Mödling

michael.hufnagl / facebook.com/michael.hufnagl9 

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